Blumen liegen am Hauptbahnhof Frankfurt.
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Nach der Tat drückten Menschen ihre Anteilnahme mit Blumen, Kuscheltieren und Beileidsbekundungen aus.

Bahngleis-Prozess

Tödliche Gleisattacke am Hauptbahnhof: Täter muss dauerhaft in Psychiatrie

  • Stefan Behr
    vonStefan Behr
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Vor dem Landgericht in Frankfurt endet der Prozess um den am Gleis 7 getöteten achtjährigen Jungen. Der Täter muss dauerhaft in die Psychiatrie.

  • Das Landgericht Frankfurt verkündet im Bahngleis-Prozess das Urteil.
  • Nach der tödlichen Attacke am Hauptbahnhof muss der Täter dauerhaft in die Psychiatrie.
  • In der Urteilsbegründung heißt es: Eine „erschütternde, sinnlose Tat“.

Frankfurt – Das Urteil, das der Vorsitzende Richter Jörn Immerschmitt am Freitagmittag (28.08.2020) verkündet, war in dieser Form nicht bloß absehbar, es war unvermeidlich. Habte A., der vor einem Jahr an Gleis 7 des Hauptbahnhofs einen Achtjährigen und dessen Mutter vor einen einfahrenden ICE gestoßen hatte, wird in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen. Ob er sie je wieder verlassen wird, ist mehr als fraglich. A. ist schuldunfähig, er leidet unter paranoider Schizophrenie, und laut Gutachten ist seine „schwere seelische Behinderung“ in einem Maße schwerwiegend, das eine Genesung selbst in ferner Zukunft unwahrscheinlich macht.

Gleisattacke am Hauptbahnhof Frankfurt: Eine „erschütternde, sinnlose Tat“

Es war eine „erschütternde, sinnlose Tat“, so Immerschmitt in der Urteilsbegründung, und es war ein erschütternder Prozess, „sehr bedrückend für alle Beteiligten und alle Beobachter“. Nicht wenige immer noch traumatisierte Zeugen brachen bei ihrer Aussage in Tränen aus, und auch Immerschmitt, eigentlich eher eine Frohnatur, hatte „mehrmals mit den Emotionen gerungen“ und „Worte verschluckt“.

Es war einer jener schwer zu beschreibenden Momente, als der Vater des getöteten Jungen als Nebenkläger am vorletzten Verhandlungstag nach den gehaltenen Plädoyers das Wort persönlich an Habte A. richtete. Er habe nur eine einzige Frage: „Warum? Warum haben Sie meinen Sohn ermordet? Warum haben Sie das getan?“ Und so abgedroschen das klingt: Die Stille, die dieser Frage folgte, war atemlos. Eine Antwort gab es nicht. Habte A. schwieg wie den ganzen Prozess über, das Gesicht hinter einer Schutzmaske, den Blick ins Leere gerichtet.

Bahngleis-Prozess in Frankfurt: „Wir haben keine Lösung für Ihre Trauer und Schmerzen“

„Ihr Sohn wäre ganz sicher sehr stolz auf Sie“, wendet sich Immerschmitt am Freitag an den Vater, der jeden einzelnen Prozesstag verfolgt hatte. Die Mutter, die sich damals in letzter Sekunde vor dem einfahrenden ICE hatte in Sicherheit bringen können – nicht wissend, dass ihr Sohn kurz nach ihr ebenfalls von A. auf die Gleise gestoßen worden war – war nicht in der Lage, im Prozess auch nur auszusagen.

Nach Ansicht der Kammer handelt es sich bei der Tat um Mord und versuchten Mord – und nicht, wie angeklagt, um Totschlag. Diese Frage habe praktisch „keinerlei Bedeutung“, so Immerschmitt, sie sei auch für die Frage der Unterbringung nicht von Belang, aber diese zumindest akademisch interessante Frage habe der Kammer als emotionale Krücke gedient. Durch sie sei es den Juristen und Laienrichtern zumindest zeitweise gelungen, „diesem verheerenden Gefühl der Hilflosigkeit zu entkommen“. „Wir haben keine Lösung für Ihre Trauer und Schmerzen“, sagt Immerschmitt dem Vater, bevor er sich an den Beschuldigten wendet: „Auch Ihre Krankheit heilen wir nicht.“

Prozess um Gleisattacke am Hauptbahnhof Frankfurt: Kammer agiert empathisch

Dass das Verfahren nicht die Grenzen des Zumutbaren sprengte, ist vor allem der Verfahrensführung der Kammer zu verdanken: behutsam, empathisch, zurückgenommen. Man habe bewusst darauf verzichtet, sagt der Vorsitzende, sichtlich verzweifelte Zeugen eingehender zu befragen, auch wenn ihre Aussagen vor Gericht sich mitunter in Details von denen gegenüber der Polizei unterschieden hätten. Und mitunter ließ die Kammer auch Fragen und Kommentare der Nebenklage unbeanstandet, die sie durchaus hätte beanstanden können.

Es ist aber auch das Verdienst von Habte A.s Pflichtverteidigern Stefan Bonn und Hardi Schuster. An manchen Verhandlungstagen hatte man fast vergessen, dass sie überhaupt da waren. Was nicht heißt, dass sie ihre Arbeit nicht gemacht hätten, das haben sie. Aber sie taten es mit Bedacht und vertraten die Interessen ihres Mandanten auf eine Weise, die niemals die Würde der Opfer, ihrer Angehörigen und der Zeugen verletzte. Man sollte meinen, dass dies in Prozessen dieser Art eine Selbstverständlichkeit sein sollte. Aber das ist es nicht.

Bahngleis-Prozess in Frankfurt – „Kein verurteilter Mörder im Gefängnis würde mit Herrn A. tauschen wollen!“

Dass die Vorstellung, Habte A. könne jemals wieder freikommen, für die Eltern des getöteten Jungen unerträglich ist, ist der Kammer bewusst. Ebenso, dass die Unterbringung in der geschlossenen Psychiatrie in einschlägigen Kreisen als ein von einer Kuscheljustiz verordneter Kuraufenthalt geschmäht werden wird. Von diesem erwartbaren „Stammtischgeschwätz“, so Immerschmitt, habe sich die Kammer bei ihrer Urteilsfindung nicht einmal ansatzweise beeinträchtigen lassen. Weder was die Verweildauer noch die Bedingungen der Unterbringung angehe, habe A. in irgendeiner Weise einen Vorteil gegenüber einem schuldfähigen Verbrecher. „Kein verurteilter Mörder im Gefängnis würde mit Herrn A. tauschen wollen!“ (Stefan Behr)

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