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In der neuen Ausstellung zu sehen: Joseph Beuys, Boxkampf für direkte Demokratie, 1972.

Interview

„Ich glaube an die Kraft der Veränderung“

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Susanne Pfeffer, Direktorin des Museums für Moderne Kunst, über ihren Kampf gegen die Kapitalisierung der Gesellschaft und die kommende große Ausstellung „Museum“.

Frau Pfeffer, Sir haben bis zum 26. Mai sieben Monate lang im Museum für Moderne Kunst (MMK) eine Ausstellung der US-Künstlerin Cady Noland gezeigt. Das ist eine ungewöhnlich lange Zeit. Noland verstört durch ihre Installationen zu Gewalt und Ausgrenzung, die einen kritischen Blick auf den Zustand der USA werfen. Wie war die Rezeption dieser Ausstellung?
Die Ausstellung war eine kleine Sensation. Cady Noland hatte 22 Jahre lang keine Schau gezeigt und ihr Werk war bislang immer nur vereinzelt, noch nie in einer umfangreichen Ausstellung, zu sehen. Ich wollte bewusst diese lange Dauer von Oktober bis Mai, damit die Menschen das Werk in Ruhe erfahren konnten. Die Ausstellung hat viele berührt und nachdenklich gemacht. Es kamen Besucher aus New York oder aus Los Angeles, Stockholm und Korea, für einen Tag, nur um die Ausstellung von Cady Noland zu sehen. Sehr viele Besucher kamen von sehr weit angereist, viele besuchten die Ausstellung mehrfach. Diejenigen, die das Werk von Cady Noland von früher kannten, sagten dann, sie hätten es mit neuen Augen gesehen. Ganz viele junge Künstler kamen, um das Werk überhaupt erleben zu können.

Sie wollten bewusst diese lange Laufzeit?
Ja, absolut, die große Resonanz hat uns darin bestätigt. Es hat jetzt auch ein tolles Ende gefunden: Cady Noland hat zugestimmt, dass ein Katalog entstehen kann. Auf diese Weise halten wir ihr Werk zugänglich. Ich habe die Räume und Arbeiten schon in der Ausstellung fotografieren lassen. Es ist wichtig, auch die Textur und Materialität genau zu dokumentieren und zu zeigen. Darüber hinaus ist es wichtig, was ja schon mit unserem Symposium „One Day on Cady Noland“ begonnen hat, den theoretischen Diskurs anzustoßen und voranzutreiben.

Die Wirklichkeit in den USA hat die Ausstellung eingeholt, vielleicht sogar überholt.
Tatsächlich haben diese gesellschaftlichen Veränderungen schon mit George H.W. Bush begonnen und haben sich bis zu Trump fortgesetzt. Cady Noland hat diese Dynamiken schon damals wahrgenommen, analysiert und in ihrem Werk veranschaulicht. In Deutschland hat man sie in den 1980er Jahren wahrscheinlich noch eher als US-amerikanisch wahrgenommen, doch heute ist offenkundig, dass ihr Thema, die sozio-ökonomische Härte, die die Gesellschaft bestimmt, in Deutschland, ja in ganz Europa ebenso stattgefunden hat.

Sie haben lange gewartet, bis Sie über die neue Ausstellung im Haupthaus des MMK sprechen. Warum haben Sie so lange gebraucht?
Meine kuratorische Arbeit steht dafür, dass ich sorgfältig und mit Bedacht ein neues und eigenes Programm entwickele. Ende Oktober vorigen Jahres wurde das Haus mit gleich drei neuen Ausstellungen eröffnet, die alle speziell für Frankfurt, den Ort und die Besucher konzipiert waren, also vorher noch nie zu sehen waren. Und natürlich gibt es Projekte für die kommenden Jahre, an denen im Hintergrund gearbeitet wird. Dennoch gibt es immer mehr Ausstellungen, die aufeinander aufbauen und nicht willkürlich gesetzt sind. Die kommende Ausstellung bezieht sich beispielsweise explizit auf die vorherigen und auch die gesellschaftliche Stimmung gerade. Als Museum für Gegenwart möchte ich immer bereit sein, diese Form von Zeitgenossenschaft in die Museumsarbeit aufuzunehmen. Dazu gehören Themenausstellungen, aber auch Neuproduktionen für die Sammlung. 

Gab es keinen Druck aus der Politik? Wollte man nicht rasch eine neue Ausstellung?
Nein, es gibt auch keinen Grund für bestimmte Taktungen oder Zeitabfolgen, das Besondere an der Arbeit im Museum ist, das man seine eigene Zeit setzen kann. Ich glaube, es ist sichtbar geworden, dass ich für das Museum für Moderne Kunst eine eigene Handschrift entwickeln möchte und Ausstellungen zeige, die vielleicht woanders nicht zu sehen sind.

Was werden wir sehen?
Es geht darum, in einer Zeit von permanentem Wandel und begleitender Ohnmacht andere Räume zu öffnen und zu besetzen. Die Ausstellung „Museum“ möchte mit Werken aus der Sammlung, Leihgaben und Neuproduktionen heutige Freiheitsräume der Kunst und damit des gegenwärtigen Museums öffnen, um mit Gesten der Transformation, Transgression und Gestaltung das Andere als Möglichkeit zu denken und erfahrbar zu machen.

Es werden Arbeiten aus dem Fundus gezeigt?
Ja, viele Arbeiten aus der Sammlung, aber auch neue Arbeiten. Jana Euler, die Absolventin der Städelschule war, und Anne Imhof, die ich 2017 eingeladen habe, den deutschen Pavillon bei der Biennale in Venedig zu gestalten, haben neue Arbeiten extra für die Räume des MMK entwickelt. Daneben werden wir auch einige Leihgaben haben. Die Ausstellung wird das ganze Haus umfassen.

Susanne Pfeffer (45) leitet seit 2018 das Museum für Moderne Kunst. 2017 gewann sie den Goldenen Löwen bei der Biennale in Venedig.

Wenn man „Museum“ hört, denkt man an etwas Bewahrendes.
Nicht nur! Für mich steht ein gutes zeitgenössisches Museum auch für stetige Veränderung. Aber natürlich ist ein Museum ein Archiv, ein Ort des Bewahrens und der Forschung. Wir forschen permanent, ein Anspruch, den wir durch Symposien, Kataloge und der Digitalisierung unserer Archive nachkommen. Wie beispielsweise das Archiv Peter Roehr, das bereits komplett aufgearbeitet und digital zugänglich gemacht wurde. Aktuell wird das Archiv des früheren Direktors Jean-Christophe Ammann aufgearbeitet, einige Konvolute von Künstlern sind bereits abgeschlossen. Bewahren, Archivieren und Forschen ist grundlegend für ein Museum. Aber ein Museum für Gegenwartskunst muss auch seinen Status quo immer hinterfragen.

Sie haben die Geschwindigkeit der gesellschaftlichen Veränderung angesprochen. Stemmen Sie sich mit der neuen Ausstellung gegen dieses Tempo, das immer weiter zunimmt?
Wir zeigen beispielsweise den chinesischen Künstler Li Liao. Er hat sich in der Öffentlichkeit zum Schlafen gelegt. Schlafen ist heute ein Ausdruck des Widerstands. Man entzieht sich der totalen Kontrolle. Das Museum sollte sich der Ökonomisierung und Kapitalisierung entziehen. Es ist ein Raum der Bildung. Ein Raum des Denkens, den es zu schützen gilt.

Ist die Ausstellung also auch eine Widerstandsaktion?
Das finde ich etwas zu hoch gehängt. Aber es geht darum, wie man sich verhält angesichts der rasanten weltweiten Veränderungen. Es geht darum zu zeigen, dass man selbst handeln kann. Man kann traurig und depressiv werden, oder man kann auch überlegen, wie man selbst etwas verändern könnte.


Was tun Sie?
Ich glaube an die Kraft der Veränderung durch Kunst. Die Geschichte hat gezeigt, dass eine einzige Idee ganze Gesellschaften verändern kann.

Sie resignieren nicht.
Nein. Auf keinen Fall. Wenn ich resignieren würde, wäre ich falsch in diesem Beruf. Ich denke, es ist meine Aufgabe, die Ideen der Kunst unseren Besuchern sichtbar und erfahrbar zu machen.

Sie haben Künstlerinnen und Künstler um neue Arbeiten eigens für diese Ausstellung gebeten.
Ja, und auch für die Sammlung. Die für eine bestimmte Wand im MMK geschaffene neue Arbeit von Jana Euler streckt sich über drei Ebenen. Die Installation von Anne Imhof bespielt einen ganzen Raum im dritten Stock. Diese Arbeiten werden für die Sammlung eine großere Bereicherung sein.

Wann öffnet die neue Ausstellung?
Am 16. August. Es werden unter anderem Arbeiten des Künstlerduos Peter Fischli und David Weiss zu sehen sein, natürlich auch Werke von Joseph Beuys. Arbeiten von Sturtevant oder auch Rosemarie Trockel werden gezeigt und noch viele mehr.

Wie lange arbeiten Sie schon am Konzept?
Schon seit Längerem, seit Anfang des Jahres ganz konkret. Die Ausstellung ist speziell für die Räume des MMK, für Frankfurt und für alle Zeitgenossen konzipiert worden.

Sie verstehen das Haus als Bildungseinrichtung?
Auf jeden Fall. Daher wird auch auf Vermittlung der Kunst sehr viel Wert gelegt. i

Wenn Sie erleben, dass Kollegen in anderen europäischen Ländern wie Polen oder Ungarn in ihrer Arbeit eingeschränkt oder bedroht werden, was denken Sie? Ist Ihre Arbeit ein großes Privileg?
Ich denke, es sollte selbstverständlich sein, dass Kunst frei agieren kann. Ich schätze mich glücklich, dass das in Deutschland der Fall ist.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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