Justitia auf dem Roemerberg
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Justitia aus Bronze, auf dem Römerberg in Frankfurt.

Amtsgericht

Streit um eine Leine

  • Stefan Behr
    vonStefan Behr
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Im Prozess gegen eine Frau, die ein Mädchen und einen Hund mit Pfefferspray besprüht haben soll, sind die Fronten verhärtet.

Hänsel und Gretel verirrten sich im Wald, hatten kein Glück, und dann kam auch noch eine Hexe dazu. Die damals zwölf Jahre alte Ronja R. hatte am Morgen des 18. August 2019 mit ihrer Promenadenmischung beim Gassigehen am Stadtrand von Frankfurt, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen (Harheim), weniger Pech. Sie traf lediglich auf Frau S. Die wies das Mädchen laut Anklage zurecht, dass ihr „Drecksviech an die Leine“ gehöre, und als Ronja sich bückte, um ihren Hund anzuleinen, besprühte Frau S. beide mit Pfefferspray – was bei Mädchen und Hund für Tränen und bei Frau S. für eine Anzeige sorgte.

Nun ist Frau S. nicht völlig humorfrei. Bei der Verlesung der Anklage bricht die 75-Jährige am Donnerstagmorgen vor dem Amtsgericht immer wieder in keckerndes Lachen aus. Ronjas Mutter findet die Geschichte weniger lustig. Sie habe Frau S. vor dem Vorfall nicht gekannt, berichtet sie im Zeugenstand. Doch bei der Frage nach der Täterin hätten die Nachbarn, zumindest die mit Hund, schnell weiterhelfen können. Es müsse sich um Frau S. handeln, die am Feldesrand wohne und oft vor ihrem Häuschen stünde, wo sie Passanten mit Hund darüber informiere, dass sie Pfefferspray besitze und dies auch nutzen werde, so man es wagen sollte, die Töle von der Leine zu lassen. Frau S. habe selbst einen Hund. Dieser sei stets angeleint und habe meist schlechte Laune.

Verleumdung vermutet

Frau S. ist kundig in mysteriösen und wirkungsvollen Sprüchen, die den meisten Menschen unbekannt sind. Wie etwa diesem: „In Harheim besteht Leinenpflicht, in Massenheim nicht – aber das wissen die alle nicht!“ Was Ronjas Geschichte anginge: Die sei ein Märchen. Sie habe das liebe Kind lediglich mit freundlichen Worten auf die Leinenpflicht hingewiesen. Aber nur, weil sie selbst Weihnachten 2016 vom Rottweiler des Bauern angefallen und gebissen worden sei. Das sei dem Bauern freilich übel bekommen: „Der hat mir 1000 Euro Schmerzensgeld zahlen müssen.“ Seitdem führe sie stets Pfefferspray mit sich, würde es aber niemals gegen freilaufende Mädchen oder angeleinte Hunde einsetzen. In ihren ersten Vernehmungen hatte sie gegenüber der Polizei vermutet, dass Ronja R. im Bunde mit dem Bauern stünde und auf dessen Geheiß falsch’ Zeugnis wider sie ablege. Mittlerweile räumt sie ein, dass das möglicherweise gar nicht stimme und Ronja sie aus ureigener Bosheit verleumde.

Der Amtsrichter will Frau S. nicht so recht Glauben schenken. Er glaubt aber auch nicht, dass sie das Mädchen absichtlich besprüht habe, das sei wohl eher so eine Art Kollateralschaden beim Hundevergrämen gewesen. Damit wäre der Vorwurf der gefährlichen und vorsätzlichen Körperverletzung vom Tisch. Trotzdem gehe es so nicht, sagt der Richter, der selbst einen Hund hat. Er stellt das Verfahren zwar wegen geringer Schuld ein, aber nur gegen Zahlung von 500 Euro an die Kinder- und Jugendhilfe. Frau S. willigt ein, nun nicht mehr lachend, sondern zähneknirschend. „Aber nur, weil ich hier sowieso kein Recht bekomme!“

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