Systemrelevante Berufe

Streik von Azubis für mehr Geld

1000 Beschäftigte demonstrieren für besseren Lohn im Öffentlichen Dienst. In Krankenhäusern in Fulda, Hanau, Darmstadt und Frankfurt läuft der Notbetrieb.

Voll ist es auf dem Wiesenhüttenplatz direkt neben dem Hautptbahnhof in Frankfurt. Grüne Fahnen wehen, Ratschen und Trillerpfeifen lärmen und ganz vorne heizt die Gewerkschaft Verdi verbal die Stimmung an. Jung sind die meisten Streikenden diesmal – denn es geht um Auszubildendenlöhne, Praktikantenvergütungen und die Übernahmen nach der Ausbildung im öffentlichen Dienst. Um hier zu demonstrieren, haben laut Verdi rund 1000 Beschäftigte aus Krankenhäusern in Frankfurt, Fulda, Hanau und Darmstadt ihre Arbeit niedergelegt, 600 streiken in der Stadt verteilt auf verschiedenen Plätzen oder laufen beim Demozug mit. Um die Corona-Regeln zu beachten, hat man die Veranstaltung entzerrt, auf Abstände wird geachtet.

Größter Jugendstreiktag

Mitten im Pulk läuft Larissa, Auszubildende im Klinikum Höchst. Ihren Nachnamen will sie nicht nennen. Die 28-Jährige hält ein Banner mit der Aufschrift „Tarifrebell*innen“ in der Hand, ratscht und ruft enthusiastisch mit. Mit 600 Euro im Monat sei sie im ersten Lehrjahr gestartet, am Arbeitsplatz wäre sie jedoch wie eine voll bezahlte Kraft behandelt worden.

Ein paar Meter weiter steht Annalisa Reinhard. „Wir Mitarbeiter werden auf Dauer kaputt gearbeitet“, ist sich die 24-Jährige sicher. Sie ist seit zwei Jahren mit der Ausbildung fertig und mit zehn weiteren KollegInnen heute für den Protest nach Frankfurt gekommen.

„Das ist der größte Jugendstreiktag, den wir jemals hatten“, freut sich Frank Wernecke, Bundesvorsitzender von Verdi. Eine unzureichende Bezahlung, Personalmangel und andere Einsparungen im Gesundheitswesen motivierten viele junge Kolleginnen und Kollegen, für eine Lohnerhöhung zu protestieren. Riskanter Kontakt mit Infizierten, Menschenleben retten – dafür hat die Pflege vor allem in diesem Frühjahr viel Aufmerksamkeit und Applaus bekommen. Im Lohn spiegele sich das jedoch nicht wieder.

„Klatschen allein reicht nicht“, findet auch Stephan Morchel. Er ist Sprecher von Verdi im Klinikum Höchst, aus dem sich rund 90 Leute dem Streik angeschlossen haben. Die Arbeit in der Pflege sei systemrelevant und somit wichtig für die Gesellschaft.

„Wenn du was werden willst, musst du studieren.“ Das habe Matteo gesagt bekommen, als er seine Ausbildung zum Radiologieassistenten in Fulda begonnen habe. Vorher habe er als Rettungssanitäter gearbeitet, der Umgang mit Kolleg:innen und Patient:innen mache ihm Spaß, erzählt der 22-Jährige, der in Praktika während seiner schulischen Ausbildung nur 75 Euro pro Monat bekommen hat. Schwierig, wenn Wohnung und Unterhalt bezahlt werden müssen. Viele müssten Bafög beantragen. „Das fühlt sich wie Betteln an, trotz Spaß an der Arbeit.“

Seit Juni gibt es Forderungen nach mehr Lohn, doch „vom Applaus ist nichts mehr übrig am Verhandlungstisch“, meint Wernecke zum Verhandlungsstand. Am Freitag soll ein Angebot veröffentlicht werden. Bis dahin werde weitergestreikt.

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