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Streifzug zwischen Normalität und Elend

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Von: Oliver Teutsch

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Der Karlsplatz ist in den vergangenen Jahren immer mehr in Verruf geraten und riecht übel.
Der Karlsplatz ist in den vergangenen Jahren immer mehr in Verruf geraten und riecht übel. © Michael Schick/Archiv

Ein Rundgang durchs Frankfurter Bahnhofsviertel zeigt Problemstellen. Die Back-Factory im Kaisersack gibt nach zehn Jahren ihre „Brennpunkt-Filiale“ auf.

Der Rundgang durchs Bahnhofsviertel beginnt mit einem großen Haufen menschlicher Exkremente. In der Mainluststraße hat sich jemand unter einem Baugerüst erleichtert. „Da wird in jeder Art und Weise Schutz gesucht“, erläutert Klaus-Dieter Strittmatter, warum jemand sein Geschäft auf einem Gehweg verrichtet. Strittmatter ist nicht nur Leiter des Präventionsrats, sondern auch Sonderkoordinator für das Bahnhofsviertel, in dem er sich bestens auskennt. Schließlich hat auch der Präventionsrat seinen Sitz im Bahnhofsviertel, auch wenn es in der Wilhelm-Leuschner-Straße deutlich beschaulicher zugeht als in anderen Ecken des Viertels.

Für den Rundgang hat sich Strittmatter vorgenommen, nicht nur die schlimmen Ecken zu zeigen. Die erste Station ist daher die „Weser 5“, ein Diakoniezentrum, in dem auch Kunst gezeigt wird. Aktuell ist in der Kirche eine Installation von Yasuaki Kitagawa zu sehen. „Sail to a new future – together“, heißt die Ausstellung, die ein riesiges Boot zeigt, das komplett aus Erde geformt ist. Ein Hinweis auf die Flüchtlingsproblematik. Weiter geht es westwärts durch die Weserstraße. Ein asiatisches Restaurant hat Stühle und Tische draußen stehen, an denen sich Menschen ihr Abendessen schmecken lassen. Ein paar Meter weiter hat sich jemand in einen Hauseingang erbrochen. Kontrastreiche Bilder wie diese gibt es immer wieder im Viertel. Pulsierendes Leben und Elend liegen nah beieinander. Am JürgenPonto-Platz erleichtern sich zwei Frauen im Schutz des Brunnens.

In der Niddastraße bleibt Strittmatter das erste Mal länger stehen. Die Hausnummer 39 steht seit mehr als fünf Jahren leer. Der Eingangsbereich ist, ähnlich wie einige Baustellen, mit hohen Bretterwänden verbarrikadiert. „Die Empfehlung gebe ich Bauherren immer“, so Strittmatter. Denn sonst würden sich in Baustellen oder leerstehenden Gebäuden Obdachlose einnisten und nicht eben pfleglich mit Mobiliar oder Gerätschaften umgehen.

Leerstand und Schutzbedürftigkeit sind zwei Themen, die bei dem Rundgang immer wieder eine Rolle spielen. Denn Leerstand gibt es im Bahnhofsviertel mittlerweile viel. Im Kaisersack ist die große Filiale der Back-Factory geschlossen. Aktuell nur wegen Personalmangels, doch Ende Oktober ist endgültig Schluss. Bestrebungen, den nach zehn Jahren auslaufenden Mietvertrag zu verlängern, gebe es nicht, wie Gebietsleiter Peter Himmel anderntags in einem Telefonat verrät: „Das war unsere Brennpunkt-Filiale, es gab den ganzen Tag über Konfrontationen.“ Das Verhältnis zwischen Miete und Umsatz habe nie gestimmt, auch weil es sehr hohe Nebenkosten gab. „Wir mussten Security abstellen, teilweise auch für die Toiletten“, so Himmel. Dort war auch einmal ein Toter gefunden worden, ein andermal war jemand vor den Kassen tot zusammengebrochen. „Es war einfach auch super, super schwierig, Personal für diese Filiale zu finden“, so Himmel. Während der Pandemie war der Gebietsleiter kaum in Frankfurt. Als er jetzt wieder da war, sei er „sehr erschrocken“ darüber, wie sich der Zustand im Viertel verschlimmert habe.

Mit der Schließung der Back-Factory verliert der Kaisersack wieder ein Stück Normalität. Auf diese versucht Strittmatter immer wieder hinzuweisen: „Wir haben hier im Viertel auch zwei Schulen und drei Kitas.“ In der Moselstraße ist ein Wohnhaus zwischen der Kaiserstraße und der Taunusstraße wunderschön saniert worden. Die Pflanzen und Liegestühle auf den Balkonen vermitteln ein fast mediterranes Flair. Doch auf der Straße unten drunter geht es weniger idyllisch zu. Besonders schlimm sieht es in dem Abschnitt zwischen Taunusstraße und Niddastraße sowie am Karlsplatz aus. Die vielen Menschen, die sich dort herumdrücken, machen bereitwillig Platz, aggressiv ist hier niemand. Nur untereinander wird viel krakeelt.

Am Ende der Taunusstraße weist Strittmatter wieder auf eine Besonderheit hin. Die Deutsche Bahn hat den Abgang zur B-Ebene eingehaust. Der Bau dient der Drogenklientel jetzt als Sicht und Windschutz. Auch die Straße Am Hauptbahnhof ist dadurch jetzt ein beliebter Treffpunkt. Dabei war auf Strittmatters Anregung extra noch eine Litfasssäule in der Taunusstraße entfernt worden, damit sich dort niemand verstecken kann. Doch irgendwo müssen die Menschen ja auch hin, eine Verdrängung innerhalb des Viertels funktioniert nicht.

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