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. . . und am Main nächtigen Menschen, die kein Dach über den Kopf haben.

Obdachlose

Streifzüge am Rand

  • Peter Hanack
    vonPeter Hanack
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Uwe Grellneth fotografiert die Schlafplätze von Wohnungslosen. Seine Bilder sprechen für jene, die selbst keine Stimme haben.

Es sind nicht die schönen Ecken der Stadt, die Uwe Grellneth fotografiert. Hinterhöfe, Hauseingänge, eine besprühte Bank im Park, verwaiste Einkaufspassagen, das spärliche Grün neben einem Treppenabgang. Es sind Schlafplätze von Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben, Obdachlose, Unbehauste auf dem Randstreifen des Lebens.

. . . notdürftig bedeckt auf der Bank . . .

Uwe Grellneth bildet ab, was die meisten nicht sehen wollen. Der 56 Jahre alte gelernte Grafikdesigner zieht meist frühmorgens los: Mit Kamera und Wechselobjektiv im Gepäck geht er meist sonntags durch die noch ruhende Stadt, „es ist, als ob sie einem fast alleine gehören würde“, sagt er. Und er sieht hin. In die Ecken und Winkel, die ungeschützten Plätze, die Menschen in Frankfurt als Nachtlager dienen.

„Man erkennt den Versuch, ein ganz klein wenig privaten Raum zu erzeugen, mitunter findet sich sogar etwas Anheimelndes, ein bunter Farbklecks, ein Bild“, erzählt er. Es sind sehr widersprüchliche Eindrücke, die er wahrnimmt. Das Ringen um Selbstbehauptung, daneben die Selbstaufgabe, Selbstzerstörung.

Uwe Grellneth (56) ist in Rumänien geboren und kam in den 1980er Jahren als Spätaussiedler mit seiner Familie nach Deutschland, zunächst nach Wiesbaden. In Frankfurt lebt und arbeitet er seit mehr als 25 Jahren.

Es seien mehr geworden, sagt Grellneth, diese Menschen ohne Heim und Herd, Wohnungslose, deren wenige Habseligkeiten oft wie Müllberge scheinen und doch einem Leben das Minimum an Privatheit im öffentlichen Raum geben, das zum Überleben notwendig scheint. Grellneth respektiert diese Privatheit. Er bleibt auf Distanz, seine Bilder denunzieren nicht. Sie sind auch keine Porträts. Die Menschen darauf sind selten zu erkennen, mitunter zeigen die Aufnahmen auch nur das verlassene Lager. Was Grellneth dokumentiert, ist ein Zustand. Seine Aufnahmen sind der Beleg für die Einsamkeit und Armut, die in der reichen Stadt ihren Raum haben. Eine Randerscheinung, die der Fotograf in die Mitte der Betrachtung stellt. Bei seinen Bildern kann man nicht (mehr) wegsehen. Und er hat sich vorgenommen, weiter hinzuschauen und seine Aufnahmen anderen Menschen zu zeigen.

. . . in Eingängen von Geschäften . . .

Sich über Bilder mitzuteilen, das hat er begonnen, als er noch als Kind in Deutschland ankam, die Sprache nur wenig beherrschte. „Ich konnte mich plötzlich nicht mehr mitteilen“, erinnert er sich. „Es war ein furchtbarer Zustand, grauenhaft.“ Er begann zu zeichnen, eine Brücke aus Stein war sein erstes Bild. Wenn man so will, kann man darin den (wohl eher unbewussten) Versuch erkennen, Hindernisse zu überwinden. Seine Fotos heute sprechen ebenfalls für sich – und für jene, die selbst keine Stimme haben.

In Hessen gibt es nach Einschätzung der Diakonie und anderer Wohlfahrtsverbände immer mehr wohnungslose Menschen. Zuletzt lag die Zahl jener, die Kontakt zu einer Einrichtung der Wohnungsnotfallhilfe hatten, bei knapp 3500. Die Zahl wurde im Februar erhoben.

. . . in der Fußgängerzone . . .

Nach Einschätzung von Stefan Gillich, Leiter der Abteilung Existenzsicherung, Armutspolitik und Gemeinwesendiakonie der Diakonie Hessen, liegt die Gesamtzahl wohnungsloser Menschen in Hessen jedoch deutlich höher.

Angesichts der Corona-Folgen befürchten die Verbände, dass durch Einnahmeverluste, Jobverluste, Überschuldung und Schwierigkeiten beim Zahlen der Miete die Anzahl wohnungsloser Menschen weiter zunimmt.

. . . vor verschlossenen Türen . . .

„Diesen Winter wird es für obdachlose Menschen nicht nur wegen der Kälte schwer“, sagt der Vorstandsvorsitzende der Diakonie Hessen, Carsten Tag. Die ohnehin prekäre Situation der Menschen auf der Straße habe sich durch Corona noch einmal verschärft. Mit der Pandemie sind zudem viele Einnahmequellen von wohnungslosen Menschen weggebrochen. Auch die Zahl von Plätzen in den Tagesaufenthalten hätten aufgrund von Hygiene- und Abstandsmaßnahmen begrenzt werden müssen.

Die Aktion #wärmespenden sammelt Geld, mit dem winterfeste Schlafsäcke und weitere Soforthilfen für Menschen finanziert werden, die auf der Straße leben. Jede Spende wird von den Initiatoren, der Diakonie Hessen und der Landesstiftung „Miteinander in Hessen“, verdoppelt.

Spendenkonto Evangelische Bank DE12 5206 0410 0004 0506 06 Stichwort: wärmespenden

Unter Brücken . . .

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