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Frankfurt: Sticheleien für die Ewigkeit unter dem Kreuz

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Von: Sabine Schramek

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Silas Becks tätowiert Antje Salg das Wort „Agape“ was Liebe im übertragenen Sinne auf die Mitmenschen heißt auf den Arm.
Silas Becks tätowiert Antje Salg das Wort „Agape“ was Liebe im übertragenen Sinne auf die Mitmenschen heißt auf den Arm. © Rolf Oeser

Die Liebfrauenkirche verwandelt sich in ein christliches Tattoo-Studio. Auch das nächste Jahr ist schon in Planung.

Die Tätowiermaschine mit der Silas Becks (40) in kunstvoller Schrift das Wort „Faith“ (zu deutsch Glaube) in den Oberarm von Max (22) sticht, ist gesegnet. Das hatte Bruder Paulus Terwitte vor knapp einem Jahr schon übernommen, als die Liebfrauenkirche zum ersten Mal ein Tattoo-Studio war. „Damals waren so viele Leute hier, dass gar nicht alle drankommen konnten“, erzählt der Mann, der das leise surrende Gerät in der Hand hält. „Da habe ich versprochen, wiederzukommen und dieses Mal mit Terminvereinbarung.“

Niemand konnte ahnen, dass alle Termine bereits nach sechs Stunden ausgebucht waren. „Fast wie bei einem Rockkonzert“, so Becks, der auch Rapper Sido, den Culcha-Candela Sänger Mateo, den Fußballer Daniel Didavi gestochen hat. Heute erfüllt er Wünsche in der Kirche. Allerdings nicht alle. Das Tattoo am Bein, wie Max es ursprünglich wollte, macht er nicht. „Wir sind hier in der Kirche, da tätowiere ich nur am Arm.“

Max, der Wirtschaftsingenieur für Bauwesen in Ingolstadt studiert, ist einverstanden. Immerhin ist er mit seiner Freundin Yvonne (23) aus Pfaffenhofen an der Ilm extra nach Frankfurt gereist, um sich das Wort „Faith“ – Glaube – stechen zu lassen. Die Gärtnerin Yvonne, die bei der Stadt München arbeitet, wünscht sich das Wort „Angel“ unter ihrem prächtigen Tattoo aus Rosen mit einem Kolibri. Das ist zwar eigentlich in der Auswahl, die Becks zur Verfügung stellt, nicht vorgesehen, aber er macht eine Ausnahme. Mit einem Kugelschreiber zeichnet er die Buchstaben auf den desinfizierten und frisch rasierten Arm. Yvonne strahlt. „Mein Opa ist letztes Jahr gestorben. Er hieß Gerhard und in ‚Angel‘ ist ein ‚G‘. Und meine Oma sagt, dass uns Engel immer beschützen“, erzählt sie.

Immer mehr Leute kommen und lassen sich von Becks und zwei seiner Kollegen religiöse Worte, den christlichen Fisch, Kreuze, Friedenstauben oder betende Hände tätowieren. Es ist still dabei, nur das Surren der Maschine ist zu hören, während auf den Bänken Gläubige beten.

Im Zehn-Minuten-Takt gibt es neue kleine Tattoos nicht nur für junge Leute. Auch über 60-Jährige wollen ihre Arme verschönern lassen. Längst ist der Ruf von „Teufelswerk“ vorbei. Markus Breuer, Leiter der Katholischen Erwachsenenbildung (KEB) des Bistums Limburg in Frankfurt erklärt, dass Tätowierungen eine uralte christliche Tradition sind. „Schon im Mittelalter versuchten Franziskaner, die Leiden Christi erfahrbar zu machen. Auch mit Tätowierungen.“ Aus Erzählungen von Pilgerberichten wisse man, dass unter anderem in Jerusalem und in Santiago de Compostela Franziskaner Wallfahrer tätowiert hätten, bevor es Stempelhefte gab, um die Pilgerfahrt zu dokumentieren.

Im kommenden Jahr soll das Tätowieren in anderer Form stattfinden, verrät Breuer. „Da wollen wir etwas gemeinsam mit den Jugendkirchen organisieren und in kleineren Runden auch ins Gespräch mit Silas Becks kommen.“ Immerhin ist er seit 20 Jahren im Geschäft und hat „mehr als 16 000 Tattoos gestochen“. Auf Instagram hat sein Studio unter #mommyimsorry 509 000 Follower. Max und Yvonne sagen: „Eine Tätowierung ist das Einzige, was man mit ins Grab nimmt.“ Bis dahin sei es hoffentlich noch sehr lange hin. Das Paar freut sich auf Frankfurt. Auf den Eisernen Steg und die Altstadt – und das alles mit ihren Wunsch-Tattoos.

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