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Dreieichstraße 34: Das Haus in Sachsenhausen wurde zur Todesfalle für Dutzende Tauben.

Leerstand

Frankfurt: Das Sterben der Tauben

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Ein Fall von Tierquälerei wirft ein Schlaglicht auf den Wohnungsleerstand.

Die Retter hatten den Verdacht, sie könnten sich strafbar gemacht haben: Hausfriedensbruch. Das erwies sich später als unbegründet, und es hätte sie wohl auch nicht davon abgehalten, in das leerstehende Haus einzudringen. Dort galt es, möglichst viele der 70 Tauben zu retten, die seit Tagen eingesperrt waren.

Für mehrere Dutzend, vor allem für die jungen Tiere, kam die Hilfe zu spät. „Es war gruselig“, sagt Gudrun Stürmer, Leiterin des Stadttaubenprojekts. Der Vereinsvorstand hat Anzeige gegen unbekannt erstattet.

Eine Lehrerin der Willemerschule hatte die Tierfreunde darauf aufmerksam gemacht, dass an dem Haus Dreieichstraße 34 plötzlich die Fenster mit Holzplatten vernagelt waren, und „beunruhigende Fotos geschickt“, berichtet Stürmer. Eine Gruppe zog daher abends zu dem seit Jahren von Menschen verlassenen, von Tauben besiedelten Haus. Drinnen: 70 Tauben eingesperrt, die Hälfte tot, die andere Hälfte völlig entkräftet nach Tagen ohne Wasser. Weitere Tiere verendeten später auf dem Gnadenhof in Oberrad, wohin die Projektmitarbeiter sie gebracht hatten, an den Folgen des Flüssigkeitsentzugs. „Bei den adulten Tieren sind Anzeichen von Nierenschäden zu erkennen“, heißt es in der Strafanzeige. Deren Eingang bestätigte die Polizei am Donnerstag der FR und kündigte Ermittlungen an.

Gudrun Stürmer vom Stadttaubenprojekt: Zu oft kommen Verantwortliche ohne Strafe davon

„Hätte man uns vorher angerufen – wir hätten die Tiere hinausgetrieben und in Sicherheit gebracht“, sagt Gudrun Stürmer. So aber handle es sich um einen Verstoß gegen das Tierschutzgesetz und eine strafbare Handlung. Mit welchen Folgen? Der Vereinsvorsitzenden schwant Ärgerliches: „Viel zu oft kommen die Verantwortlichen ohne empfindliche Strafe davon. Das ist nur die Spitze des Eisbergs, die meisten Fälle kriegt man gar nicht mit. So kann es nicht weitergehen!“

Apropos Verantwortliche: Seit Jahren ist das leerstehende Haus an der Dreieichstraße Thema im Ortsbeirat, immer wieder beschäftigen sich die Stadtteilpolitiker mit wilden Müllablagerungen und der Frage, ob den Nachbarn Gebäudeschäden durch Feuchtigkeit und „Ungeziefer“ – gemeint sind unter anderem die Tauben – drohen. Aber wem das Haus gehört, habe man bisher nicht verlässlich herausgefunden, sagt Martin-Benedikt Schäfer, CDU-Fraktionschef im Ortsbeirat.

Bekannt ist, dass die Immobilie mehrmals den Besitzer wechselte. Nachbarn beklagten sich wiederholt auch wegen Ruhestörung durch Unbefugte, die in dem Haus übernachteten. Sie sehen das Gebäude als Spekulationsobjekt. „Wir wünschen uns eine Verbesserung der Lage – darauf haben wir immer wieder hingewiesen“, sagt Christdemokrat Schäfer: „Die Stadt ist gefordert.“

Aber auch überfordert, was den Kampf gegen Wohnraumleerstand angeht. „Da fehlt uns bislang die politische Handhabe“, sagt Günter Murr, Sprecher im Bau- und Immobiliendezernat.

Wem auch immer das Haus gehört, offenbar hat er oder sie es sich inzwischen anders überlegt und oben ein Fenster geöffnet. „Jetzt sind wieder Tauben drin“, sagt Gudrun Stürmer.

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