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Dirk Schelhorn.

Frankfurt

„Stellen Sie sich Schaukeln auf der Zeil vor“

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Der Landschaftsarchitekt Dirk Schelhorn spricht im Interview über krank machenden Lärm, gestresste Menschen in der Innenstadt und die Möglichkeiten einer grünen Stadtplanung

Eine der provokanten Thesen unserer Serie lautet „Der Grüngürtel ist nicht zu retten.“ Was glauben Sie?
Der Grüngürtel ist eine ganz große Errungenschaft, um die uns viele beneiden. Man muss den Grüngürtel nicht nur retten, man muss ihn weiterentwickeln. In diesem Zusammenhang halte ich das geplante Nachverdichten für eine große Gefahr. Der Mensch braucht auch den Blick auf Grün. Nicht nur aus klimatischen, sondern auch aus ästhetischen Gründen. Es geht um die Wohlfahrtswirkung. Kinder etwa brauchen den anregenden Blick ins Grüne besonders. Es ist erwiesen, dass Kinder, die im zwölften Stock aufwachsen und ins Leere blicken, sich nicht so gut entwickeln. Der Blick ins Grün schärft die Beobachtungsgabe und die wiederum fördert den Bildungshorizont.

Wie kann Frankfurt seinen Grüngürtel weiterentwickeln?
Es muss Grünachsen in die Stadt hinein geben. Die Weiterentwicklung des Grüngürtels in die Stadt hinein stärkt den Radverkehr, den zu Fuß gehenden Menschen, fördert das Kleinklima, stärkt Frankfurt als Wohnort. Selbst Mailand macht das derzeit ganz konsequent. Dort sollen vier bis sechs Grünachsen in die Stadt rein entstehen, auch gegen alle Widerstände von Autofahrern.

Wir haben in unserer Serie noch eine weitere These: „Das Leben in der Stadt wird unerträglich.“ Würden Sie das für Frankfurt bestätigen?
Wenn es uns nicht gelingt, den Lärm einzudämmen, die Staubentwicklung zu bremsen und den öffentlichen Raum grüner zu gestalten, dann werden in 20 Jahren zumindest noch mehr kranke Menschen in der Stadt leben als jetzt.

Lärm macht krank?
Ja, Lärm macht krank, wir haben immer mehr Fluglärm und es gibt zum Beispiel kaum noch einen Ort in der Stadt ohne Autobahnlärm. Der normale Straßenverkehr erzeugt zusätzlich Stress.

Wie kann die Politik gegensteuern?
Es braucht mutige Konzepte. Die Aufgabe von Stadtplanung ist es, Menschen eine stressfreie Umgebung zu bieten und nicht, den rollenden Verkehr zu regeln.

Wie kriegen wir eine stressfreie Umgebung hin?
Der Mensch braucht zu Fuß erreichbares Grün. Wir haben in Frankfurt zwar viel Grün, da hat sich in den vergangenen 25 Jahren viel getan. Aber wir brauchen mehr Grün um die Ecke, spontan im Alltag erreichbar, benutzbar für alle Menschen. Dann müssen wir die Erholung im Grünen nicht planen und erzeugen keinen neuen Zielverkehr.

Im schlimmsten Falle Autoverkehr …
Wir leben im Autokollaps. Vom Weißen Stein bis zum Eschenheimer Tor finden sie jede Menge Parkplätze für Autos, aber auf der ganzen Strecke nicht einen Parkplatz für Fußgänger. Nirgendwo wird Aufenthaltsqualität oder einfach mal Platz für Fußgänger geschaffen. Wenn wir den hätten, machen wir den öffentlichen Raum für Fußgänger attraktiver, schaffen Wohlfühlorte um die Ecke. Zudem entlastet das alle anderen Orte.

Dirk Schelhorn lebt seit 1982 in Frankfurt und verfügt über mittlerweile 30 Jahre Berufserfahrung als Landschaftsarchitekt und Gestalter. Schelhorn hat sein Büro in Niederursel, ist aber auch Dozent an der Hochschule Wädenswill in der Schweiz.

In der Innenstadt gibt es ja auch nicht viel Grün …
Das merkt man den Menschen auch an, in der Innenstadt ist zu viel Hektik, da gibt es kaum einen gelassenen Menschen. Zwischen Eschenheimer Tor, Hauptwache und Konstablerwache verweilen wenige Menschen freudig. Gehen sie stattdessen in den Holzhausenpark, merken Sie richtig, wie die Menschen ruhiger werden. Das ist eine entscheidende Frage für eine lebenswerte Stadt, die sich auch Frankfurt stellen muss – in welcher Geschwindigkeit lebt der Mensch gesund.

Stichwort Holzhausenpark, da gab es vergangenen Sommer Ärger wegen Yoga-Angeboten mit lauter Musik …
Wenn zehn Leute im Holzhausenpark Yoga machen, hat da sicherlich niemand etwas dagegen, aber Sport im öffentlichen Raum funktioniert nur unter Rücksichtnahme. Es geht eigentlich auch nicht um Sport, sondern um Bewegung. Niedrigschwellige Angebote sind gefragt. Im Prinzip ist jede Parkbank ein Fitnesscenter.

Wenn man weiß, wie man sie nutzen kann.
Ja, der Deutsche will gerne informiert werden. Mein Büro hat im Rhein-Neckar-Raum die Alla-Hopp-Anlagen mitentwickelt. Die sind wirklich beispielhaft. Wir informieren mit intelligenten Schildern über die Möglichkeiten zu Bewegung und sozialer Teilhabe. Dort krabbeln kleine Kinder und fühlen sich sichtbar wohl. Helikopter-Mütter beginnen loszulassen, ihre Kinder entfalten sich selbstbestimmt.

Alla-Hopp-Anlagen?
Die Anlagen beinhalten aufeinander abgestimmt Bewegungsparcours und Bewegungsanlässe für alle Generationen und Ansprüche, beziehungsweise Können. Freie Spielanlässe für kleine und große Kinder ergänzen sich mit alltäglichen Herausforderungen und Anreizen, um sich gemeinsam spielerisch zu bewegen.

Gibt es da einen Unterschied zu herkömmlichen Spielplätzen?
Auf normalen Spielplätzen können Kinder oft nur die Geräte abspielen. Aber Kinder brauchen mehr Räume zum Spielen und Bewegen, weniger Orte. Es geht für sie darum, auf dem Weg zu sein, um angeregt die Umgebung, zu erforschen. Für niedrigschwellige Angebote im öffentlichen Raum könnte Hamburg ein Vorbild sein, dort gibt es über 2500 Sport- und Bewegungsmöglichkeiten in öffentlichen Räumen.

Warum tut sich Frankfurt so schwer, solche Räume zu schaffen?
Für die öffentlichen Flächen sind in Frankfurt verschiedene Ämter zuständig. Jedes Amt hat eigene Kriterien, aber es gibt keine verbindliche Strategie. Es braucht eine verbindliche Qualität für ein gemeinsames Vorgehen. Zur Verfügung stehen ja nicht nur die klassischen Parkanlagen. Stellen Sie sich mal drei Schaukeln und Bodentrampoline auf der Zeil vor! Eine neue Form von Begegnung und Bewegung dort, wo die Menschen sowieso sind. Ein solches Konzept erarbeiten wir gerade für die Stadt Stuttgart.

Von welchen anderen Städten kann Frankfurt noch lernen?
Von Kopenhagen etwa die Entwicklung des Radverkehrs. Dort wurden die Autos aus der Innenstadt verbannt und der Einzelhandel lebt trotzdem noch. Was Sport- und Bewegungskonzepte angeht, ist die dänische Stadt Odense vorbildlich und im Umgang mit Grün kann ich noch mal auf Hamburg verweisen. Dort gibt es eine ganz konsequente Haushaltsplanung, die schon auf Jahre hinaus neue Begrünungen vorsieht oder nachhaltig die Pflege und Unterhaltung sichert.

Interview: Oliver Teutsch

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