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Stefan Timmermanns (50) lehrt und forscht am Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit der Frankfurt University of Applied Sciences.

Interview

Frankfurter Professor Stefan Timmermanns kritisiert die Methoden von „Homoheilern“

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Stefan Timmermanns arbeitet mit an einem Gesetzesvorschlag gegen die sogenannten Konversionstherapien.

Ja, es gibt sie auch in Deutschland, die sogenannten Homoheiler. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) betont nicht nur, dass Homosexualität keine Krankheit ist. Im April hat er eine Fachkommission berufen, die Vorschläge für ein bundesweit wirksames Verbot der sogenannten Konversionstherapie erarbeiten soll. Unter den beratenden Vertretern der Kommission ist auch Stefan Timmermanns, Professor für Sexualpädagogik und Diversität in der Sozialen Arbeit der Frankfurt University of Applied Sciences.

Vielen Leuten ist gar nicht bewusst, dass in Deutschland im Jahr 2019 die sogenannte Konversionstherapie angewandt wird, um schwule und lesbische Menschen von ihren homosexuellen Neigungen zu „heilen“. War Ihnen selbst das Problem bekannt, Herr Timmermanns?
Bevor ich in der Kommission saß, war mir die Größenordnung des Problems in Deutschland nicht bewusst. Ich wusste, dass es Konversionstherapien gibt, aber ich dachte bislang das wären vereinzelte Anbieter. Konversionstherapien kannte ich vor allem aus den USA. Bis 1975 wurde dort Homosexualität mit sehr drastischen Maßnahmen wie Elektroschocks „behandelt“. Es wurden auch Brechmittel verabreicht. Man zeigte beispielsweise einem schwulen Mann erotische Bilder von einem anderen Mann, um zunächst eine sexuelle Erregung zu erzielen und in dem Moment injizierte man das Brechmittel. Das ist Folter und menschenverachtend. Ob diese Methoden heute noch irgendwo angewendet werden, weiß man nicht. Bekannt ist aber, dass es auch „Homoheiler“ in Brasilien und afrikanischen Ländern gibt. In Afrika werden diese Therapien sehr stark von Evangelikalen aus den USA finanziert. Sie koppeln das an Entwicklungshilfe.

Aus welcher Ecke kommen die deutschen „Homoheiler“?
Vor allem aus dem christlich-fundamentalistischen Lager. Dass Konversionstherapien ein Thema in Deutschland sind, wurde erstmals einer großen Öffentlichkeit im Jahr 2014 durch die NDR-Dokumentation „Die Schwulenheiler“ bekannt. Der homosexuelle Journalist Christian Deker war nach einer Undercover-Recherche in strenggläubigen christlichen Kreisen auf einen Dresdner Allgemeinmediziner getroffen, der ihm anbot, ihn von seinem Schwulsein zu heilen. Es gibt auch eine Gruppe katholischer Ärzte, die diese Therapien propagiert. Der Lesben- und Schwulenverband in Sachsen schreibt auf seiner Seite „mission-aufklaerung.de“, wer in Deutschland noch so tätig ist. In vielen Bereichen wissen wir es aber schlichtweg nicht. Es gibt einen sehr großen Graubereich.

Man muss also in den christlich-fundamentalistischen Kreisen verkehren, um diesen Angeboten zu begegnen?
Ja, denn nicht nur Mitglieder bestimmter Berufsgruppen bieten solche Therapien an, sondern auch Laien. Im religiösen Kontext werden zum Teil auch exorzistische Praktiken angewandt. Viele verschleiern, um was für ein Angebot es sich handelt. Sie schreiben nicht: „Wir bieten Konversionstherapien an.“ Sondern das sind dann Seminare mit Titeln wie „Zum eigenen Mann-Sein oder Frau-Sein finden“. Das klingt erst mal sehr unverfänglich. Auch wenn sehr viel Wert darauf gelegt wird, dass diese Therapien ergebnisoffen seien, bezweifele ich dies. Interessant ist übrigens, dass nicht selten viele Jahre später herauskommt, dass Menschen, die solche Therapien anbieten, selbst homosexuell sind.

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Wer geht eigentlich zum „Homoheiler“? Die meisten Fälle, die bislang bekanntgeworden sind, waren homosexuelle Männer …
Man kann das wegen der hohen Dunkelziffer nicht genau sagen, aber es steht schon zu vermuten, dass es mehr Männer als Frauen sind. Homosexualität greift immer noch stärker das Männerbild an. Bei lesbischen Frauen wirkt eine doppelte Diskriminierung. Sie werden einerseits diskriminiert, weil sie lesbisch sind, und andererseits, weil sie Frauen sind. Ihre Sexualität wird als nicht so bedrohlich empfunden wie die von schwulen Männern. Bei unserer ersten Kommissionssitzung sprachen eine Mittzwanzigerin und ein Mann um die 40 vor. Beide haben eine Konversionstherapie durchlebt. Auffallend ist, dass sie beide in einem sehr christlichen Elternhaus groß geworden sind. Sie sind damit aufgewachsen, dass Homosexualität etwas Schlechtes ist. Die Eltern steckten die Frau als Teenie zu einem Geistlichen in eine Jugendgruppe. Nach außen hatte diese Gruppe einen Freizeitcharakter, aber es gab manipulierende Ansätze. Die junge Frau gestand sich ihre homosexuelle Identität nicht ein, wurde als Erwachsene depressiv. Sie suchte sich dann, wie sie selbst sagte, unbewusst eine Therapeutin aus, die nach einiger Zeit begann, ihre Homosexualität „wegzutherapieren“. Nach zwei Jahren sagte ihr die Therapeutin, dass sie nicht therapierbar sei, sie sei so widerspenstig. Sie wollte sie an jemand anderen überweisen. Aber die Frau lehnte das ab.

Und was berichtete der Mann?
Für ihn war es keine Option, die Gemeinde, seine Familie zu verlassen. Er hat nach der Konversionstherapie zehn Jahre lang sexuell abstinent gelebt. Aber auch er wurde depressiv und bekam sogar Suizidgedanken. Bekannt ist, dass die Behandlungsmethode eben wegen der Diskriminierung und Verleugnung der eigenen Identität schwere Depressionen oder Suizid zur Folge haben kann. Als ein Familienmitglied des Mannes sich aus anderen Gründen das Leben nahm, war das der Auslöser für ihn, sich von der Gemeinde zu lösen. Jetzt lebt er ein schwules Leben. Er geht an die Öffentlichkeit, aber achtet darauf, dass sein Familienname nicht ausgeschrieben wird, weil er fürchtet, Drohmails zu erhalten. Und wenn er sagen würde, wer die Organisation ist, bei der er die Therapie gemacht hat, müsste er mit einer Unterlassungsklage rechnen.

Wer sitzt außer Ihnen in der Kommission?
Zur Kommission gehören 46 Menschen aus sehr unterschiedlichen Disziplinen. Da gibt es beispielsweise die Psychotherapeuten, die klären, wie man über die Therapeuten- und Ärztekammer regeln könnte, dass die Anwendung einer „Konversionstherapie“ zukünftig zum Verlust der Approbation führt. Die Juristen müssen meiner Meinung nach den schwierigsten Job machen.

Inwiefern?
Es ist jetzt schon klargeworden, dass wir mehrere Gesetze brauchen. Denn wenn man es nur bei Ärzten und Therapeuten verbietet, reicht das nicht. Dann gäbe es weiter Leute, die Konversionstherapien anbieten, die wir über diese berufsständische Regelung nicht erreichen könnten. Oder Eltern geben für ihr minderjähriges Kind eine Einwilligung. „Konversionstherapien“ werden im Übrigen auch für transidente Menschen angeboten, das ist eine weitere Thematik. Ich glaube, am schwierigsten wird es sein, das bei einem erwachsenen Menschen zu verbieten, der von sich aus einwilligt, eine „Therapie“ zu machen. Das ist auch das Argument derjenigen, die Konversionstherapien anbieten. Sie sagen: „Wir behandeln nur Leute, die erwachsen sind und das selbst so wollen.“ Aber der freie Wille ist überhaupt nicht vorhanden, weil diese Menschen meist so sozialisiert wurden, dass Homosexualität eine Sünde sei. Wenn man von Kindesbeinen an so indoktriniert wurde, dann will man auch, dass seine Homosexualität verschwindet. Welche Handhabe gibt es, um dann eine Therapie zu unterbinden?

Wie sieht der Zeitplan der Kommission aus?
Wir haben unser zweites Treffen in Berlin Anfang Juni. Bis Herbst soll der Abschlussbericht der Kommission vorliegen. Und dann könnte es bis Ende des Jahres bereits einen Gesetzesvorschlag von Bundesgesundheitsminister Spahn geben. Es bringt aber jetzt nichts, einen Schnellschuss zu starten. Es muss alles fundiert sein, wenn die gesetzlichen Regelungen am Ende Aussicht auf Erfolg haben sollen.

Interview: Kathrin Rosendorff

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