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Das ehemalige Literaturhaus im Jahr 1912.

Stadtrat

Adolf Miersch: Ein Frankfurter Bürokrat in drei Systemen

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Der einstige Stadtrat Adolf Miersch führte bei der Enteignung jüdischer Besitzer die Verhandlungen.

Wer sich mit der „Arisierung“ jüdischer Besitztümer in Frankfurt befasst, wird um einen Namen nicht herumkommen: Adolf Miersch. Hobbyhistoriker Dieter Wesp und Thomas Bauer vom Institut für Stadtgeschichte sind sich einig. Mierschs Rolle in der Zeit des Nationalsozialsozialismus ist noch zu wenig erforscht. Wer immer die Studie zum Umgang der Stadt Frankfurt mit den Ankäufen jüdischer Besitztümer in Angriff nimmt, sollte „sich mit dem Herrn Miersch genauer befassen“, findet Bauer.

Miersch war ein Selfmademan. Geboren wurde er 1887 in Gelnhausen. Von 1904 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs war er beim Militär, ist aus dem Frankfurter Personenlexikon zu erfahren. Und weiter heißt es dort: „...über seine Ausbildung und entsprechende Qualifikationen ist bemerkenswert wenig bekannt.“ Miersch besuchte nach eigenen Angaben die Verwaltungsschule und bildete sich als Landratsgehilfe durch „Selbstunterricht“ weiter.

Nach Frankfurt gelangt er 1926, als er Bürgermeister von Fechenheim wird. Nach der Eingemeindung Fechenheims zwei Jahre später wird für Miersch ein Posten im Siedlungsamt gefunden, wo er als einer der Stellvertreter von Ernst May fungiert. Das fällt ihm nach der Machtübernahme durch die Nazis zunächst auf die Füße: Miersch habe das Vertrauen des jüdischen Oberbürgermeisters Ludwig Landmann genossen und sei an den Massensiedlungen Mays beteiligt gewesen. Miersch verteidigt sich: Er habe schon damals die unwirtschaftliche Bauweise der Siedlungen zu bekämpfen versucht.

Frankfurt: Ein Ehrengrab für Adolf Miersch

Überlieferungen wie diese sind es, die Wesp zu der Einschätzung bringen: „Miersch war kein Nazi, aber ein Mitläufer und ein gut funktionierender Bürokrat in drei verschiedenen politischen Systemen.“

Miersch behielt seinen Posten und führte bei den Enteignungen in den meisten Fällen selbst die Verhandlungen, wie er nach Kriegsende ohne erkennbare Reue bestätigt. In manchen Fällen ist seine unrühmliche Rolle in den Verhandlungen aktenkundig. Etwa bei der Enteignung Carl von Weinbergs, der geflohen war, um der Deportation zu entgehen. Für die Villa Waldfried, ein Gebäude im Landhausstil mit mehr als 100 Zimmern, bekam von Weinberg eine Wohnung zur Verfügung gestellt. „Dass er sie nicht beziehen konnte, lag nicht in einem Versagen der Stadt, er kehrte aus Rom nicht mehr nach Frankfurt zurück.“

Nach dem Krieg stellte Miersch die ominöse Liste zusammen und machte sich um den Wiederaufbau der Stadt verdient. Weil er epochale Durchbrüche wie die Berliner Straße durchsetzte, erhielt er den Spitznamen „Napoleon der Fluchtlinien“. Seine Aufgaben während der NS-Zeit waren da schon vergessen oder verdrängt. 1954 wurde Miersch Ehrenbürger der Frankfurter Universität. Als er im Dezember 1955 starb, erhielt eine gerade im Bau befindliche Wohnsiedlung in Niederrad seinen Namen genauso wie eine Straße. Auf dem Frankfurter Südfriedhof hat Miersch eine Ehrengrabstätte.

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