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Rosemarie Heilig.

Gastbeitrag

Frankfurt: Stadtplanung am Scheideweg

Frankfurts Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) zum Kampf um den neuen Stadtteil im Norden Frankfurts.

Frankfurt auf dem Weg zur Millionenstadt? Die Einwohnerzahl wächst kontinuierlich, auch die Arbeitsplätze, die Pendlerzahlen, die Studierenden, die Übernachtungsgäste. Alles drängt in eine Stadt, die flächenmäßig gerade mal so groß ist wie Erfurt.

Also bauen, bauen, bauen?

Frankfurt hat in einem mustergültigen integrierten Planungsprozess untersucht, wo noch Potenzial für neue Siedlungen wäre. Die Bebauung des Pfingstbergs oder der „Grüne-Soße-Felder“ in Oberrad verbietet sich aus klimatischen Gründen. Doch auch die Nachverdichtung stößt schnell an Grenzen. Einzelne Beispiele wie die Aufstockung der Platensiedlung funktionieren zwar, aber angesichts einer immer heißer werdenden Innenstadt brauchen wir gerade dort grüne Oasen.

Frankfurt kann auch nicht alle Lasten der Stadtentwicklung an die Region delegieren. Auch die Region braucht ein Gleichgewicht von Wohnungsbau, Wirtschaftsentwicklung, Infrastruktur und Grünplanung. Etwas weniger großstädtische Arroganz in Frankfurt und etwas weniger Kirchturmdenken in der Region täte beiden Seiten gut, um zu einem Konsens über unsere gemeinsame Zukunft zu kommen.

Unbequeme Wahrheiten zur Kenntnis nehmen

Können wir uns überhaupt noch eine flächenmäßig bedeutsame Versiegelung in unseren Städten leisten, die schon jetzt so überhitzt sind, dass wir eigentlich gegensteuern müssen? Was hilft ein neues Wohngebiet, wenn wir den Kampf gegen die Klimaerwärmung verlieren? Wir – Stadt und Land – müssen einige unbequeme Wahrheiten zur Kenntnis nehmen:

1. Wir lösen den Interessenkonflikt um die raren Flächen nicht allein auf Frankfurter Gebiet.

2. Das Umland kann andererseits nicht auf Dauer allein auf lokaler Identität beharren und gleichzeitig von der Infrastruktur und den Arbeitsplätzen der Großstadt profitieren.

3. Ohne einen Paradigmenwechsel in der Umwelt- und Verkehrspolitik lösen wir kein einziges Problem wirklich nachhaltig.

Lokale Identität gerne, aber nicht, indem man sich in einer informellen Metropolregion nur die Sonderangebote aus den Regalen des politischen Selbstbedienungsladens herausholt. Die Umlandgemeinden delegieren Arbeit und Mobilität an die Großstadt und die Großstadt delegiert das Schlafen in die Region – so kann es nicht funktionieren!

Wenn sich in der regionalen Planungsversammlung tatsächlich keine Mehrheit für den neuen Stadtteil an der A5 finden sollte – und es sieht ja aktuell so aus – was wären dann die Alternativen?

Das Zauberwort heißt Region

Wenn es ein Zauberwort gibt, dann eben nicht Bauen um jeden Preis und Verdichten, egal wo – das Zauberwort heißt Region! Regionalpolitik muss ganz oben auf der Agenda stehen. Und insbesondere eine Regionalpolitik, die vom Grün her gedacht wird.

Beispiel Verkehr: Indem wir durch neue Siedlungen mehr Pendlerverkehr in die Stadt ziehen, legen wir uns planerisch auf Dauer selbst lahm. Frankfurt muss dem Beispiel anderer europäischer Metropolen folgen; die Innenstadt wird autofrei.

Beispiel Grünplanung: Rhein-Main hat nicht wie andere Metropolen DEN Central Park oder DEN Hyde Park, sondern ein Netz, teilweise auch Patchwork aus ganz unterschiedlichen und unterschiedlich genutzten Grünflächen. Statt der „Strips“, wie wir sie aus den USA oder inzwischen auch Frankreich kennen, hat bei uns fast jede Stadt noch einen grünen Ring, auch einen Bezug zu Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Weinbau oder Gärtnerei. Diese Grünflächen sorgen für Abkühlung und frische Luft an heißen Tagen, sie nehmen Regenwasser auf und beugen damit Überschwemmungen an anderer Stelle vor. Sie sind Heimat von seltenen Tieren und Pflanzen.

Doch ihre Kraft erhalten alle diese Flächen erst mit einer übergreifenden Planung, die eine sinnvolle Verbindung untereinander schafft. Der Frankfurter Grüngürtel würde ächzen, umgeben von dichter, versiegelter Bebauung. Ihn durch landschaftliche grüne Strahlen mit der Region zu verbinden, ist der richtige Ansatz.

Politik darf dabei nicht die Getriebene einer Entwicklung sein, sondern muss – Stadt und Region auf Augenhöhe! – steuern und gestalten. Durch eine internationale Bauausstellung für das Rhein-Main-Gebiet, die unter der Überschrift „Regionale Entwicklung in Zeiten des Klimawandels“ durchgeführt würde, könnten viele Fragen beantwortet werden.

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