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Dass die Betroffenen auf der Straße landen, ist laut der Studie meist auf prekäre Arbeitsbedingungen, mangelnden Zugang zu Hilfsangeboten und teils auch Krankheiten oder Schicksalsschläge zurückzuführen.

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Stadt Frankfurt hält Obdachlosen-Studie seit 2018 unter Verschluss - nun gibt es Streit

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Seit fast zwei Jahren verhindert der Magistrat die Veröffentlichung einer Studie über obdachlose EU-Bürger in Frankfurt. Die Inhalte sind offenbar zu brisant.

  • Das Amt für multikulturelle Angelegenheiten (Amka) hat eine Studie über obdachlose EU-Bürger in Frankfurt in Auftrag geben
  • Zwei Sozialwissenschaftlerinnen hatten daraufhin mehr als 40 Interviews mit Obdachlosen, Mitarbeitern der Stadt und Experten geführt
  • Das Ergebnis - ein 100 Seiten starkes Papier - wurde noch nicht veröffentlicht

Frankfurt - Eine Studie über die Lebenswirklichkeit von EU-Bürgern, die in Frankfurt als Obdachlose auf der Straße leben, sorgt für Streit in der Stadtregierung. Die Untersuchung, die das Amt für multikulturelle Angelegenheiten (Amka) in Auftrag gegeben hat, liegt dem Magistrat bereits seit Sommer 2018 vor. Dennoch wurden die Ergebnisse bislang nicht veröffentlicht. Wie Jan Pasternack, Sprecher von Integrationsdezernentin Sylvia Weber (SPD), der Frankfurter Rundschau sagte, gebe es im Magistrat „unterschiedliche Positionen bezüglich einer Veröffentlichung“.

Hintergrund der strittigen Forschungsarbeit ist die Debatte um Obdachlose aus dem EU-Ausland, vor allem aus Bulgarien und Rumänien, die in Frankfurt seit Jahren geführt wird. Ende 2013 hatten sich obdachlose EU-Bürger, unter ihnen auch Roma, behelfsmäßige Unterkünfte auf einer Industriebrache im Gutleutviertel errichtet. Nach der endgültigen Räumung der Fläche im Februar 2017 war für einige Monate ein zweites Elendsquartier aus Bretterbuden auf einem anderen Firmengelände im Gutleutviertel entstanden.

Frankfurt: Stadt hält Obdachlosen-Studie unter Verschluss

Die Debatte um die menschenunwürdigen Zustände vor Ort hatte auch die Frage aufgeworfen, warum den Obdachlosen nicht geholfen werde, statt sie immer wieder zu vertreiben. Die Stadt Frankfurt stellt sich seit Jahren auf den Standpunkt, dass EU-Ausländer nur in städtischen Notunterkünften aufgenommen werden können, wenn sie Anspruch auf Sozialleistungen haben. Das ist bei Bürgern aus der Europäischen Union, die zur Arbeitssuche nach Deutschland kommen, in der Regel nicht der Fall. Ihnen bietet die Stadt regulär nur eine Rückfahrkarte in ihre Herkunftsländer an.

Um mehr über die Betroffenen zu erfahren, hatte das Amka schließlich eine Studie über ihre Lage und ihre Bedürfnisse in Auftrag gegeben. Zwei Sozialwissenschaftlerinnen hatten daraufhin im Frühjahr 2018 mehr als 40 Interviews mit den Obdachlosen, Mitarbeitern der Stadt und Experten geführt und ihre Ergebnisse in einem 100 Seiten starken Papier zusammengefasst.

Und ihre Ergebnisse sind durchaus interessant: Nach FR-Informationen geht aus der Studie hervor, dass viele der obdachlosen EU-Bürger abgeschlossene Berufsausbildungen haben und über Berufserfahrung aus ihren Herkunftsländern verfügen. Meist seien sie wegen der Perspektivlosigkeit in ihrer Heimat nach Frankfurt gekommen. Viele finden sogar Jobs, können wegen der niedrigen Löhne aber die hohen Mieten nicht aufbringen.

Frankfurt: Teile der Verwaltung sehen sich in der Studie über Obdachlose offenbar zu negativ dargestellt

Dass die Betroffenen auf der Straße landen, ist laut der Studie meist auf prekäre Arbeitsbedingungen, mangelnden Zugang zu Hilfsangeboten und teils auch Krankheiten oder Schicksalsschläge zurückzuführen. Eigentlich suchen die Menschen aber Arbeit und regulären Wohnraum und halten sich als Obdachlose mit Jobs, Flaschensammeln oder Betteln über Wasser. Weil sie in den städtischen Notunterkünften nicht aufgenommen werden, leben sie teils unter gesundheitsgefährdenden Bedingungen. Dennoch denken sie laut der Studie kaum darüber nach, in ihre Heimat zurückzukehren.

Jan Pasternack bestätigte der FR, dass die Ergebnisse der Studie und von den Wissenschaftlerinnen erarbeitete Handlungsempfehlungen bereits im „Runden Tisch Osteuropäer“ diskutiert wurden, zuletzt im August vergangenen Jahres. In diesem beim Ordnungsdezernenten Markus Frank (CDU) angesiedelten Gremium sind auch das Integrations- und Sozialdezernat vertreten. Derzeit sei es aber „nicht gewünscht“, die ganze Studie zu veröffentlichen, sagte der Sprecher von Integrationsdezernentin Weber.

Frankfurt: Obdachlose beklagen eine sehr rigide Linie der Stadt im Umgang mit ihnen

Man nutze die darin enthaltenen Handlungsempfehlungen jedoch, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Außerdem habe es neben den magistratsinternen Debatten bereits Fachtage zu der Frage gegeben, wie man den Betroffenen besser helfen könne.

Ein Grund dafür, dass die Studie nicht veröffentlicht wird, ist nach FR-Informationen, dass Teile der städtischen Verwaltung sich darin zu negativ dargestellt fühlen. Insbesondere sorgt offenbar für Ärger, dass die Obdachlosen in den Interviews eine sehr rigide Linie der Stadt im Umgang mit ihnen beklagen.

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