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Gericht

Frankfurt: Staatsanwaltschaft plädiert im Mülldeponie-Prozess auf Mord

  • Stefan Behr
    VonStefan Behr
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Stefan U. wird der Mord an seiner Frau zur Last gelegt, deren Knochen später auf einer Mülldeponie gefunden werden. Mit seiner jüngeren Geliebten erwartete er zur Tatzeit ein Kind.

Dieser Fall gibt so viel her, dass man vier Stunden darüber reden könnte“, droht Johannes Jacobi von Wangelin am Donnerstagmorgen zu Beginn seines Plädoyers. Als er dann aber keine zwei Stunden später bereits zum Ende kommt und – wenig überraschend – wegen Mordes eine lebenslange Freiheitsstrafe für Stefan U. fordert, ist man überraschenderweise geneigt, dem Staatsanwalt recht zu geben. Der Fall gibt das her.

Der 38 Jahre alte U. ist angeklagt, vermutlich in der Nacht auf den 24. Oktober 2019 seine 43 Jahre alte Ehefrau Iryna ermordet zu haben. Stefan U. hatte zu dem Zeitpunkt eine außereheliche Affäre, seine deutlich jüngere Freundin erwartete ein Kind von ihm. Die Verhandlung vor der Großen Strafkammer des Landgerichts unter dem Vorsitz von Jörn Immerschmitt war ein reiner Indizienprozess. Stefan U. hat die Tat stets geleugnet. Zu Beginn war es ein Mord ohne Leiche: U. hatte seine Frau noch in der Tatnacht als vermisst gemeldet. Im Laufe der Ermittlungen verhaspelte er sich aber zunehmend in Widersprüche und wandelte sich vom Zeugen zum Verdächtigen. Nachdem sich herausstellte, dass U., der als eine Art Hausmeister für ein Gebäude der Deutschen Bahn arbeitete, kurz nach dem Verschwinden seiner Frau einen Auftrag zur Leerung des hauseigenen Müllpresscontainers erteilt hatte, buddelten sich die Ermittler durch 22 500 Tonnen Schlacke auf der Mülldeponie in Wicker – bis sie schließlich auf drei Knochen stießen, die eindeutig Iryna U. zugeordnet werden konnten.

Neben niederen Beweggründen – der Beseitigung der alten Ehefrau, um Platz für eine neue zu schaffen – hatte die Staatsanwaltschaft zu Beginn des Prozesses auch Habgier als Mordmerkmal genannt. Iryna U. hatte sich von ihrem eher kargen Gehalt als Krankenschwester genug auf die Seite gelegt, um die gemeinsam bewohnte Eigentumswohnung in Nied und ein Ferienhaus an der spanischen Costa Blanca zu kaufen. Folgt man aber dem durchaus schlüssigen Plädoyer Jacobi von Wangelins, dann wurde U. zum Mörder, weil er keinen anderen Ausweg aus seinem selbst gebauten Labyrinth der Lügen mehr sah.

Stefan U. ist ein begeisterter Whats-App-User. Dreieinhalb dicke Leitzordner dokumentieren die mehr als 10 000 Chats, die er in den Wochen vor der Tat mit seiner Freundin und seiner Frau geführt hat. In mehr als der Hälfte kommt mindestens einmal das Wort „Liebe“ vor. In fast allen lügt er, dass sich die Balken biegen.

Es geht damit los, dass er seiner neuen Freundin vorlügt, seine Frau habe ihn „betrogen“, weil sie ihm verheimlicht habe, dass sie im Gegensatz zu ihm keine Kinder wolle – dabei hatte Iryna U. mit Hormontherapien und künstlicher Befruchtung fast schon verzweifelt versucht, den gemeinsamen Kinderwunsch zu erfüllen.

Seine Frau werde schon bald aus „seiner“ Wohnung ausziehen, dann stünde ihrem Glück nichts mehr im Wege, und er verschiebt immer wieder den Auszugstermin gegenüber der zunehmend ungeduldigen Freundin. Beiden Frauen versicherte er nahezu zeitgleich seine ewige Liebe. Einen gemeinsamen Spanienurlaub mit seiner Frau beendete U. vorzeitig, indem er vorgab, eine Beerdigung zu besuchen. Die Beerdigung hatte er bereits Monate zuvor erfunden. „Jetzt lassen sie den Sarg hinunter“, chattete er live von der fiktiven Beerdigung nach Spanien. Für eine angebliche Dienstreise nach Köln lädt er ein Hotelzimmerfoto aus dem Internet hoch und schickt es seiner Frau.

Seine Suchbegriffe im Internet werden immer beängstigender: „Ammoniak im Blut“, „mit Schal erdrosselt“, „im Schlaf erdrosselt“. Bereits in der Nacht des angeblichen Verschwindens nervt er Kolleginnen seiner Frau mit Fragen über deren Verbleib. Noch wochenlang schickt er seiner Frau Textnachrichten, in denen er sie um Rückkehr bittet. Er scheint seiner Sache sehr sicher und gibt sich nicht allzu viel Mühe: Neben Blutspuren seiner Frau finden die Fahnder in der Wohnung, in der er bereits mit seiner neuen Freundin wohnt, auch das Telefon der Ehefrau – mit allen Textnachrichten.

U.s Verteidiger Stefan Bonn hat in Frankfurter Justizkreisen einen exzellenten Ruf. Auch er beherrscht die Kunst des langen und profunden Plädoyers. Am Donnerstag macht er es angesichts der prekären Indizienlage kurz. Sein Vortrag dauert etwa zehn Minuten, er stellt keine konkrete Forderung und gibt durch die Blume zu bedenken, dass mit etwas Fantasie vielleicht ja auch bloß Totschlag in Betracht kommen könnte. Aber so recht überzeugt wirkt er dabei nicht.

Das Urteil soll heute Mittag fallen.

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