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Das Land- und Amtsgericht Frankfurt am Main.

Prozess

Spritzfahrt zum Mordversuch in Frankfurt

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Ein Amokfahrer steht vor dem Landgericht.  

Für Carsten B. war es eine „Spritztour“, für die Staatsanwaltschaft versuchter Mord. Einig sind sich beide Parteien am Freitag vor dem Landgericht allerdings, dass am 19. September 2017 Folgendes passierte: Am frühen Nachmittag holen sich der 43 Jahre alte B. und seine Freundin im Ostend ihre Methadon-Ration ab. Beide feiern B.s erfolgreiche jüngste Entgiftung mit Wodka, Crack, Schmerztabletten und Haschisch. Zur Feier des Tages stielt B. einen auf einem Supermarktparkplatz abgestellten Opel, und los geht die Spritzfahrt.

Der erste aktenkundige Unfall ereignet sich gegen 17.40 Uhr in Niederrad. B. touchiert beim Rückwärtsfahren ein anderes Auto, verursacht etwa 1000 Euro Schaden und gibt Gas. Gegen 18.30 Uhr kracht es dann in der Grüne Straße: Abermals fährt B. rückwärts, knallt diesmal aber gegen ein geparktes Auto, wieder 1000 Euro. An der Kreuzung Hanauer Landstraße / Allerheiligentor heftet sich die alarmierte Polizei an die Hinterreifen des Amokfahrers, aber der missachtet Sirene und Anhalteaufforderungen. An einer roten Ampel, vor der B. ausnahmsweise hält, steigen die Beamten aus dem Auto und zücken ihre Dienstwaffen. Während sich der Polizist vor das Auto stellt und B. abermals zum Aussteigen auffordert, stellt sich seine Kollegin an die Beifahrertür. 

B. gibt Gas und rast mit durchdrehenden Reifen auf den Polizisten zu, der sich nur mit einem beherzten Sprung zur Seite retten kann. Als andere Kollegen B. nur einen Auffahrunfall später (nochmal 1000 Euro) tatsächlich fest- und ihm eine Blutprobe entnehmen, sind sie erstaunt, dass diese tatsächlich neben beinahe allen toxischen Substanzen auch Blut enthält.

Autoschlüssel im Ascher 

Die Widersprüche stecken im Detail. Zum einen, sagt B., habe das Auto nicht auf einem Supermarktparkplatz, sondern auf einem Radweg daneben geparkt. Es sei unverschlossen gewesen, die Schlüssel hätte „der Idiot“ von einem Fahrer im Aschenbecher gelagert. Und auf die Idee mit der Spritztour sei seine Freundin gekommen, die aber wegen ihres Drogenkonsums nicht mehr fahrtüchtig gewesen sei. Er selbst sei ein hervorragender Autofahrer, auch wenn er keinen Führerschein hat und ein bisschen die Fahrpraxis fehlt, weil er seit seiner Jugend mit kurzen Unterbrechungen eigentlich immer im Knast hockt.

Den versuchten Mord bestreitet B. aber vehement, Er habe den Polizisten nicht über-, sondern weiträumig umfahren wollen, der sei völlig ohne Not gehüpft. Kleine Fahrfehler seinerseits könne er sich nur dadurch erklären, dass die Autoscheiben beschlagen gewesen seien, weil „der Idiot“ von einem Autobesitzer die Lüftung wohl nicht habe reparieren lassen.

Zudem habe er in dem Moment, in dem er die Polizisten mit gezückter Waffe gesehen habe, „Todesangst“ gehabt. Denn erst vor ein paar Jahren hätten Polizisten bei einer Verkehrskontrolle, die er wohl übersehen habe, erst ein Loch in seinen Hinterreifen und dann ein Loch in B. selbst geschossen. Kein tödliches, aber dennoch fahre seitdem die Angst mit, das sei nun seine ganz persönliche „Paranoia“.

Der Prozess, der wegen einer Bombendrohung nebst Evakuierung des Gerichtsgebäudes mit mehrstündiger Verspätung begann, wird fortgesetzt.

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