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Frankfurt, Sportstadt am Main - und auf dem Main

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Von: George Grodensky

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Jürgen Kreß und Herrmann Husslein (v. l.) stechen beim Stand-up-Paddling in den Main.
Jürgen Kreß und Herrmann Husslein (v. l.) stechen beim Stand-up-Paddling in den Main. © Michael Schick

Nirgendwo sonst bewegt sich so viel wie am Ufer des Flusses und auf dem Wasser. Hier geht fast alles: Joggen, Radfahren, Wandern, Paddeln, Rudern, Einkehren, Flanieren.

Frankfurt ist eine Sportstadt. Wer es nicht glaubt, suche einmal zu jeder beliebigen Jahres- und Tageszeit eine der Grünanlagen in der Stadt auf. Irgend jemand joggt immer. An diesem trüben, doch trockenen Samstagnachmittag verschlägt es den Reporter ans Mainufer, ans Rudererdorf, zu Fuße Oberrads. Träge fließt der Main. Majestätisch fast, immerhin ist er mit 527 Kilometern der längste rechte Nebenfluss von Vater Rhein. Da kann man es schon ein bisschen gemütlich angehen lassen. Von wegen. An den Mainufern und auf der Wasserstraße selbst herrscht immer Remmidemmi.

Ein Rad zischt vorbei und noch eins. Schüchtern tasten sich zwei Damen auf Inlineskates die Route entlang. Fußgänger springen erschrocken zur Seite, als wieder ein Rad vorbeizischt. Zwischen Flugzeugen zwitschern Vögel. Drei junge Männer auf E-Rollern flitzen umher, sie sind voll beladen mit Angelzeug und suchen ein lauschiges Plätzchen. Hier werden sie nicht fündig. Eine Gänsemama schnattert ihre Familie zusammen. Dann hält „Maria Sibylla Merian“ am Kai, das neue Flagschiff der Primuslinie, ein Schwall von Menschen ergießt sich aufs Gelände, eine andere Gruppe rollt die Gangway hinauf. Großstadtidylle.

Genau das sucht die Gruppe auf den E-Bikes, die nun fröhlich am Ich-Denkmal Halt macht. Fotopause. Der Sandsteinsockel nahe der Gerbermühle ist eines der bedeutendsten Kunstwerke Frankfurts. Über ein paar Stufen kommt man bequem hinauf und kann sich somit selbst der Welt als Denkmal präsentieren. Ersonnen hat das einst Hans Traxler, einer der Granden der Neuen Frankfurter Schule. Einige von ihnen haben ihre „Komische Kunst“ der Stadt vermacht, die damit Grünanlagen mit Humor aufwertet. Seit 2005 ist das einzigartige Artefakt in Frankfurt zu finden, die Begeisterung ist einzig dadurch geschmälert, dass auch dahergelaufene Orte wie Kassel und Bielefeld sich inzwischen mit dem Traxler-Schmuckstück rühmen können.

Sei’s drum, die Radfahrtruppe, die soeben den Sockel in Besitz nimmt, ist gnädig gestimmt. Ihre Namen möchten die Sportlerinnen und Sportler zwar nicht verraten, aber dass sie in Steinheim „unter der Brücke“ losgefahren sind. Sie treffen sich regelmäßig zu solchen Ausflügen. Heute sind sie bis zum Goetheturm getourt. „Der hat wieder offen“, sagt eine der Radlerinnen. Ebenso die Gastronomie vor Ort.

Nach einer Grüne-Soße-Jause geht es nun wieder gen Hanau zurück. Wobei die Mitglieder eigentlich aus Frankfurt-Bornheim stammen und aus Schöllkrippen nahe Aschaffenburg. Nur der Treffpunkt war bei Hanau, aber das ist jetzt zu kompliziert, um es weiter auszuführen.

Bei Hermann Husslein ist das ganz einfach. Der 36-jährige Hanauer ist zum Trainieren nach Frankfurt gekommen. Im Kajak ist er schon bei Olympia unterwegs gewesen, inzwischen hat er sich dem Stand-up-Paddling verschrieben. Das ist längst nicht mehr nur ein lustiger Freizeitspaß mit aufblasbarem Gefährt. Husslein nutzt ein Profiboard aus Karbon. Es gibt richtige Wettkämpfe. Um Ausdauer geht es bei der Langstrecke, so zehn bis 20 Kilometer ist da eine Strecke lang. Es gibt aber auch Rennen, in denen es um die Technik geht. Das beginnt dann mit einem Beach-Start, die Kombattant:innen rennen mit dem Boot ins Wasser und springen auf, hernach kurven sie durch einen Parcours, der mit Bojen gesteckt ist. Zuweilen tut es auch ein 200-Meter-Sprint für einen Wettkampf.

Husslein trainiert jedenfalls sechs Mal die Woche. Meist auf Main und Kinzig bei Hanau, schließlich tritt er für die Ski- und Kanugesellschaft Hanau an. Aber ab und an tut auch ein Abstecher in die Großstadt gut. Auch wegen der Kulisse und der Skyline. Aber vor allem, weil es zwischen den Steilwänden des Mains im Innenstadtbereich anspruchsvoller ist zu paddeln. Der Wellengang ist dort rauer als an flachen Uferstellen. Wer möchte, kann das demnächst nachvollziehen. Am 7. Mai richtet der Frankfurter Kanu-Verband am Schaumainkai den Main-Metropolitan-Cup aus. Unter anderem mit Stand-up-Paddling.

Die nächste Gruppe, die mit großem Aplomb am Mainufer vorfährt, hat sich dem Rennsport verschrieben. Aus der Ferne sieht das ganz putzig aus, als hätte sich ein Seifenkistenrennen verfahren. Während der Reporter noch grübelt, wie sich eine Seifenkiste eigentlich ohne Hang fortbewegen kann, ist die Kolonne schon mit lautem Geknatter vorgefahren. Es handelt sich um einen Konvoi von sogenannten Hotrods. Ein klassisches Hotrod ist ja nun ein US-amerikanisches Automodell der 1920er- bis 40er-Jahre, das einen viel zu großen Motor verpasst bekommt. Man kennt das aus diversen Musikvideos der texanischen Band ZZ Top.

Die Frankfurter Hotrod Tour besteht aus straßentauglichen Seifenkisten-Gokarts. 2,10 Meter ist so ein Gefährt lang, 1,12 Meter breit und 81 Zentimeter hoch. Mit 13,6 Pferdestärken brausen die Kleinen ganz schön los, Höchstgeschwindigkeit ist fast 90. Die Tour gebucht haben Marina von dem Bottlenberg und Florian Menne. Sie wollen ihren Gästen aus Paderborn mal die Stadt zeigen. Und warum im Hotrod? „Weil’s Megaspaß macht“, sagt Marina von dem Bottlenberg. Das sieht der Besuch auch so. „Das ist richtiges Motorsportfeeling, wenn der Motor rappelt“, schwärmt Daniel Wigge. „Man spürt auf der Fahrt jede Bodenwelle“, sagt Vanessa Brand.

Die Hotrods fahren ganz normal auf Straßen, in einer Kolonne. „Wenn gerade keine Demo ist“, schränkt Florian Menne ein. Er betont das so, weil es ihn erstaunt, wie wenigen Demos sie begegnet sind und wie viel positives Feedback sie auf ihrer Tour von Passant:innen bekommen. Er hätte mit viel mehr „militanten Radfahrern“ gerechnet. Stattdessen grüßten sehr viele Menschen oder zeigten „mit dem Daumen nach oben“.

Angehalten hat die Gruppe überhaupt nur, um ein Päuschen und ein Erinnerungsfoto mit der Europäischen Zentralbank zu machen. Der Blick vom Rudererdorf zum anderen Flussufer ist ein typisches Frankfurter Motiv. Urig und modern, alt und neu, verwitterter Stahl und Glaspalast liegen oft nur einen Steinwurf voneinander entfernt. Mit einem Atemzug lasen sich die alte Auroramühle und die Europäische Zentralbank betrachten, die frühere Großmarkthalle und der schicke Turm der Europabänker, der Osthafen und die EZB, die Sand- und Kiesanlagen des Baustoffhandels und der imposante Turm der Zentralbänker. „Irgendwie ist auf fast jedem Bild die EZB im Hintergrund“, sagt Manfred Jakob und lacht. Er gehört zum Fotokreis Dietzenbach. Die Gruppe hat sich rund um den Osthafen umgesehen. Sie wollen das „Alte, das Fertige und das Neue“ dokumentieren. „Den Wandel“, sagt Jakob.

Einen Wandel, den der eigene Verein, nebenbei bemerkt, erstaunlich gut vollziehe. Obwohl mancher scherze, es handle sich beim Fotokreis um einen Fotogreis, liege das Durchschnittsalter der Gruppe mittlerweile unter 60 Jahren. Der Fotokreis boomt, jedes Jahr gibt es eine Ausstellung. Nicht einmal Corona hat die Truppe kleingekriegt. Nun ist sie aber müde. Eine vierstündige Wanderung liegt hinter ihr. „Fotografieren ist auch Sport“, sagt daher Claudia Wiegold. Sie deutet auf ihre Fitnessuhr am Arm. 12 500 Schritte habe die gezählt. Darum zieht es den Club jetzt in einen der Biergärten im Rudererdorf, ausspannen. Ein paar Meter weiter macht ein Stand-up-Paddler das passende Geräusch dazu. Mit lautem Pfffff lässt er die Luft aus seinem Sportgerät. „Der Fotokreis ist auch viel Geselligkeit“, sagt Jochen Picard noch. Einfach zusammen Spaß haben.

Auf einmal verwandelt sich der Parkplatz in ein Minimotodrom. Die Hotrods kommen.
Auf einmal verwandelt sich der Parkplatz in ein Minimotodrom. Die Hotrods kommen. © Michael Schick
Wer zischt lauter, die Gänsemama oder die Fahrräder?
Wer zischt lauter, die Gänsemama oder die Fahrräder? © Michael Schick

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