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Frankfurt: Spielen, stöbern, mitnehmen

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Von: Timur Tinç

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Die fünfjährige Elisaveta macht eine erste Probefahrt auf dem Gelände der VGF.
Die fünfjährige Elisaveta macht eine erste Probefahrt auf dem Gelände der VGF. © Michael Schick

Die Spendenstelle Prolisok nimmt auf dem Werksgelände der Verkehrsgesellschaft Frankfurt Hilfsgüter an und verteilt sie an Geflüchtete aus der Ukraine.

Maxim steht auf einer Europalette und zieht die Schubladen einer Spielküche auf und zu. Dann schnappt sich der Zweijährige einen Plastik-Dinosaurier und spielt mit ihm. „Wir kommen oft hier her, denn er mag es hier zu spielen“, erklärt seine Mutter Anastasiya Bezgina. Mit hier ist die Spendenstelle Prolisok für geflüchtete Menschen aus der Ukraine gemeint, die sich seit Anfang März auf dem Werksgelände der Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF) in der Heerstraße befindet.

Neben Spielsachen und Fahrrädern stehen mehrere Ständer mit Kleidung, die ordentlich nach Konfektionsgrößen sortiert sind auf dem Hof. Auf einem Tisch stehen Geschirr und andere Haushaltsartikel. Drinnen gibt es einen Raum für Kinderklamotten, Spielsachen, Schulranzen, Bürobedarf und zwei weitere für Erwachsenenkleidung sowie ein großes Lager. „Es ist immer etwas Neues da“, freut sich Bezgina, die mit ihrem Sohn bei einer deutschen Familie wohnt.

Kurz nach Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine ist Prolisok, das übersetzt Schneeglöckchen bedeutet, eingerichtet worden. Erst war es nur ein kleines Zimmer in dem die Hilfsgüter gesammelt wurden, mittlerweile werden alle verfügbaren Räume genutzt. Die Idee dazu hatte Biana, 38 Jahre alt. Sie ist Architektin und Projektleiterin für Gebäudethemen bei der VGF. Sie ist ihrem Arbeitgeber enorm dankbar, dass sie das Gelände nutzen kann. Voraussetzung ist, dass mindestens ein:e Mitarbeiter:in der VGF vor Ort sein muss. Biana hat mehrere Mitstreiter:innen in der Firma, die von Anbeginn geholfen haben.

„Mein Grundgedanke war, Leute zusammenzubringen, die helfen wollen“, sagt Biana, die selbst aus der Ukraine stammt. Sie trägt als Einsatzleiterin eine rosa Weste. Helferinnen in gelben Westen sprechen entweder Ukrainisch oder Russisch und stehen für Fragen der Ukrainer:innen zur Verfügung. „99 Prozent davon sind selbst Geflüchtete“, erzählt Biana. Die Helferinnen und Helfer in orangenen Westen sprechen Deutsch oder andere Sprachen und kümmern sich an den Öffnungstagen vermehrt um das Sortieren von Spenden, die gebracht werden oder um andere Arbeiten, die im Laufe des Tages anfallen.

„Wir haben viele Metamorphosen durchgemacht“, sagt Biana. Rund 150 Helfer:innen sind mal mehr, mal weniger im Einsatz. Einen Verein will sie aufgrund des Aufwands nicht gründen. Außerdem sei es auch nicht das Ziel ewig zu bestehen, sondern die Not jetzt zu lindern. Auch wenn der Krieg länger dauert, als sich das alle wünschen. „Der Bedarf verändert sich zwar, aber er wird nicht weniger“, sagt sie. Anfangs brauchten die Menschen bequeme Klamotten, Decken oder Kissen. Mittlerweile seien es Sommerkleidung, Haushaltsartikel und Spielsachen, weil immer mehr Geflüchtete eigene Wohnungen bekommen. Gesucht werden auch Hygieneartikel oder Gutscheine, damit die Geflüchteten selbst ihre Sachen kaufen können. „Das gibt ihnen auch Selbstwertgefühl“, sagt Biana. Die Liste, mit den Dingen, die benötigt werden, wird monatlich aktualisiert und steht im Internet.

Die Spendenmenge geht derzeit zurück. Es gab und gibt viele Aktionen von Schulen oder Kindergärten, die Spenden gesammelt und gebracht haben. Die Website frankfurt-hilft.de veröffentlicht mittlerweile was Prolisok benötigt. „Die ukrainische Botschaft und die Bahnhofsmission wissen auch Bescheid und schicken die Menschen zu uns“, berichtet Biana.

Die Spendenstelle

Die Sachspendenstelle Prolisok befindet sich in der Heerstraße 305 in Frankfurt. Direkt davor hält die Buslinie M60 an der Haltestelle Stadtbahnzehntralwerkstatt.

Die Öffnungszeiten sind derzeit freitags von 14 bis 17 Uhr sowie samstags und sonntags von 10 bis 17 Uhr. Sowohl für Menschen, die Spenden bringen als auch abholen wollen.

Aktuelle Informationen welche Spenden gebraucht werden, gibt es auf der Facebookseite der Gruppe „Prolisok Frankfurt am Main“. www.facebook.com/groups/514208566948769

Kontakt zur privat organisierten Hilfsinitiative, die auch noch weitere Helfende sucht gibt es per E-Mail unter: prolisok.frankfurt@gmail.com. Oder per Whats-App unter der Handynummer: 0175 3311400. tim

Die Ukrainer:innen kommen aus dem ganzen Rhein-Main-Gebiet, um sich etwas zu holen. Kinderbetten sind dabei die größten Spendenstücke vor Ort. „Die meisten kommen mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu uns. Die können große, sperrige Sachen gar nicht transportieren“, sagt Biana. In einem Ordner, den sie aufblättert, sind Bilder von Wohnlandschaften, Sofas, Schränken oder Betten zu sehen. „Wenn uns Möbel angeboten werden, bitten wir um Fotos und wir zeigen sie denjenigen, die etwas Bestimmtes suchen“, sagt sie. Dann wird der Kontakt hergestellt. Um den Transport müssen sich die Menschen dann alleine kümmern.

Unter den Helfer:innen gibt es solche, die nur Transporte erledigen und zum Beispiel bei Haushaltsauflösungen gut erhaltene Sachen in die Spendenstelle bringen. So wie Ralf Nitschke. „Es tut mir so weh, wenn ich die Bilder aus der Ukraine im Fernsehen sehe“, erklärt er sein Engagement. Er weiß, dass es nicht selbstverständlich sei, so gut zu leben wie in Deutschland. „Ich mache den Kühlschrank auf und habe was zu essen“, sagt Nitschke. Er möchte deshalb sein Glück mit anderen teilen.

Tatiana Svintsova kam vor rund drei Monaten selbst als Besucherin und ist als Helferin geblieben. „Ich habe Hilfe von Fremden in einem Moment bekommen, wo ich Hilfe brauchte. Dadurch habe ich die Kraft gefunden es weiterzugeben“, sagt sie. Sie versuche, so oft sie kann zu kommen, übernimmt auch die Einsatzleitung wenn Biana nicht da ist. „Mein Mann ist Soldat. Hier zu helfen lenkt ab von den Sorgen und den Nachrichten in der Heimat. Ich hoffe, er kriegt die Hilfe dort, die ich den Leuten hier zuteil lassen kann“, sagt Svintsova. Dann muss sie das Gespräch abbrechen, sie ringt mit den Tränen.

Mariia Babushkina findet den Ort „wichtig als Treffpunkt und für die Psyche“. Die Helferinnen vernetzen sich untereinander, geben Informationen weiter. Die dreifache Mutter ist Lehrerin und gibt von Deutschland aus Online-Unterricht in die Heimat und ist in ihrer Freizeit bei Prolisok. „Sie ist so eine starke Frau“, findet Biana. Manchmal bringe Mariia ihr geschmierte Brote mit, wenn sie direkt nach der Arbeit zur Spendenstelle komme, weil Mariia ahnt, dass sie nichts gegessen hat. „Jeder hat seine schlimmen Geschichten. Die Menschen versuchen das Beste draus zu machen und neu anzufangen“, sagt Biana.

Im Laufe des Vormittags kommen immer Menschen auf das Gelände. Viele Kinder sind da, nehmen sich die Fahrräder und drehen ein paar Runden. Auch die beiden Töchter von Yuliia. „Ich ziehe gerade um und brauche Geschirr und Kissen“, erzählt sie. Bis vor kurzem hat sie bei ihrer Schwester gelebt, die ihr in der Anfangszeit mit allem geholfen hat. Die Töchter haben gerade einen Kita-Platz bekommen, sie die Erlaubnis zu arbeiten. „Kann ich hier arbeiten?“, fragt sie Biana. Sie könne gerne kommen und helfen, aber niemand bekomme hier Geld, erklärt sie Yuliia. Das Engagement ist ausschließlich ehrenamtlich.

Hin und wieder habe es mit einigen Helferinnen zu Beginn Probleme gegeben, die versucht haben, die besten Sachen für sich zu sichern, berichtet Biana. „Das haben wir aber sehr schnell unterbunden.“ Außerdem wird von ihrem Team regelmäßig kontrolliert, ob die Menschen tatsächlich aus der Ukraine kommen. Nicht unterbinden konnte sie, dass die selbstgemachten Schilder, die den Weg zur Spendenstelle weisen, zerstört oder mit russischen Kriegssymbolen wie dem „Z“ beschmiert wurden. „Das sind sicher nur Einzelpersonen, aber es hinterlässt trotzdem unangenehme Gefühle“, sagt Biana. Deshalb hat sie aufgehört sie aufzuhängen.

Mykola Okunskyi hat Prolisok über eine Facebook-Gruppe von Ukrainer:innen in Frankfurt gefunden. Er war mit seinem Auto gerade in Polen angekommen, als die Bomben in seinem Heimatland fielen und die Grenzen geschlossen wurden. Er hat sofort seine Frau angerufen, die mit den beiden Kindern an die Grenze kam. Zusammen fuhren sie nach Frankfurt, wo die beste Freundin seiner Schwester lebt und ihnen Unterkunft gewährte. „In ein paar Monaten können wir hoffentlich auf eigenen Füßen stehen. Wir wollen den Deutschen nicht zur Last fallen“, sagt Okunskyi. Ihm fehlen aktuell noch Papiere, um einen Deutschkurs zu besuchen. In der Ukraine hatte er einen Massagesalon, der mittlerweile kaputtgebombt wurde. Außerdem war er Kaufmann bei einer großen Bank und deshalb schon früher in Frankfurt. „Wir haben eine neue Waschmaschine gekauft, viel im Internet gefunden, jetzt brauchen wir noch einen Schrank“, sagt er. Biana bietet an, im Ordner nachzugucken, ob etwas Passendes dabei ist. Während Okunskyi spricht kommt seine Tochter strahlend mit Kuscheltieren und anderem Spielzeug angelaufen und präsentiert sie ihrem Vater. „Hol’ nur das, was du wirklich brauchst“, sagt er ihr. Aber da ist sie schon wieder weggedüst, um einen Kuschelhasen zu holen. Der Papa muss schmunzeln.

Auch der zweijährige Maxim ist fündig geworden. „Er liebt Puzzle“, sagt seine Mutter Anastasiya Bezgina. Sie hält ein noch in Folie eingeschweißtes Zwölf-Teile-Puzzle in der Hand. Außerdem drei Kinderbücher, darunter die Raupe Nimmersatt. „Oh, die sind von mir“, stellt Biana glücklich fest. Um anderen eine Freude zu machen, genau dafür hat sie Prolisok ins Leben gerufen.

Anastasiya Bezgina (r,( und Sohn Maxim schauen sich Spielzeuge an.
Anastasiya Bezgina (r,( und Sohn Maxim schauen sich Spielzeuge an. © Michael Schick
Prolisok-Gründerin Biana.
Prolisok-Gründerin Biana. © Michael Schick
Helferin Alexandra sortiert Kinderkleidung im Innenbereich.
Helferin Alexandra sortiert Kinderkleidung im Innenbereich. © Michael Schick

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