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Frankfurt: „Spaziergänge“ abgesagt

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Von: Sabine Schramek

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Bei der „Querdenker“-Demo am Samstag in Frankfurt ist ein antisemitischer Vorfall zu beklagen. Passant:innen fühlen sich zudem genervt.

Es ist mehr Wunsch als Wirklichkeit. Was auf „Querdenker“-Telegram-Kanälen als „Großer Aufzug“ propagiert und beim Ordnungsamt mit 2000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern avisiert wird, dauert zwar vier Stunden lang, die Polizei zählt allerdings nur 315 Teilnehmer:innen. Gegen Masken, Impfpflicht, „Staatsmedien“, WHO, Nato, Waffenlieferungen an die Ukraine, aber für „Frieden, Freiheit und Wahrheit“ laufen sie am Samstag durch die Innenstadt Frankfurts.

Und zwar „in geistiger Verbundenheit“ zu denen, die am selben Tag dem Aufruf der „Freien Pfälzer“ zum Hambacher Schloss in Neustadt in der Pfalz gefolgt sind, um „gegen die totalitäre Diktatur in Deutschland“ zu demonstrieren. Diese Gruppierung wird laut Medienberichten vom Verfassungsschutz beobachtet.

Zum ersten Mal seit Wochen ist keine umgekehrte Deutschlandflagge in Frankfurt zu sehen, die als Reichsbürger-Code gilt. Dafür umso mehr Deutschlandflaggen und Aufkleber mit einer Kombination aus Deutschland- und Russlandflagge mit einer Friedenstaube in der Mitte. Hinter dem Party-Pick-up wird ein vergitterter Anhänger gezogen mit der Aufschrift „Corona-Zoo“. Darin und drum herum Leute in Affenkostümen.

Eine Frau ist der trommelnden Demonstration zufällig mit einer Freundin an der Alten Brücke begegnet. „Eine ,Querdenkerin‘ hat von der großen Weltverschwörung geredet und davon, dass sie diskriminiert würden. Wir werden genauso verfolgt wie die Juden im Holocaust, hat sie gesagt“, erzählt die Jüdin, die anonym bleiben möchte.

Sie wurde laut vor Entsetzen, und sie habe die „Querdenker“ als Antisemiten beschimpft. „Die werden nicht diskriminiert. Sie verhöhnen die Shoah“, sagt sie fassungslos. „Sofort haben mich einige bedrängt, sind mit ihren Plakaten an mein Gesicht. Das war unglaublich. Ich hatte richtig Angst vor diesen Leuten“, berichtet sie. „Ohne Polizei wäre ich mit Sicherheit auch körperlich attackiert worden, weil ich die Aussagen der ,Querdenker‘ laut kritisiert habe“.

Passant:innen schütteln auch am Samstag genervt den Kopf und halten Abstand beim Getrommel, Sirenenalarm und Klatschtanz für Telegram-Videos auf dem Opernplatz. Die Demos werden weniger. Für Dienstag bis Freitag wurden die „Spaziergänge“ in den Stadtteilen von den Veranstalter:innen auf Telegram abgesagt.

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