1. Startseite
  2. Frankfurt

Frankfurt: „Sonst kriegen wir keine Luft mehr“

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Thomas Stillbauer

Kommentare

Astrein. Wie der Panther Bagheera.
Astrein. Wie der Panther Bagheera. © christoph boeckheler*

Wie Kinder mit dem geschundenen Wald mitleiden: Zum Start des Bildungsprogramms 2022 im Grüngürtel sind zwei Schulklassen im Stadtwald.

Der Wald ist groß. Kinder sind noch klein. Aber ihre Sorgen sind auch schon groß. Darauf geht das Grüngürtel-Bildungsprogramm „Entdecken, Forschen und Lernen“ (EFL) ein, das die Stadt und der Verein Umweltlernen am Dienstag vorgestellt haben.

Am besten fragen wir gleich die Expertinnen. Wie ist es im Wald? Schön, sagen Sophia (7), Amina (8) und Freya (so gut wie 8), aber: „Es geht ihm schlecht“, bedauert Amina. Warum? „Es wird zu viel abgeholzt und Auto gefahren.“ Dabei brauchen wir jeden Baum, sagt Sophia: „Sonst kriegen wir keine Luft mehr.“ Die drei glauben: „Ohne Bäume sterben wir“. Denn, sagt Freya sehr ernst: „Ohne Wald kein Leben“.

Die Mädchen gehen sonst in die Berkersheimer Schule. Aber am Montag und Dienstag sind sie Teilnehmerinnen am EFL-Angebot „Wald verzaubern“ in der Grüngürtel-Waldschule. Es ist der Saisonstart des Bildungsprogramms im Grünen, Jahresthema: Klima. Und ein würdiger Ort dafür: Frankfurt feiert im Sommer 650 Jahre Stadtwald.

UMWELTBILDUNG

Mal geht es um Schmetterlinge, mal um Raketenwagen, um Teiche, Waldküchen, Biber oder Solarfotografie: 83 Angebote zur Bildung für nachhaltige Entwicklung enthält das Grüngürtel-Programm „Entdecken, Forschen und Lernen 2022“. Träger des 2003 gegründeten und mehrfach ausgezeichneten Programms sind die Dezernate für Bildung, Umwelt und Klima sowie der Verein Umweltlernen in Frankfurt. Viele Partner bieten Veranstaltungen an.

Die Broschüre zum Programm gibt es bei den beteiligten Ämtern. Auskunft: Grüngürtel-Telefon, 212-39100.

Dem geht es aber, wie gesagt, schlecht. Fast alle Bäume sind geschädigt. „Ich glaube“, sagt Bildungsdezernentin Sylvia Weber (SPD), „es gibt momentan keine wichtigeren Themen für unsere Kinder und Jugendlichen als den Ukrainekrieg und die Frage des Klimaschutzes und wie wir unsere Erde, unsere Ressourcen für die künftigen Generationen erhalten können.“ Klingt nach viel Last auf schmalen Schultern.

Damit umgehen zu lernen, sogar Ideen zu entwickeln, wie wir alle zusammen das Beste für die Umwelt tun können, ist ein Ziel der EFL-Reihe mit 83 verschiedenen Angeboten für mehr als 10 000 Kinder und Jugendliche aus Schulen und Kitas. „Es geht um Wahrnehmung und Kreativität“, sagt Barbara Clemenz vom Verein Umweltlernen. Die Waldschule als Ort hält sie für besonders geeignet: „Hier ist wie kaum anderswo freies Spiel möglich. Man sieht, wie locker und gelöst sie sind.“ Überall rasen sie durchs Unterholz. Einer liegt schon oben im Baum auf einem Ast. „Wie der Panther Bagheera“, sagt Barbara Clemenz. Längst wüssten die Sieben-, Achtjährigen, wie es um den Wald stehe.

Das Angebot „Wald verzaubern“ spielt damit. Die Kinder modellieren aus Ton Gesichter an den Baumstämmen. Moonis (8) ist gerade dabei. „Gestern hab ich ein richtig gruseliges Gesicht gemacht“, sagt er. „Jeder wollte wegrennen.“ Heute verpasst er dem Tonkopf einen Ast als Mund und zwei Steine als Augen. „Das wird eher ein saures Gesicht, weil wir alle sauer sind“, sagt Moonis. „Weil die Bäume alle sterben.“ Es braucht noch Haare. Aus Moos. „Die Arme sind die Äste“, sagt Moonis, „und die Frisur sollte eigentlich die Baumkrone sein.“ Da ist aber nicht viel, ganz da oben. Drüben hat Alicia ein trauriges Gesicht modelliert. „Weil manche Leute Plastik in den Wald schmeißen, und das ist blöd.“ Mario, ebenfalls acht Jahre alt, drückt es mit zwei scharfen Augenbrauen aus Zweigen aus: „Wütend“.

Was können wir tun? „Nicht so viele Autos, Flugzeuge und Maschinen“, sagt ein Junge, als alle zusammensitzen. Prompt donnert ein Jet über den Wald und macht alle stumm. „Man kann Bahn fahren. Fahrrad fahren.“ – „Man kann auch laufen!“, kräht ein anderer Junge. „Und Roller fahren!“

Man könnte so viel. Kinder wissen das. Rainer Berg, Leiter des Stadtwaldhauses, lädt alle zur Vogelstimmenexkursion ein. Und die Berkersheimer Lehrerin Christine Sauerwein, nicht das erste Mal mit einer ihrer Schulklassen dabei, schwört auf die Naturerfahrung. „Wir wollen nicht nur Museen besuchen, sondern unbedingt raus ins Grüne“, sagt sie. „Nur wer den Wald erfahren hat, schätzt ihn.“

Auch interessant

Kommentare