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Wahnsinnssommer in Frankfurt

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Von: Stefan Behr

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Die Wasserspiele am Rathenauplatz sind trügerisch. So lebensfreundlich ist es nicht überall.
Die Wasserspiele am Rathenauplatz sind trügerisch. So lebensfreundlich ist es nicht überall. © Renate Hoyer

Hitze gut und schön, aber man kann es auch übertreiben. Ein Citybummel in Frankfurt gefährdet die geistige Gesundheit.

Frankfurt - Will man dieses Wetter schön finden, dann ist dafür als erster Schritt unerlässlich, den Verstand zu verlieren. Dann ist es zwar immer noch zu heiß, aber es tut nicht mehr so weh. Man kann natürlich auch ins Freibad, das setzt allerdings voraus, dass man den ersten Schritt bereits erfolgreich getan hat.

Ist man aber bereits von Sinnen, dann braucht es gar kein Wasser mehr. Im Glutofen des Samstagnachmittags finden sich auch in der Stadt ein paar Gestalten, die hochzufrieden wirken. Wie etwa der junge Mann in der Bleiweste, der sich nahe dem Campus Westend eine schöne Fußgängerbrücke ausgesucht hat und deren Treppe beidbeinig hinaufspringt - immer wieder, jeweils fünf Stufen auf einmal. Oder der alte Mann, der sich im Anlagenring auf eine schattenlose Parkbank gesetzt hat, dort Mohrrüben schält und dazu Opernarien schmettert. Beide Menschen vermitteln den Eindruck wunschloser Glücklichkeit. Neidisch könnte man werden. Würde man doch bloß den Verstand verlieren!

Ebbelwei - auch immer eine gute Idee.
Ebbelwei - auch immer eine gute Idee. © Renate Hoyer

Hitze über Frankfurt: Opernplatz verliert sein Publikum

Der Opernplatz hat zumindest sein Publikum verloren. Das Dorado der Party- und Eventszene und der Brunnenfreunde wirkt am Nachmittag wie der Drehort eines postklimaapokalyptischen Films. Was auch daran liegen mag, dass irgendwer dem dortigen Brunnen das Wasser abgedreht hat. Wer macht denn so was? An so einem Tag? Und wo sind eigentlich die Opernplatzrandalierer, wenn es wirklich was zu meckern gibt? Vermutlich im Freibad.

Jedenfalls präsentiert sich der sonst so sprudelnde und gutbesuchte Brunnen trocken und spröde, als sei er eine moderne Skulptur. „Fliegenpilz in Brackwasser“ wäre ein passender Titel. Vielleicht ist es auch eine Skulptur, es ist ja gerade Documenta, da weiß man nie.

Eine Taube macht noch keinen Sommer. Vier aber schon.
Eine Taube macht noch keinen Sommer. Vier aber schon. © Renate Hoyer

Lobend zu erwähnen aber ist der Klamottenladen auf der Freßgass, der sich auf hochpreisige Winterjacken spezialisiert hat und daher nicht gerade von Laufkundschaft überrannt wird. Die Mußestunden hat die Belegschaft dafür genutzt, rechts und links des Eingangs zwei wunderschöne Schneehügel zu drapieren. Zum Rodeln zu wenig, für eine Schneeballschlacht höchstens als Drohkulisse tauglich, aber hübsch anzuschauen und eine Erinnerung an eine Zeit, als alles besser war, vor allem das Klima, nämlich den Winter.

Frankfurter Hitzetipps

Seit Anbeginn der Zeiten kämpften große Geister Frankfurts gegen die Hitze. Man kann sie nicht bezwingen. Aber überlisten. Die originellsten Methoden und für wen sie sich eignen:

Die Karl-der-Große-Methode:

Wenn Sie irgendein Viechzeugs im Main sehen, watscheln Sie unverzüglich hintendrein ins kühle Nass. Wenn man Sie fragt, sagen Sie, ein Getier habe Ihnen eine Furt gewiesen. Hirschkuh ist spitze, Ente gilt aber auch.

Voraussetzung: Seepferdchen

Die Peter-Feldmann-Methode:

Wenn Sie schon mal raus müssen, sorgen Sie mit Gockelgehabe und onkeligen Zoten für eine frostige Atmosphäre. Generell aber ziehen Sie sich aus Öffentlichkeit und Sonnenschein zurück.

Voraussetzung: Direktwahl

Die Heinrich-Nestle-Methode:

Steuerflüchten Sie in die Schweiz. Da hat’s Gletscher. Und hängen Sie sich ein kultiges Accessoire über einen beliebigen Buchstaben Ihres Nachnamens. Der spendet Schatten. Und macht was her. Erhältlich bei Hermès.

Voraussetzung: Privatvermögen

Die Michel-Friedman-Methode:

Laden Sie Väterchen Frost auf einen Talk ein und belullen Sie ihn mit Schmeicheleien, Aphorismen und Kalenderweisheiten. Sobald er arglos ist, packen Sie ihn ganz fest am Ärmel und lassen ihn nie wieder los.

Voraussetzung: Abitur

Die Onkel-Otto-Methode:

Scheren Sie sich eine Glatze. Dann schrauben Sie sich eine tiefgekühlte Antenne auf den Kopf. Wichtig: Reserveantennen stets im Drei-Sterne-Fach lagern.

Voraussetzung: Schmerzfreiheit

Die Nackter-Jörg-Methode:

Geprüft vom Original: Nur gar keine Kleider sind luftiger als Leinen. Und knittern nicht. Adiletten erlaubt (optional!).

Voraussetzung: Schamfreiheit

Die Claus-Jürgen-Göpfert-Methode:

Nie ohne Hut aus dem Haus. Niemals. Unter gar keinen Umständen!

Voraussetzung: Hut

Die Frau-Rauscher-Methode:

Tun Sie irgendwas, damit Ihre Mitmenschen Ihnen ein Denkmal mit Nassspritzoption setzen. Gelingt Ihnen das zu Lebzeiten, können Sie sich von Ihrem eigenen Denkmal erfrischungsbespritzen lassen. Das trendet auf Tiktok!

Voraussetzung: Beul am Ei (skb)

Der Trinkwasserbrunnen ist auf dem besten Weg zum Krisen-Wasserhäuschen

Aber es ist ja nicht alles schlechter geworden. Die Trinkwasserbrunneninfrastruktur etwa hat sich in Frankfurt deutlich verbessert. Der Trinkwasserbrunnen ist auf dem besten Weg zum Krisen-Wasserhäuschen, vor einigen stauen sich die Durstigen, als gäbe es Gespritzten für umme. Es wird allerdings nicht rumgenölt wie am Wasserhäuschen. Vielmehr fallen lobende Worte über die Trinkwasserbrunnen und die Menschen, die sie gegraben haben - das wäre ja mal eine gute Idee gewesen. Ein für Hessen sehr sonderbares und völlig atypisches Verhalten. Möglicherweise auch bereits der erste Schritt gen geistiges Nimmerland.

Ökobilanz: sieben Liter für zehn Kilometer.
Ökobilanz: sieben Liter für zehn Kilometer. © Renate Hoyer

Eine gute Idee wäre natürlich auch, wenn die Minijobprotagonisten der Zeil ihren Betrieb mal dem Klima anpassen könnten. Die Liebe Christi hilft einem bei diesem Wetter wie ein Loch im Kopf und als Passant wäre man wesentlich eher für einen Haar- statt einen Scherenschnitt zu begeistern. Not macht doch sonst auch erfinderisch. Warum gibt’s eigentlich noch keine Pop-up-Salinen?

Es ist ja nicht so, dass es niemand versuchen würde, auch mal Neues zu versuchen. Vor dem OLG (Oberlandesgericht) steht ein MGZ (Mobiles Grünes Zimmer). Das MGZ vorm OLG hat das Dezernat für Frauen und Umwelt auf- und ein bisserl Grünzeug dazugestellt sowie ein paar Sinnsprüche formuliert. Etwa diesen: „Große Bäume spenden tiefen Schatten.“ Das ist schön, so was hätte auch anno Tobak der Bizzelwassertycoon Friedrich Grosholz seinem Freund, dem Vilbeler Bürgermeister, erzählen können. Leider hat das Dezernat die hohen Bäume und den mit ihnen verbundenen tiefen Schatten vergessen. So wird der an und für sich nette Spruch dem schwitzenden Leser zum Spott.

Zu Risiken und Nebenwirkungen ...
Zu Risiken und Nebenwirkungen ... © Renate Hoyer

Aber nicht genug, um einen in den rettenden Wahnsinn zu treiben. Es bleibt unerträglich. Bis einen plötzlich, unterm Zoo auf die U-Bahn wartend ins Handy vertieft, plötzlich ein längst entwöhnter Schauer in Form eines kühlen Luftzugs erfasst. Vom Handy aufschauend sieht man, dass neben einem drei Zwerge, ein sehr dicker Mann im Ballerinakostüm und Yoshi aus dem Nintendo-Universum sitzen. Man begrüßt sie mit einem Lächeln. „Hallo Freunde! Endlich bin ich auch hier. Und es ist tatsächlich gar nicht mehr so schlimm.“

Aber ach: Bei den Mitwartenden handelt es sich leider um verkleidete Besucher der Darts-WM in der Eissporthalle. Und die U-Bahn-Station ist lediglich gut klimatisiert. Draußen ist es tatsächlich immer noch genauso schlimm.

Es will und will nicht aufhören. Es gibt kein Entkommen. (Stefan Behr)

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