Die Männer des Polizeichors beim Auftritt im Frankfurter Nordwestzentrum am letzten Samstag.
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Die Männer des Polizeichors beim Auftritt im Frankfurter Nordwestzentrum am letzten Samstag.

Frankfurt

Frankfurt: Die singenden Uniformen

  • Oliver Teutsch
    vonOliver Teutsch
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Der Polizeichor Frankfurt hat in der Vorweinachtszeit viel zu tun und blickt schon voraus auf das kommende Jahr.

Aus dem Mehrzweckraum 1 des Frankfurter Polizeipräsidiums klingt deutlich vernehmbar „Amazing Grace“. Es ist Mittwochabend, der Frauenchor hat Probe. Zu hören ist aber auch die Stimme von Eike Schütte. Während die Frauen sich noch einstimmen, spricht Schütte im Flur mit der neuen Kassiererin des Frauenchors und gibt ihr Tipps für ihre Arbeit. „Es ist viel zu tun im administrativen Bereich“, sagt Schütte kurz darauf. Die Auftritte sind zu planen und zu terminieren, Noten zu bestellen, Musiker zu organisieren, Mitglieder zu informieren, zählt Schütte auf. Der 77-Jährige ist seit neun Jahren der Vorsitzende des Frankfurter Polizeichors. Ein Chor mit fast 90-jähriger Tradition und über 450 Mitgliedern.

Gegründet wurde der Chor 1931 als reiner Männerchor. Mittlerweile gibt es noch drei weitere Chöre: den Frauenchor (1984), die Preußen (1985) und seit 2016 den ersten gemischten Chor „Unerhört“, der von Schütte selbst aus der Taufe gehoben wurde. „Uns fehlt ein bisschen der Mittelbau“, sagt der zweite Tenor.

In der Tat ist gerade der Männerchor, vorsichtig formuliert, keine Domäne der Jugend. Das jüngste Mitglied ist 61 Jahre alt, der älteste Sänger 92, und er kommt noch regelmäßig zur Probe. Der Altersdurchschnitt liegt bei etwa 75 Jahren, schätzt Schütte. Im gemischten Chor sieht es besser aus, dort singen auch junge, aktive Polizeibeamtinnen und -beamte.

Der Chor singt regelmäßig in kleiner Besetzung im Kaisersaal des Römers, immer dann, wenn neue Kolleginnen und Kollegen in Frankfurt offiziell willkommen geheißen werden. Mit besonderer Wucht kann der gemischte Chor nicht aufwarten, er hat 26 Mitglieder, bei den Proben sind es meist deutlich weniger. „Chorproben mit aktiven Polizisten sind immer schwierig“, sagt Schütte, erinnert an Schichtpläne und Einsätze.

So ist es nicht verwunderlich, dass im Männerchor und im Frauenchor kaum aktive Polizisten sind. Auch der ehemalige Polizeidirektor Schütte, der 17 Jahre dabei ist, trat erst nach seiner Pensionierung ein. Die Dirigenten waren immer „Zivilisten“. In seiner langen Historie kann der Chor dabei auf eine große Kontinuität verweisen. Steffen Bücher, seit 2012 dabei, ist erst der achte Dirigent.

Der Männerchor als Kernstück ist übrigens nicht mehr der größte Chor, der Frauenchor hat inzwischen 96 Mitglieder, der Männerchor 76. „Offiziell“, sagt Schütte und verweist darauf, dass es durch Alter und Umzüge längst nicht mehr alle Mitglieder regelmäßig einrichten können und sie dadurch meist deutlich weniger sind.

Bei Großereignissen versuchen es natürlich möglichst viele Sänger, dabei zu sein. So wie im vergangenen Sommer, als der Polizeichor zur 120-Jahr-Feier von Eintracht Frankfurt im Waldstadion für frenetischen Jubel im weiten Rund sorgte. Das absolute Lieblingslied aus dem Repertoire des Chores ist die Eintracht-Hymne „Im Herzen von Europa“. „Da sind wir stolz drauf“, sagt Schütte. Nicht nur im Stadion, auch an anderer Stelle fordert das Publikum den Fußball-Walzer. Schütte erinnert sich an eine Schiffsfahrt auf dem Rhein im September, die von der Frankfurter Wasserschutzpolizei angeboten wird und zu der immer mehrere Chöre geladen werden. Als der Polizeichor als eine der Zugaben seinen Evergreen anstimmte, kam richtig Stimmung auf. „Das ganze Schiff hat kopfgestanden“, erinnert sich Schütte.

Wobei das Lied nicht jeder im Polizeichor voller Inbrunst mitsingt. „Es sind nicht alle im Chor Fußballfans, einer hat sich auch mal bei der Probe geweigert mitzusingen“, verrät Schütte. Jetzt in der Weihnachtszeit brauchen Fußball-Ignoranten wenig Angst zu haben, die Eintracht-Hymne singen zu müssen. Bei dem etwa einstündigen Auftritt am Freitag auf dem Frankfurter Weihnachtsmarkt jedenfalls steht das Lied nicht auf dem Programm.

Es würde auch zu kurz greifen, den Chor nur auf dieses Lied reduzieren zu wollen. Der Polizeichor singt immer wieder für wohltätige Zwecke und hat schon ganze Hallen auch ohne den Schunkelwalzer in Begeisterungsstürme versetzt. Schütte erinnert sich an den Auftritt mit Carl Orffs „Carmina Burana“ in der Alten Oper 2016. „Das war ein erhebendes Gefühl, für mich war das das Größte“, schwärmt er. Einen ähnlichen Auftritt will der Polizeichor zu seinem 90. Geburtstag im Jahr 2021 hinlegen, dann mit Verdis Requiem. Der Große Saal in der Alten Oper sei schon gebucht für den 16. April.

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