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Auf dieser Brachfläche im Gutleut lebten Menschen in selbstgezimmerten Hütten. Eine Studie über die Lage obdachloser EU-Bürger in Frankfurt wurde vom Magistrat in Frankfurt nicht veröffentlicht.

Frankfurt

Das sind die Ergebnisse der geheimen Obdachlosen-Studie in Frankfurt

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Der Magistrat in Frankfurt behält seit 2018 eine fertige Studie über obdachlose EU-Bürger für sich. Die FR konnte die Forschungsarbeit lesen und fasst die zentralen Ergebnisse zusammen, unter anderem zum Umgang der Behörden mit Obdachlosen in Frankfurt.

  • Der Magistrat in Frankfurt wollte eine Studie über Obdachlose geheim halten
  • Laut Studie wünschen sich Obdachlose in Frankfurt „keinen Luxus“
  • Obdachlose in Frankfurt sehen Wohnungslosigkeit als „Zwischenphase“

Frankfurt - Diese Studie sorgt für Ärger. Vor einer Woche berichtete die Frankfurter Rundschau, dass dem Magistrat bereits seit Sommer 2018 eine sozialwissenschaftliche Arbeit über die Lage obdachloser EU-Bürger in Frankfurt vorliegt, deren Ergebnisse er allerdings bisher zurückhält. Das Amt für multikulturelle Angelegenheiten (Amka) hatte die Studie in Auftrag gegeben, um mehr über die Lebenswirklichkeit obdachloser EU-Bürger zu erfahren.

Magistrat Frankfurt: Obdachlosen-Studie stelle Teile der Verwaltung negativ dar

Doch im Magistrat gibt es Bedenken, die Studie der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, denn Teile der Verwaltung fühlen sich und ihre Arbeit darin zu negativ dargestellt und bewertet. Der Frankfurter Rundschau liegt die 100-seitige Arbeit mit dem Titel „Bedarfsanalyse wohnungsloser EU-Bürger*innen (unter Berücksichtigung der besonderen Situation von Roma) in Frankfurt am Main“ mittlerweile vor. Wir geben einen Überblick über die Ergebnisse.

Obdachlosen-Studie in Frankfurt: 30 wohnungslose EU-Bürger befragt

Das Ziel: Ziel der von zwei Sozialwissenschaftlerinnen erstellten Studie ist es, „die Situation und Bedarfe von wohnungslosen EU-Bürger*innen in Frankfurt besser zu verstehen (...) und die kommunalen Entscheidungsprozesse zu verbessern“. Dazu wurden 2018 insgesamt 30 wohnungslose EU-Bürger und zehn Mitarbeiter von Behörden und Hilfseinrichtungen jeweils bis zu zwei Stunden lang interviewt. Die Forscherinnen haben auch ein Camp aus Bretterbuden im Gutleutviertel besucht, das Obdachlose aus Osteuropa selbst errichtet hatten.

Die Autorinnen beschreiben als Grundidee ihrer Arbeit, „den Stimmen der wohnungslosen Unionsbürger*innen mehr Gehör zu verleihen“. Hintergrund der Studie ist, dass EU-Bürger durch die EU-Freizügigkeit in Deutschland arbeiten dürfen, auf Jobsuche aber meist von Sozialleistungen ausgeschlossen werden.

Obdachlosen-Studie in Frankfurt: Obdachlosigkeit fast immer unfreiwillig

Die Betroffenen: Laut der Studie ist die Gruppe wohnungsloser EU-Bürger sehr heterogen. Unter den Befragten waren Menschen aus Bulgarien, Rumänien, Polen, Italien, Ungarn und Lettland. Einige der Befragten hatten in ihrer Heimat als Polizist, Winzer oder Chauffeur zum Mittelstand gehört. Viele hatten eine Ausbildung und Berufserfahrung, drei sogar eine Universität besucht. 

Nach Frankfurt waren die Menschen meistens gekommen, weil sie in ihrer Heimat keine Perspektive mehr sahen. Viele hatten zum Zeitpunkt der Interviews Jobs in Frankfurt, andere hielten sich mit Betteln, Schaustellen oder Flaschensammeln über Wasser.

Die Obdachlosigkeit der Menschen war fast immer unfreiwillig und wurde von den Betroffenen als extrem belastende Zwischenphase wahrgenommen. Sie alle suchten eigentlich Arbeit und regulären Wohnraum. Teils hatten sie nach ihrer Ankunft in Frankfurt keine Wohnung gefunden, teils waren sie durch Krankheit oder Jobverlust auf der Straße gelandet. Die städtischen Notunterkünfte waren bei den Befragten insgesamt eher unbeliebt.

Obdachlose in Frankfurt: Anderswo keine Perspektive

Fast alle Interviewten berichteten, dass es schwer sei, aus der Obdachlosigkeit heraus Arbeit zu finden. Die Autorinnen der Studie schreiben, „dass Arbeits- und Wohnungslosigkeit kausal oft eng miteinander verbunden sind“. Die Obdachlosigkeit sei „häufig ein Effekt des Ausschlusses von sozialen Leistungen“. Roma berichteten zusätzlich von Diskriminierung. 

Obwohl sie neben ihrer schweren Lebenssituation auch über ständige Kontrollen durch die Stadtpolizei berichteten, dachten die Interviewten kaum darüber nach, Frankfurt zu verlassen. „Die meisten gaben an, andernorts auch keinen Wohnraum und keine besseren Perspektiven zu haben und deswegen in Frankfurt/Main bleiben zu wollen“. 

Die Autorinnen zitieren einen Mann mit den Worten, er könne nicht zurück in sein Herkunftsland. „Ich weiß einfach nicht wohin. Ich weiß es einfach nicht. (...) Ich werde Arbeit finden und eine Wohnung. Ich weiß, dass es hier sehr schwierig ist, aber es geht nicht anders, und das muss funktionieren.“

Polizist in Obdachlosen-Studie: Wegschicken bringt nichts

Das Handeln der Stadt: Die Frankfurter Behörden kommen in der Studie nicht allzu gut weg. Die Wissenschaftlerinnen beschreiben, dass es zwar durchaus Hilfsangebote gebe, die Ämter aber insgesamt recht restriktiv mit in Not geratenen EU-Bürgern umgingen. 

Die Stadtpolizei räume Wohnstätten von Obdachlosen wie etwa die Camps im Gutleut, spreche Platzverweise aus und gehe gegen das „Lagern“ auf Straßen und Plätzen vor. Ein interviewter Stadtpolizist räumt ein, dass dieses Vorgehen wenig bringe, weil man die Menschen meist anderswo wiedertreffe. „Also, das ist eher so ein In-Bewegung-Halten“, wird er zitiert. Laut der Studie gibt es bei der Stadtpolizei auch Vorurteile gegen Roma.

Auch die Ausländerbehörde und das Sozialamt nutzen laut der Studie ihre Ermessensspielräume eher zuungunsten wohnungsloser EU-Bürger. Die Ausländerbehörde bemühe sich, EU-Bürgern, die hohe Kosten verursachten, die Freizügigkeit zu entziehen und sie in ihre Heimat abzuschieben. Das Sozialamt lasse Menschen, die keinen Anspruch auf Sozialleistungen hätten, nur wenige Tage in Notunterkünften schlafen.

Obdachlose in Frankfurt wünschen sich schlichten Wohnraum und Deutschkurse

Die Ideen der Betroffenen: Am Ende der Studie werden Antworten der Wohnungslosen auf die Frage zitiert, wie man Menschen in ihrer Lage helfen könnte. Fast alle sind sich einig, dass es das Wichtigste sei, für Wohnraum zu sorgen. Sie schlagen etwa die Schaffung einfacher Wohnheime vor, aus denen heraus man die Arbeits- und Wohnungssuche angehen könne. 

„Ein Obdach mit vielleicht zwei pro Zimmer“, sagt ein Interviewpartner. „Kein Luxus, kein Fernseher oder so was, einfach zwei Betten ohne Lärm, sodass sie wirklich mal durchschlafen können (...). Den ganzen Rest würden die schon selbst hinkriegen (...)“. Zudem wünschen die Betroffenen sich Deutschkurse und Hilfe bei der Job- und Wohnungssuche.

Obdachlosen-Studie: Autorinnen geben Empfehlungen für Stadt Frankfurt ab

Die Empfehlungen: Die Autorinnen leiten aus ihrer Forschung 28 Handlungsempfehlungen für die Stadt Frankfurt ab. Die wichtigste ist, den Zugang zu Notunterkünften nicht länger an den Anspruch auf Sozialleistungen zu koppeln, sondern sie „für alle Menschen, die in Frankfurt wohnungslos sind, zu öffnen (...)“. 

Zudem sollten spezielle Angebote für Kranke und Menschen mit Behinderung entstehen, Roma bräuchten zudem Räume, wo sie vor Rassismus geschützt seien. Außerdem schlagen die Wissenschaftlerinnen vor, günstigen Wohnraum zu schaffen, mehr Deutschkurse anzubieten und Übergangswohnheime einzurichten, in denen EU-Bürger während ihrer Ankunfts- und Orientierungsphase zeitweise unterkommen könnten.

Von Hanning Voigts

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