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Silke Scheuermann hat sich in der Literaturszene etabliert.

Literatur

Silke Scheuermann erhält die Goetheplakette

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Die 47-jährige Schriftstellerin wird für ihre Lyrik und ihre Romane geehrt.

Es ist eine Ehrung, die überfällig war. Denn Silke Scheuermann hat sich mit ihren Arbeiten im zurückliegenden Jahrzehnt in der ersten Reihe der deutschen Gegenwartsliteratur etabliert. Mit ihren Gedichten, dann aber auch mit Romanen. Jetzt ist die 47-Jährige mit der Goetheplakette der Stadt Frankfurt ausgezeichnet worden.

Im Kaisersaal würdigte die Literaturbeauftragte der Stadt, Sonja Vandenrath, die Schriftstellerin als „eminente Doppelbegabung“. Mit ihren fantasievollen Gedichten verhandele sie „die großen Menschheitsfragen überraschend neu“. Als souveräne Erzählerin halte sie in ihren Romanen „dem urbanen Kunst- und Kreativmilieu den Zerrspiegel vor“. Tatsächlich ist die Entwicklung der Autorin immer wieder eng mit Frankfurt verbunden gewesen. Hier hat sie im Jahr 2001 ihren ersten Gedichtband vorgelegt, „Der Tag, an dem die Möwen zweistimmig sangen“. Zur Debütlesung der unbekannten Dichterin in der kleinen Buchhandlung „Meichsner & Dennerlein“ im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen kamen damals zwei Dutzend Zuhörerinnen und Zuhörer. Das schmale Buch erschien gleich im renommierten Suhrkamp-Verlag, was einer Auszeichnung gleichkam. Heute tritt sie vor 600 und mehr Menschen auf, wie etwa bei ihrer Poetikvorlesung 2018 an der Frankfurter Universität.

Und doch ist gerade in ihren Gedichten bis heute auch die Spur ihrer Herkunft zu finden. Sie stammt aus dem kleinen Dorf Waldbrücke am Rande eines kleinen Forstes in der Nähe von Baden-Baden. Sie wuchs in der Einsamkeit in großer Naturverbundenheit auf. Das spiegelt sich in den Bildern, die sie in ihren Gedichten heraufbeschwört. Immer wieder, so sagte auch Sonja Vandenrath in ihrer Laudatio, schenke sie „ausgerotteten Tieren“ wie „domestizierter Fauna und Flora“ ihre Aufmerksamkeit. Im Gedicht „Zweite Schöpfung“ heißt es:

„Nenn es Krieg, nenn es Wahnsinn, dies ist:

Die Freiheit der Liebe: neue Wesen zu schaffen.

Sie uns zur Seite zu stellen. Dies ist die Freiheit

unserer Art, neue, andere Arten zu machen.

Gott hat uns mit einem Bausatz beschenkt“

Für ihre Lyrik erhielt Scheuermann den Höltypreis, die höchstdotierte Auszeichnung für Poesie. Sie sieht in ihren Gedichten aber auch „eine Feier des Lebens“ und eine „Beschwörung der Natur“, die heutzutage so vielfach bedroht ist. Denn die Poesie der Autorin gründet in der Wirklichkeit, die von Erderwärmung und Klimawandel bestimmt wird.

Aber auch ihre bisher vier Romane spiegeln die konkrete Erfahrung bestimmter Milieus. Bis 2008 lebte Scheuermann in Frankfurt, dann zog sie in die Nachbarstadt Offenbach. War „Shanghai Performance“ im Jahr 2012 noch die ironische Bestandsaufnahme der überdrehten Künstlerszene der chinesischen Millionenstadt, in der sie länger gelebt hatte, erwuchs der voluminöse Roman „Wovon wir lebten“ direkt aus der multikulturellen Umgebung Offenbachs und des Frankfurter Ostends. Die Hauptfigur Marten befreit sich durch das Kochen aus schwierigen sozialen Verhältnissen und steigt zum Star der Küchenkultur auf.

Laudatorin Vandenrath kam zu dem Urteil, Scheuermann weise ihren Romanen den Tag, ihrer Lyrik aber die Nacht zu. Wer sich hineinfinden möchte in die Welt der Schriftstellerin, dem seien ihre Poetikvorlesungen empfohlen, gehalten 2018 an der Frankfurter Goethe-Universität, erschienen beim Frankfurter Schöffling-Verlag unter dem Titel „Gerade noch dunkel genug“.

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