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Pianistin Elvira Streva (links) bearbeitet den Flügel, Sopranistin Ruoqi Sun singt und turnt. Foto: Christoph Boeckheler
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Pianistin Elvira Streva (links) bearbeitet den Flügel, Sopranistin Ruoqi Sun singt und turnt.

Neue Musik Frankfurt

Frankfurt: Sie wollen nur spielen

  • George Grodensky
    vonGeorge Grodensky
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Die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst verlegt ihr Festival für Neue Musik ins Internet. Sechs Stunden Konzertstreams, Gespräche, Videochats.

Eine Frau treibt auf einem Boot im Mittelmeer. Sie ist verzweifelt, ihr Klagelied ist weit zu hören. Die Wellen hämmern an die Nussschale von Boot, mit letzter Kraft hält sie sich fest, der Kopf taumelt Richtung Wasser, beinahe stürzt sie von Bord. Von der Eschersheimer Landstraße her schallt das Martinshorn eines vorbeifahrenden Rettungswagens in die Szene herein. Unpassend und irgendwie auch nicht.

Es ist ein ungewöhnliches Bild, das sich an diesem Dienstagmittag im Opernstudio der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst abspielt. Die verzweifelte Frau ist die junge Sopranistin Ruoqi Sun. Das Boot ist ein schwarzer Flügel. Die Sängerin liegt, kniet, dreht, fleht und windet sich im Instrument. Zwischen den gespannten Saiten und dem aufgeklappten Deckel.

Studierende wie Lehrende proben dieser Tage fürs Festival „Neue Musik Nacht“. Das ist am Freitag, 30. April, 18–24 Uhr. Alle zwei Jahre öffnet die Hochschule ihre Pforten für rund 600 Besucher, die von Raum zu Raum flanieren und Konzerte erleben, Performances, Gesprächsrunden. Dank der Pandemie tun sie das diesmal im Internet.

„Wir haben die aktuelle Situation zum Thema gemacht“, sagt Karin Dietrich, die Leiterin des Instituts für zeitgenössische Musik. Die Aufführungen und Gespräche reflektieren, was das Leben in der Pandemie mit sich bringt: Angst, Trost, Mut, Glück, Isolation, Distanz und Nähe. Eine ganze Bandbreite der Gefühle also. Entsprechend soll das Ereignis auch formal mehr bieten „als ein paar Streams auf Youtube“, sagt Dietrich.

Die Hochschule hat dafür eigens eine Seite anlegen lassen. Darauf können Gäste in verschiedene virtuelle Räume schauen, lauschen, auch ins Gespräch kommen. Es gibt sogar die Möglichkeit, sich persönlich am Welcome Desk vorzustellen. Und für den traditionellen Festabschluss, den Tanz in den Mai, hat Dietrich Studierende und Profs eine Playlist mit Tanzmusik zusammen- stellen lassen. Ja, auch die Lehrenden haben sich beteiligt, sie haben sogar schneller auf die Aufforderung reagiert, sagt Dietrich. Tanzmusik sei ihnen keineswegs zu profan.

Ausgeklügelte Choreographie

Das Festival

Die Neue Musik Nacht ist am Freitag, 30. April, von 18 bis 24 Uhr. Gäste melden sich mit E-Mailadresse und Namen an, können dann virtuell durch Räume flanieren oder an Gesprächen und Videochats teilnehmen. Einlass ist ab 17.30 Uhr, anmelden und eintreten geht auch später.

Der Eintritt ist frei. Wer sich früh genug anmeldet, hat noch Zeit, zu Hause eine Maibowle anzusetzen, Rezept wird gestellt. sky

www.hfmdk-frankfurt.info/neuemusiknacht

Zumal es in den Aufführungen zuvor genug Tiefgründiges zu entdecken gibt. Die junge Dame im Flügel etwa. Sie turnt nicht zufällig in dem Instrument herum. Sie folgt einer ausgeklügelten Choreographie, die das Stück vorgibt: „Lascia ch’io pianga – ein „concert action piece“ von Lucia Ronchetti für eine Stimme und Klavier. Je nachdem, wo die Sängerin gerade wie liegt, dämpft sie die Saiten oder lässt sie zum Schwingen frei. Manchmal kratzt sie auch an ihnen. Als Kostüm trägt sie eine Strickjacke. Das ist ein internationales Kleidungsstück, das wärmt und zumindest ein bisschen polstert, erklärt Regisseurin Nelly Danker.

In einem Flügel zu liegen ist durchaus unangenehm. Und dort mit Inbrunst zu singen, nicht einfach, im Liegen, auf der Seite, im Vierfüßerstand. „Aber es geht ja nicht um Belcanto“, sagt Sopranistin Ruoqi Sun hinterher. Also um schönen Gesang in weichem Ton. Sondern um Emotionen.

Die Proben verlangen ihr einiges ab, erzählt Sun. „Ich bin selber Ausländerin“, genauer: Chinesin. Seit fünf Jahren studiert sie in Frankfurt. Sehr viel Energie koste es sie, die Leidensgeschichte der Flüchtlingsfrau wieder und wieder zu durchleben. Auch Pianistin Elvira Streva muss nach der Generalprobe erst einmal tief durchatmen. Die Italienerin wollte aber unbedingt am Stück mitwirken, sagt sie. Weil es nicht nur um Neue Musik gehe, sondern um ein relevantes, politisches Thema.

Streva trägt ein beeindruckendes schwarzes Cape. Darin erinnert sie sehr an Dracula, den Fürsten der Finsternis. Auch sie spielt nicht einfach nur Musik, sie ist Teil der Dramaturgie, je mehr die Sopranistin fleht und klagt, desto mehr verbirgt sich die Pianistin hinter ihrem Gewand. Beeindruckend der Moment, in dem sie ganz unter der Klaviatur verschwindet, da wird klar, dass die Flüchtlingsfrau von dieser Seite keine Hilfe zu erwarten hat. „Ein dunkler Bote“ ist sie, sagt Regisseurin Danker, womöglich gar das Meer selbst. Vielleicht auch eine abgestumpfte, empathiefreie westliche Gesellschaft?

Etwas Positives hat die unheimliche Seereise dennoch. Die Künstlerinnen haben endlich wieder einen Auftritt, auf den sie hinfiebern. Die Einschränkungen der Corona-Pandemie treffen sie hart. Gerade in dieser Phase ihres Studiums müssten sie eigentlich, so oft es geht, auftreten und Erfahrungen sammeln. Auch im Ensemble. Doch Sopranistin Sun hat seit einem Jahr nicht mehr richtig vor Publikum gesungen.

Vor der Kamera für das Internet zu spielen ist nicht das Gleiche. Die Energie fehlt, die aufmerksame Menschen den Künstlerinnen spenden, die gespannte Stille, das unterdrückte Hüsteln, die anerkennenden Mienen, der donnernde Applaus. „Es ist schwer, die Konzentration hoch zu halten“, sagt Streva über Konzerte ohne Publikum.

Dennoch genießen die Künstlerinnen das kleine Probenkonzert. „Die Studierenden wollen einfach nur spielen“, sagt Karin Dietrich.

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