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Ermordete Blanka Zmigrod aus Frankfurt: „Sie ging immer voller Stolz“

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Von: Hanning Voigts

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Blanka Zmigrod, Leon Sztabelski und seine Mutter Rosa Sztabelski (von links) im Jahr 1960 in Hanau. Foto: privat
Blanka Zmigrod, Leon Sztabelski und seine Mutter Rosa Sztabelski (von links) im Jahr 1960 in Hanau. © privat

Vor 30 Jahren wurde die Auschwitz-Überlebende Blanka Zmigrod in Frankfurt ermordet. Nun hat ihr Neffe Leon Sztabelski mit der FR über seine Erinnerungen gesprochen.

Frankfurt – Wenn man Leon Sztabelski fragt, wie seine Tante war, fällt ihm sofort ein Vergleich ein: Lilli Palmer. Seine Tante habe sehr auf ihr Äußeres geachtet und eine edle Ausstrahlung gehabt, sagt Sztabelski – ein wenig wie die berühmte Schauspielerin, die mit Weltstars wie Gary Cooper und Romy Schneider drehte. „Sie ist gegangen wie eine gerade Kerze, immer voller Stolz“, sagt der 74-Jährige. Und obwohl seine Tante etwas eitel gewesen sei, sei sie sich nie zu schade gewesen, sich die Hände schmutzig zu machen. „Sie war fleißig und arbeitsam, das ist unvorstellbar.“

Blanka Zmigrod überlebt mehrere Konzentrationslager – und wird 1992 in Frankfurt ermordet

Die Tante von Leon Sztabelski, einem Weinhändler aus Neuss, ist Blanka Zmigrod, eine Cousine seiner Mutter. In Frankfurt wird derzeit viel über sie gesprochen, weil die 1924 im polnischen Chorzów geborene Zmigrod, die als Jüdin mehrere Konzentrationslager überlebt hatte und seit den 60er-Jahren in Frankfurt lebte, am 23. Februar 1992 im Kettenhofweg ermordet worden war. Zu ihrem 30. Todestag wird bei einer Kundgebung eine Gedenkplakette für Blanka Zmigrod enthüllt.

Anfang Februar hatte die Frankfurter Rundschau in einem viel beachteten Text aus dem bewegten Leben von Blanka Zmigrod berichtet und sich dabei auf die Erinnerungen der Unternehmerin Renée Salzman gestützt, die in Israel lebt und deren Leben eng mit Zmigrod verknüpft war. Auch Leon Sztabelski erinnert sich noch lebhaft an seine Tante Blanka. Er ist der ältere Bruder von Renée Salzman, lebt aber im Gegensatz zu ihr bis heute in Deutschland. Richtig kennengelernt hat er Blanka Zmigrod im Alter von neun Jahren in Tel Aviv.

Leon Sztabelski heute. Foto: Privat
Leon Sztabelski heute. © Privat

Blanka Zmigrod in Frankfurt: „Wenn Sie jemanden gemocht hat, war sie für ihn da, egal, was war“

Geboren wurde Leon Sztabelski 1947 in Regensburg als Sohn der polnischen Holocaustüberlebenden Rosa und Adam Sztabelski. Aufgewachsen ist er in Polen. Sein Vater sei nach dem Krieg zurückgegangen, um überlebende Verwandte zu finden, sagt Sztabelski – leider ohne Erfolg. Im Jahr 1956 emigrierte die Familie – Leons Schwester Renée war 1953 geboren worden – nach Israel. Sztabelski hat noch die nächtliche Landung am Flughafen von Tel Aviv vor Augen. „Das Erste, was wir bekommen haben, war ein Glas Orangensaft“, sagt er. „Das hat mich beeindruckt, in Polen hatte es so was nicht gegeben.“

Nach einer kurzen Zeit in Tiberias lebten die Sztabelskis länger in Tel Aviv bei Blanka Zmigrod, die kurz nach dem Krieg nach Israel gegangen war und mit ihrem Partner Sascha Feldman zusammenwohnte. „Ich bin mit ihr sehr gut zurechtgekommen“, berichtet Leon Sztabelski. „Wenn sie jemanden gemocht hat, hat sie ihn in ihr Herz geschlossen und dann war sie für ihn da, egal, was war.“ Die Lage sei damals, mitten in der Suezkrise, ernst gewesen, berichtet Sztabelski. Seine Eltern hätten stets einen gepackten Koffer bereitgehalten, um bei einer weiteren Eskalation des Krieges zum Meer fliehen zu können.

Gedenken

Die Kundgebung zum Gedenken an Blanka Zmigrod an ihrem 30. Todestag beginnt am Mittwoch, 23. Februar, um 18 Uhr an der Kreuzung des Kettenhofwegs zur Straße Niedenau.

Am Dienstag , 22. Februar, wird an derselben Stelle um 12 Uhr offiziell eine Gedenkplakette enthüllt.

Weil der Vater nie richtig in Israel ankam, zog die Familie 1959 nach Hanau, wo Adam Sztabelski Gastronom wurde. Dort ereilt Leon Sztabelski im Mai 1960 ein hartes Schicksal: Er und seine Mutter werden bei einem Autounfall schwer verletzt, sein Vater stirbt. Er sei lange im Krankenhaus gewesen und habe das Laufen neu lernen müssen, sagt Leon Sztabelski. Später habe er dann in Internaten in Frankreich und in den Niederlanden gelebt. „In Deutschland war ich nur sehr kurz in der Schule.“

Von Frankfurt aus bauen Blanka Zmigrod und ihr Partner ein Geflecht aus Tanzlokalen und Hotels auf

Nach dem Tod seines Vater seien auch Blanka und Sascha Feldman nach Hessen gekommen, berichtet Sztabelski. „Und dann ging’s bei denen Schlag auf Schlag.“ Von Frankfurt aus hätten seine Tante und ihr Partner sich ein Firmengeflecht aus Imbissen, Tanzlokalen und Hotels aufgebaut, später mit Immobilien und Textilien gehandelt. Die beiden seien rasch wohlhabend und immer ein perfektes Team gewesen, sagt Sztabelski. Während Sascha Feldman im Hintergrund alles organisiert habe, habe Blanka Zmigrod „an der Front“ die Lokale und Geschäfte geschmissen.

Ende der 60er-Jahre arbeitete Sztabelski auch in einem Lokal von Blanka Zmigrod, in der Imbissstube „Pigal“ in Karlsruhe. Dort hätten vor allem die vor Ort stationierten französischen Soldaten gegessen, sagt Sztabelski, Pommes, Schnitzel und belegte Brötchen. Die Pommes hätten sie selbst mit einer Maschine aus den Kartoffeln geschnitten. „Wie oft sind unsere Hände da drin hängen geblieben, wir waren Stammkunden im Krankenhaus.“ Blanka Zmigrod habe sich einmal sogar die ganzen Beine mit Frittierfett verbrüht. Später leitete Sztabelski ein Lokal seiner Tante in Speyer in Rheinland-Pfalz, das ebenfalls „Pigal“ hieß.

Der Tatort: Die Kreuzung des Kettenhofwegs zur Niedenau im Westend. Foto: Christoph Boeckheler
Der Tatort: Die Kreuzung des Kettenhofwegs zur Niedenau im Westend. © christoph boeckheler*

Blanka Zmigrod: „Sie wollte nicht, dass man weiß, was sie erlebt hat“, sagt der Neffe

Von ihrem Leid in den deutschen Konzentrationslagern, darunter Auschwitz und Flossenbürg, habe Blanka Zmigrod ihm nie berichtet, sagt Sztabelski. „Sie wollte nicht, dass man weiß, was sie erlebt hatte. Sie wollte auch nie jemandem zur Last fallen, war aber immer für mich da, wenn ich Hilfe brauchte.“ Insgesamt sei in seiner Familie kaum über den Holocaust gesprochen worden, obwohl die Familie seiner beiden Eltern von den Deutschen fast komplett vernichtet worden sei. „Das Thema war tabu.“

Weil seine Mutter Rosa Sztabelski ein zweites Mal heiratete, ging Leon Sztabelski Mitte der 60er-Jahre nach Wiesbaden, wo er wieder ein Lokal führte. Mit Blanka Zmigrod, die in Frankfurt lebte, habe er immer engen Kontakt gehalten, sagt er. „Ihr Zentrum in Deutschland war Frankfurt“, so Sztabelski. Seine Tante habe sich in der Stadt wohl gefühlt und viele Leute gekannt, auch aus der jüdischen Gemeinde. Vor allem aber habe sie viel gearbeitet. „Sie hat, so lange ich sie kannte, nie Freizeit gehabt. Es war ein sehr bewegtes Leben, das sie hatte.“ Zur Entspannung habe Blanka Zmigrod aber gerne und gut gekocht, sie habe traditionelle jüdische Gericht wie gefilte Fisch und Hühnersuppe geliebt.

Leon Sztabelskis eigenes Leben hatte noch viele verschiedene Stationen, er hat in unterschiedlichsten Hotel- und Gastronomiebetrieben gearbeitet. Seit 20 Jahren lebt er nun in Neuss. Eigentlich sollte er mal seine Memoiren schreiben, sagt Sztabelski und lacht. Aber erst einmal wird er am 23. Februar in Frankfurt sein, um im Kettenhofweg an seine Tante Blanka zu erinnern. (Hanning Voigts)

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