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Samira Manafi in ihrer neuen Heimatstadt.
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Samira Manafi in ihrer neuen Heimatstadt.

Zugewandert

Frankfurt: Sich das Heimweh von der Seele schreiben

Bei einem Schreibprojekt setzen sich zugewanderte Menschen auf vielfältige Weise mit ihren Wurzeln und dem Gefühl des Heimwehs auseinander.

Seit fast 14 Jahren lebt Samira Manafi nun schon in Deutschland. Durch eine Familienzusammenführung kam die gebürtige Iranerin nach Frankfurt. In ihrer Heimat Teheran war sie Lehrerin und engagierte sich ehrenamtlich als Dolmetscherin. Jetzt arbeitet sie in Frankfurt als Erzieherin und fühlt sich wohl in dieser Stadt, in der sie sich jedes Mal über bekannte Gesichter auf der Straße freut und über Menschen, die ihr zuwinken, wenn sie durch ihr Viertel läuft. Und trotzdem ist da etwas, was sie und viele Menschen, die ihre Heimat verloren oder freiwillig verlassen haben, eint. Ein Gefühl, das sich immer wieder unverhofft breit macht und das dann nur schwer wieder abzuschütteln ist: Heimweh.

Sich dieser Emotion auf kreative Weise zu nähern, war das Ziel eines Schreibprojekts des Schultheaterstudios Frankfurt und des Jamali Diversity Vereins unter der Projektleitung des Frankfurter Autor und Theaterpädagogen Gerd Müller-Droste. Seit September traf sich die Gruppe Schreibender aus dem Rhein-Main-Gebiet, darunter auch Manafi, mehrere Male, um unter professioneller Anleitung an Texten zu arbeiten, die sich auf literarische und poetische Weise mit diesem diffusen Gefühl des Heimwehs befassen.

Manche der Teilnehmer:innen wohnen schon ihr ganzes Leben in Frankfurt, einige sind aus anderen Teilen Deutschlands zugezogen, wieder andere mussten ihr Heimatland durch Extremsituationen verlassen oder wegen beruflichen Veränderungen der Eltern mehrmals umziehen. Zunächst als Projekt für Kinder und Jugendliche angedacht, wurde die Schreibwerkstatt letztendlich für alle Altersstufen geöffnet, sodass am Ende eine Gruppe herauskam, deren Altersspanne zwischen 12 und 74 Jahren lag. Die Werke, die während der Workshops entstanden sind und nun in einer digitalen Lesung präsentiert wurden, sollen im nächsten Frühjahr in einer Sammlung im Deutschen Theaterverlag veröffentlicht werden.

Bei der Präsentation der Werke wird klar, dass die Frage nach der Bedeutung von Heimweh nicht eindeutig beantwortet werden kann. Vielmehr zeichnet sich ein Bild eines Gefühls, das gleichzeitig individuell, aber auch universell zu sein scheint. Werkstattleiter Lorenz Hippe, der zusammen mit Almut Mölk die Werkstattleitung übernahm, erklärt, dass es bei manchen Texten nicht nur um eine Heimatlosigkeit aufgrund des Verlassens eines Ortes, sondern auch um die innere Heimatlosigkeit gehe. „Jeder hier hat eine andere Geschichte und jede ist so, dass es sich lohnt, diese zu hören“, betont er.

Die vorgestellten Texte präsentieren sich dementsprechend vielfältig: So wird in einem Text ein Gefühl von Heimweh durch die Erinnerungen an die Großmutter in Eritrea geweckt und in einem anderen das Ausbrechen und Abkoppeln vom Elternhaus als eine Art Heimatlosigkeit beschrieben. Und wenn der Satz „Ich bin überall zu Hause, wo meine Zahnbürste im Bad bleibt“ fällt, wird klar, hier geht es auch um im ersten Anschein simple Momente, die einen solch aufgeladenen Begriff wie Heimat genau auf den Punkt bringen können.

Besonders berührend sind hierbei Manafis Texte. Durch die Offenheit, die in ihren Werken steckt, findet sie Worte, die das Verlangen und die Sehnsucht nach ihrer alten Heimat Iran auch für Außenstehende spürbar machen. Sie spricht vom Gefühl des In-den-Arm-genommen-Werdens, wenn sie sich an ihren Heimatort Teheran und ihre Familie dort erinnert. Im Kontrast dazu beschreibt sie aber auch Erfahrungen in der neuen Heimat Frankfurt, von der sie sich zeitweise abgestoßen fühlt. So erzählt sie in einem der Texte von einer Begegnung in der U-Bahn, in der sie – aus heiterem Himmel und nur weil sie von einem Mitfahrer als fremd wahrgenommen wird – als Terroristin beschimpft und diskriminiert wird. Eindrucksvoll beschreibt sie ihr Entsetzen und das Gefühl, alleingelassen zu werden inmitten einer voll besetzten U-Bahn. Das Schreiben helfe ihr, solche Erlebnisse aufzuarbeiten und dadurch Emotionen anzusprechen, über die sie vorher meist geschwiegen habe: „Das ist eine Art Entlastung für mich. Da bin ich, ich selbst“, stellt sie fest.

Tia, eine der jüngeren Teilnehmerinnen des Projektes, stellt in ihren Texten immer wieder die Frage, ob es für sie so etwas wie ein Heimatgefühl überhaupt geben kann und ob sie dieses wirklich braucht. Mit ihren 15 Jahren hat die Jugendliche schon viele Wohnortwechsel erlebt. Ursprünglich aus Indien stammend, habe sie schon in Finnland, den USA und, bevor sie nach Frankfurt zog, ein Jahr in Stuttgart gelebt, erzählt sie. Manchmal frage sie sich schon, wie es sich anfühlen würde, wenn sie nur an einem Ort aufgewachsen wäre. Aber sie sehe darin auch Vorteile, beispielsweise in den vielen Sprachen, die sie dadurch erlernen konnte. Diese Gedanken verarbeitet sie unter anderem dann in ihren Texten. „Das Papier ist mein Freund“, antwortet sie auf die Frage, was ihr das Schreiben bedeutet. Manchmal, sagt sie, sei es einfacher, mit dem Papier zu reden als mit einer anderen Person.

Die während des Projekts entstandenen Werke werden nun von Gerd Müller-Droste für die Veröffentlichung lektoriert und theatralisch aufgearbeitet. Das Ziel sei es, so der Projektleiter, eine Sammlung zu kreieren, die sowohl im theaterpädagogischen Bereich als auch in Schulen, im Deutsch-, Philosophie- oder Religionsunterricht Anwendung finden könne. Außerdem solle sie zukünftig auch als Grundlage für Theaterprojekte im Kinder- und Jugendtheater dienen.

Bis zum 31. 12. 2021 können noch weitere Texte zum Thema „Heimweh“ mit der Möglichkeit zur Veröffentlichung eingereicht werden. Die Durchschnittslänge liegt laut Müller-Droste bisher bei ein bis zwei Seiten, kann aber auch abweichen. Einsendung an: k.fertsch-roever@schultheater.de

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