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Ganz schön spannend, wenn’s irgendwo flimmert: Kinder im Filmmuseum.

Filmbildung für Kinder

Sich begeistert irritieren lassen

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Von den Kleinsten können wir viel lernen – das Modellprojekt Minifilmclub zeigt es. Auch warum man sich auf den Hai einlassen sollte.

Was lernen Kinder eigentlich im Kino? Oder ist es etwa eher so, dass wir von den Kindern lernen können? Nur eine von unzähligen spannenden Fragen, die eine Tagung zur frühkindlichen Bildung gerade im Deutschen Filminstitut und Filmmuseum (DFF) in Frankfurt behandelt. Eine Empfehlung der Fachleute: Wir sollten uns auf den Hai einlassen. Den Hai? Bleiben Sie dran.

2013 hat das DFF gemeinsam mit Partnerorganisationen den Minifilmclub für Kinder im Vorschulalter gegründet. Eine ganz ungewohnte Sache. Die Erwachsenen holten sich daher Fachleute dazu: Kinder. Die kamen ins Kino und schauten sich Avantgarde- und Experimentalfilme an. „Wir hatten ja auch keine Ahnung von dieser Form der Vermittlung“, erzählt Karin Knauf von der Sachsenhäuser Kulturkita Grüne Soße, eine der Projektpartnerinnen. Es ging darum, Interesse bei den Jüngsten für Film zu wecken und die ganze Bandbreite zu zeigen. „Wir haben oft gezweifelt: Sind wir überhaupt auf dem richtigen Weg?“, gibt Karin Knauf zu.

Wie richtig der Weg war, erwies sich fünf Jahre später, als die kleinen Expertinnen und Experten der ersten Phase ihrerseits Filme für die nächste Generation der ganz Kleinen aussuchten - und die Vorführung sogar moderierten. Sie meisterten schwierige Situationen im großen Kinosaal (natürlich waren wieder Erwachsene schuld), und am Ende sagte Filmfachkind Fay einen tollen Satz: „Mit Kindern ist es viel leichter.“ Dieses Projekt im Minifilmclub: „Das war etwas, das die Kinder unglaublich groß hat werden lassen.“

Schnitt. Nun haben wir Corona. Nun gehen viel weniger Leute ins Kino. Und nun stellt Karin Knauf fest: „Die frühkindliche Bildung ist auf einmal offenbar gar nicht mehr so wichtig. Alle jammern nur über ausfallenden Schulunterricht. Es ist ganz dünnes Eis.“

„Das Problem mit der Förderung ist, dass es kein Problem gibt“, sagt der Kunstpädagoge Fabian Hofmann: keine offensichtliche Misere, wenn Fünfjährige nicht lernen, was Kino ist. „Aber kulturelle Bildung ist systemrelevant“, sagt er. „Das müssen wir in aller Dringlichkeit deutlich machen.“

Christine Kopf, Leiterin der Filmbildung im DFF, erinnert daran, dass Filmbildung für Kita-Kinder sehr selten sei. „Es ist wie ein ganz kleiner Tropfen im Meer. Aber was wir tun, kann der Anfang einer lebenslangen Liebe zum Kino sein.“ Sie zollt großen Respekt „allen Erzieherinnen und Erziehern, die in schweren Corona-Zeiten die Verbindung zu den Kindern halten“.

Wie funktioniert Filmbildung? Ein kleiner Junge erzählte plötzlich nach einem Kinoerlebnis von Haien. Dabei kamen im Film keine vor. Was geschah? Alle hörten dem Jungen zu, die Geschichte war spannend. Und so betonen die gut 40 Leute bei der Frankfurter Tagung (großteils per Internet) immer wieder: Sich auf den Hai einlassen – also auf die Kinder –, das ist der Schlüssel. Kinder als Bürgerinnen und Bürger von heute sehen, nicht als Erwachsene von morgen. Sich begeistert irritieren lassen: Von den Kindern können wir’s lernen.

Kino als Gemeinschaftserlebnis, hoffentlich bald wieder. Der Kinosaal als Ort auch, der Geborgenheit gibt. Und als Ort, der erwachsen werden lässt. Die Pioniere des Minifilmclubs stritten anfangs, ob da ein Mann oder eine Frau auf der Leinwand zu sehen war, weil: Ohrring. Später war es ganz klar ein Mann; inzwischen wussten die Kinder, dass auch Männer Ohrringe tragen. Noch etwas lehrt das inklusive Medium Kino: Vor der Leinwand sind alle gleich. Und für Erwachsene lohnt es sich stets, Filme mit Kinderaugen zu sehen.

Zum Modellprojekt Minifilmclub ist eine Publikation erschienen: „Filmästhetik und Kinomagie – Erfahrungen mit dem MiniFilmclub“ (im DFF-Eigenverlag).

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