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Frankfurt: Selbstkritik und Hoffnung vor der AWO-Wahl

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    Steven Micksch
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Mit Spannung erwarten die Mitglieder der Arbeiterwohlfahrt Frankfurt die Wahl des neuen Präsidiums. Die Stimmung ist gemischt.

Seit 36 Jahren arbeitet Ursula Happ für die Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Frankfurt. Früher war sie Vollzeitbeschäftigte in verschiedenen Einrichtungen, heute kocht sie noch zwei Mal wöchentlich in der Begegnungsstätte in der Eichwaldstraße. Die 75-Jährige hat ihr halbes Leben in der Wohlfahrtsorganisation verbracht. Die Vorwürfe der Bereicherung gegen Frankfurter AWO-Spitzenfunktionäre bringen die Vorsitzende des Ortsvereins Bornheim auf: „Auf gut Deutsch: Wir wurden beschissen!“, sagt sie im Gespräch mit der FR.

Happ wird dabei sein und mitwählen, wenn am morgigen Samstag die Kreisversammlung der Frankfurter AWO in der Zentrale im Ostend ein neues Präsidium wählt. „Ich hoffe auf einen totalen Neuanfang“, sagt sie und fügt hinzu: „Auch die Glutnester müssen entfernt werden, sonst gibt es einen Flächenbrand.“ Das zielt auf Mitglieder der alten AWO-Geschäftsführung, die noch immer im Amt sind. Als neue Vorsitzende des Präsidiums kandidiert am Samstag die Frankfurter Rechtsanwältin Petra Rossbrey. Happ vertraut ihr, nachdem sie sich in einer ersten Infoveranstaltung vorgestellt hatte. „Sie ist offen und ehrlich.“

Einer, der lange dem Frankfurter AWO-Präsidium angehört hat, übt im Gespräch mit der FR Selbstkritik. Der 81-jährige Yilmaz Karahasan sagt: „Wir haben zu wenig kontrolliert und alles akzeptiert.“ Karahasan ist Jahrzehnte ein prominenter Gewerkschafter gewesen, er gehörte dem Bundesvorstand der IG Metall an. Heute sagt er zu den Vorwürfen gegen den früheren Frankfurter AWO-Chef Jürgen Richter und dessen Ehefrau: „Es hat mich umgehauen, dass die sich bereichert haben.“

Die Vorgänge an der Spitze des Frankfurter Verbands nennt der Sozialdemokrat „die größte Enttäuschung meines Lebens“. Seine Ehefrau Marianne, die den Ortsverein der AWO in Sossenheim führt, hofft auf einen Neuanfang am Samstag. „Es wäre schade, wenn alles den Bach runtergeht“, sagt sie.

Wenn am Wochenende das neue Präsidium der Frankfurter AWO gewählt ist, kann dieses eine neue hauptamtliche Geschäftsführung bestimmen. Es geht um eine Perspektive für die mehr als 1200 Beschäftigten in den Einrichtungen der Wohlfahrtsorganisation in Frankfurt.

Schon seit Monaten ist die Zentrale im Stadtteil Ostend immer wieder das Ziel von Journalisten. Aber während die bisher frierend draußen in der Kälte standen, richtet die AWO diesmal parallel zur Kreisversammlung einen eigenen Aufenthaltsraum für sie ein. Es soll sich etwas ändern, auch in der Kommunikation des Verbands mit der Außenwelt.

Die Vorwürfe

Vor gut acht Monaten ging bei der Staatsanwaltschaft Frankfurt eine anonyme Strafanzeige gegen handelnde Personen der Arbeiterwohlfahrt-Kreisverbände Wiesbaden und Frankfurt ein. Die Vorwürfe: Betrug zum Nachteil der Stadt Frankfurt und Untreue zum Nachteil der AWO. Konkret geht es um Zuschüsse der Stadt Frankfurt für die Betreuung geflüchteter Menschen, um die Versorgung mit Essen und um Sportunterricht. Vier Männer und zwei Frauen sind ins Visier der Staatsanwaltschaft geraten. Trotz der Strafanzeige im Juni 2019 wurden erst am 14. Januar 2020 mehrere Wohnungen und Büros durchsucht, die im Zusammenhang mit den Ermittlungen gegen die sechs Personen stehen sollen. Die Staatsanwaltschaft teilte mit, dass zunächst zahlreiche Informationen gesammelt werden mussten, um den Tatverdacht begründen zu können. 


Die Liste der Vorwürfe gegen die Führung der beiden AWO-Kreisverbände ist umfangreich. Es geht unter anderem um überhöhte Rechnungen, sehr hohe Gehälter, teure Dienstwagen und Grundstücksdeals, aber auch die starke personelle Verflechtung der Kreisverbände Wiesbaden und Frankfurt. Die AWO versprach, es werde jeder einzelne Vorwurf geprüft und aufgeklärt. Der Frankfurter Verband hat zugegeben, dass es bisher bis zu 80 000 Euro teure Dienstwagen für Funktionärinnen und Funktionäre an der Spitze des Kreisverbandes gab. Berichte über hohe Gehälter wurden bisher nur zum Teil bestätigt. 


Im Zuge der Aufklärungsarbeit sind bereits mehrere AWO-Funktionäre zurückgetreten, unter ihnen der Geschäftsführer beim Kreisverband Frankfurt, Jürgen Richter, die Geschäftsführerin beim Verband in Wiesbaden, Hannelore Richter, sowie der Wiesbadener Kreisvorsitzende Wolfgang Stasche. Im Dezember war das komplette Präsidium des Frankfurter Kreisverbands zurückgetreten. Dessen Nachfolger sollen nun auf der Konferenz gewählt werden. Der Chef des AWO-Bezirksverbands Hessen-Süd, Ansgar Dittmar, ist kürzlich abberufen worden. Weiterhin im Vorstand der AWO Frankfurt tätig sind Jasmin Kasperkowitz und Panagiotis Triantafillidis. 

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