Jürgen Mühlfeld leitet das Diakoniezentrum „Weser 5“.

Obdachlosigkeit

Frankfurt: Schutz, Essen und eine Dusche für Obdachlose

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Das „Weser 5“ leistet humanitäre Hilfe für Obdachlose in Frankfurt. Die Zahl der Menschen, die auf der Straße leben, ist zuletzt angestiegen.

Jürgen Mühlfeld ist im Stress. Mitte November beginnt im Diakoniezentrum Weser 5, das der 57-Jährige leitet, die Wintersaison. Bis zu 35 Menschen können dann, nach Männern und Frauen getrennt, Nacht für Nacht im großen Aufenthaltsraum der Tagesstätte auf dem Boden schlafen, um der Kälte zu entkommen. Das Problem: Seit August werden die Waschräume saniert, neue Duschen und Toiletten eingebaut. Er hoffe, dass die Arbeiten wie geplant bis Mitte November fertig würden, sagt Mühlfeld. Dann stehe einem guten Start in den Winter nichts entgegen: „Wir fühlen uns gut vorbereitet.“

Beratungsstelle für Obdachlose aus dem EU-Ausland

Das Weser 5, an der Gutleutstraße mitten im Bahnhofsviertel gelegen, ist eine der bekanntesten Einrichtungen der Frankfurter Obdachlosenhilfe. Gleich mehrere Projekte haben in dem Gebäude der früheren Weißfrauenkirche Platz: Da ist zunächst der Tagestreff, in dem obdachlose Menschen sich aufhalten, etwas essen, sich ausruhen oder ins Internet gehen können. Außerdem bekommen sie hier saubere Klamotten, können duschen und ihre Sachen einschließen. Dann gibt es die Sozialberatung, die im vergangenen Jahr von rund 1400 Menschen aufgesucht wurde. Und schließlich beherbergt das Weser 5 noch die Basisstation für die eigene Straßensozialarbeit, die Unterstützung für obdachlose Menschen, die im Flughafengebäude leben, und die mehrsprachige Beratungsstelle „Mia“ für Obdachlose aus dem EU-Ausland. Zudem unterhält das Weser 5 eine eigene Notübernachtung und ein Übergangswohnheim mit 39 Plätzen für Männer, die langfristig den Sprung in eine eigene Wohnung schaffen wollen.

Erste Anlaufstelle für Obdachlose

Der Alltag im Weser 5 sei stark von der Lage im Bahnhofsviertel geprägt, sagt Mühlfeld, der die Leitung der Einrichtung mit insgesamt 36 Mitarbeitern im Mai 2016 übernommen hat. „Der Bahnhof ist ein Ankommensplatz.“ Gerade für Menschen aus Rumänien oder Bulgarien, die auf Jobsuche nach Frankfurt kämen und auf der Straße landeten, sei das Weser 5 neben der Bahnhofsmission die erste Anlaufstelle in Frankfurt. Hier fänden sie Schutz, etwas zu essen, Duschen und auf Wunsch auch eine Postadresse, so Mühlfeld: „Eigentlich alles, was sie sonst in einer Wohnung organisieren.“

Entsprechend falle im Weser 5 auch schnell auf, wenn sich auf Frankfurts Straßen etwas verändere, sagt Mühlfeld. Im vergangenen Winter habe die Stadt etwa 100 Obdachlose mehr gezählt als in den Jahren zuvor – und auch das Weser 5 sei sehr gut besucht gewesen, gerade von Migranten. Im vergangenen Winter habe es Stellen in der Stadt gegeben, an denen bis zu 30 Menschen gemeinsam draußen übernachtet hätten, sagt Mühlfeld. „Das sind schon Entwicklungen, die man wahrnehmen muss. Der Druck ist ziemlich groß.“

Humanitäre Hilfe für Obdachlose

Weil sich das Bahnhofsviertel verändert und immer mehr Menschen mit gutem Einkommen in den Stadtteil ziehen, sieht Mühlfeld seine Aufgabe auch darin, für ein gutes Miteinander zu sorgen – und für mehr Verständnis für die Lage von Obdachlosen zu werben. „Es ist schwieriger für Wohnungslose, eine Ecke zum Schlafen zu finden, wenn die Toleranz ihnen gegenüber abnimmt“, sagt er. Er versuche daher, möglichst viel mit den Anwohnern zu sprechen und sie auch mit den Nutzern des Weser 5 zusammenzubringen, um eventuelle Berührungsängste abzubauen.

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Ein „großes Manko“ ist aus Mühlfelds Sicht, dass der bezahlbare Wohnraum in Frankfurt immer knapper werde. Seine Schützlinge konkurrierten mit besser gestellten Menschen um den freien Wohnraum, „und die Wohnungslosen ziehen meistens den Kürzeren“. Die Mitarbeiter im Übergangswohnheim seien „sehr verzweifelt“, weil es kaum gelinge, für die Klienten eine Wohnung zu finden. Das Hilfesystem habe auf dieses Problem noch keine Antwort gefunden, sagt Mühlfeld. Die humanitäre Hilfe für Obdachlose sei in Frankfurt gut, „aber die Frage ist halt, wie es weitergeht“. Es sei gut, dass in Frankfurt niemand hungern oder erfrieren müsse. „Aber die Frage ist, wie man den Leuten irgendeine Option gibt, damit sie sich eine eigene Existenz aufbauen können.“ Eine Option, um von der Straße wegzukommen.

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