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Es gibt auch Positivbespiele: Ein Kunde registriert sich mit seinem Handy per QR-Code bei Jamy’s Burger unweit der Paulskirche.

Corona

Schlampiger Umgang mit Gästelisten in der Gastronomie

  • Kathrin Rosendorff
    vonKathrin Rosendorff
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Immer häufiger werden in Frankfurter Gastronomien und Kneipen keine Daten abgefragt oder fehlerhaft geführt. Viele Gastronomen erzählen, dass sie noch nie kontrolliert worden seien.

In einer beliebten Pizzeria in Sachsenhausen knallt die Bedienung einen aus einem Din-A5-Block herausgerissenen Zettel auf den Tisch und sagt: „Tragen Sie sich mal da ein. Name und so.“ Was man draufschreibt, würdigt sie keines Blickes. Sie schmeißt ihn irgendwo hinter die Theke. So richtig organisiert und vertrauenswürdig wirkt das nicht. „Ich bezweifle, dass sie in einer Stunde noch weiß, wo der Zettel ist“, sagt ein Gast. Vermutlich hat er Recht.

Die Registrierung soll den Gesundheitsämtern helfen, Corona-Infektionsketten nachzuvollziehen. Der Umgang mit den Kontaktdatenzetteln der Gäste in einigen Frankfurter Lokalen ist erschreckend, was den Datenschutz angeht. „In einem Restaurant auf der Berger Straße habe ich neulich den ausgefüllten Zettel eines anderen Gastes in der Speisekarte gefunden“, erzählt eine 35-jährige Frankfurterin. Annika (32) berichtet von einem Falafel-Restaurant, in dem es keine einzelnen Zettel gebe, sondern eine Klemmbrettliste, auf der auch die Kontaktdaten der vorherigen Gäste zu lesen seien. Sie selbst habe immer richtige Angaben gemacht. „Nur wenn ich mit Freunden unterwegs war, habe ich manchmal angegeben, dass wir aus dem gleichen Haushalt sind, das wäre sonst sehr lästig.“

Aber nicht nur der Datenschutz ist ein Problem, sondern auch, dass einige Restaurants und Kneipen den Gäste einfach gar keinen Zettel zum Ausfüllen geben. Carlotta (29) zum Beispiel sagt, sie habe neulich mit Freunden vier Stunden lang in einer Kneipe im Gallus gesessen. „Und niemand hat uns angesprochen, doch mal einen Zettel auszufüllen.“

In einem Restaurant auf der Berger Straße sitzt eine Frau eine halbe Stunde lang mit ihrer Tochter an den Tischen im Freien, ohne dass ihnen eine Liste zum Ausfüllen gegeben wird. Auf die Frage der FR, warum das so ist, reagiert ein Mitarbeiter empört, holt einen prallgefüllten Ordner unter der Theke hervor und blättert diesen zum Beweis durch. „Ich frage immer nach den Kontaktdaten.“ Allerdings warte er damit bis zum Schluss, andernfalls vergäßen die Gäste, sich einzutragen. „Am Anfang ging das mit den Listen, aber jetzt wollen die Leute das nicht mehr so“, sagt er. 80 Prozent der Kunden seien ohnehin Stammgäste. Die gesammelten Zettel mit Name, Adresse und Telefonnummer bewahre das Restaurant drei Wochen lang auf, danach gefragt habe allerdings noch niemand. Dass die Listen noch nie kontrolliert worden seien, berichten Anfang der Woche viele Gastwirte in Frankfurt.

Auf FR-Anfrage sagt ein Sprecher des Ordnungsamts, die Stadtpolizei kontrolliere aktuell einen sehr hohen Prozentsatz der Gastronomie. Zahlen lägen noch nicht vor. Bei allen Kontrollen würden auch die Gästelisten auf Vorhandensein, Vollständigkeit und Sinnhaftigkeit hin überprüft. Bei Verstößen erfolgten Ordnungswidrigkeitsanzeigen, der Regelbetrag liege bei 500 bis 1000 Euro. Zu einem Covid-19-Fall in einem Gastronomiebetrieb in Frankfurt sei dem Ordnungsamt nichts bekannt. Susette Sade, eine Passantin auf der Berger Straße, geht drei- bis viermal die Woche essen oder einen Kaffee trinken. Nach ihrem zweiwöchigen Urlaub sei ihr aufgefallen, dass das ordentliche Führen der Listen genauso nachgelassen habe wie auch das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes der Bedienungen. Mit zu vielen Zetteln kämpft eine Wirtin in einem der Restaurants am Frankfurter Römerberg: „Ich habe nämlich alle Zettel seit der Wiedereröffnung Mitte Mai in einer großen Box gesammelt.“ Sie habe sich beim Gesundheitsamt erkundigt.

„Aber keiner konnte mir sagen, wie lange ich die Daten aufbewahren muss, also sammele ich sie einfach immer weiter“, sagt sie. Dabei hätte ein Klick auf die Seite des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) Hessen gereicht, um Auskunft zu erhalten: Dort steht, dass die Registrierung von Gästedaten sowohl im Innen- als auch im Außenbereich verpflichtend (Name, Anschrift, Telefonnummer) ist, dass die Daten einen Monat lang aufzubewahren und nach Ablauf dieser Frist datenschutzkonform und unverzüglich zu vernichten sind. Oliver Seidel von der Dehoga Hessen sagt. „Am besten sollten die Zettel geschreddert werden.“ Je feiner geschreddert, desto sicherer. Ansonsten sind die Vordrucke, die die Wirtin am Römerberg den Gästen gleich zu Beginn mit der Speisekarte reicht und auch rasch wieder einsammelt, vorbildlich. Nicht nur alle notwendigen Daten, sondern auch Ankunfts- und Abschiedszeit gilt es hier auszufüllen. Man muss sogar zusätzlich unterschreiben, dass man versichert, keine covidtypische Symptome wie Husten oder Geruchs- und Geschmacksverlust zu haben. „Das habe ich noch in keinem anderen Restaurant gesehen“, sagt ein Gast.

Ein Registrierungsformular in einer Gaststätte am Römer.

Ob die Gäste ihre richtigen Namen eintragen, weiß die Wirtin allerdings nicht. „Ich schaue nie, was die Leute auf die Zettel schreiben. Dazu habe ich keine Lust. Und ich verlange auch keinen Ausweis. Ich bin doch nicht die Polizei.“ Im Restaurant nebenan gibt es gar keine Liste.

Im Café Wacker auf der Berger Straße werden die Gästelisten wie verlangt für vier Wochen aufbewahrt. Die Schichtleiterin glaubt, dass die meisten Kunden richtige Daten angeben, 8o Prozent seien Stammkunden. Wenn ihr etwas an den Namen komisch vorkäme, würde sie die Leute aber ansprechen. Das Personal hoffe, dass das Führen von Listen nicht mehr lange notwendig sei. „Es ist sehr anstrengend und umständlich“, sagt eine andere Mitarbeiterin.

Luisa (26) und Tim (31) sitzen an diesem Tag in einem Café in der Frankfurter Altstadt. „Wir mussten nichts ausfüllen. In den letzten Wochen mussten wir eigentlich ganz oft nichts ausfüllen, wenn es Selbstbedienung war.“ Doch das macht keinen Unterschied: Ob Selbstbedienung oder nicht, müssen laut Dehoga die Daten erfasst werden, sobald die Gäste sich hinsetzen.

Aber es gibt auch positive Beispiele: Im Café Hoppenworth & Ploch in der Altstadt kann man sich mit einem QR-Code in eine digitale Corona-Gästeliste eintragen. Beim ersten Check-in gibt man seine Daten ein, die laut Café verschlüsselt und sicher abgelegt werden. Wenn man geht, checkt man sich auch digital wieder aus.

„Sie haben aber auch die Möglichkeit, sich auf einem der Vordrucke einzutragen“, sagt ein Mitarbeiter. „Bei einigen merkt man, dass sie das ungern machen. Sie schreiben dann ganz unleserlich. Dann bitte ich sie aber sofort, den Bogen leserlich auszufüllen.“ Man zahlt und registriert sich am Fenster und darf erst anschließend draußen Platz nehmen. „Ausweise kontrolliere ich nicht, aber die Namen sollten schon plausibel sein“, sagt der Mitarbeiter. „Also wenn jemand Pippi Langstrumpf hinschreibt, würde ich die Person definitiv ansprechen.“ Vorbildlich und nachahmenswert sei der Umgang mit Gästelisten im Liebiegcafé erzählt eine Sachsenhäuserin. Schon wenn man in der Schlange steht, nimmt man sich an einem Stehtisch den Vordruck und darf erst bestellen, wenn man den Zettel in einen Briefkasten neben der Kasse gefaltet reingeworfen hat.

Alina (18) und Tizian (19) sitzen auf Stühlen eines Restaurants in der Gastroebene von My Zeil. Auf dem Tisch klebt ein QR-Code, mit dem man sich registrieren soll. „Ach, das fällt mir jetzt erst auf. Es hat uns keiner darauf hingewiesen oder erinnert“, sagt Tizian. Der Gießener betont, er habe kein Problem damit, seine Daten einzutragen, wenn er essen gehe. „Ich habe schon Vertrauen, dass mit meinen Daten nichts Schlimmes angestellt wird.“ Und seine Freundin sagt: „Es ist doch auch zu unserem eigenen Schutz. Ich will doch wissen, wenn einer am Nebentisch Covid-19 hat.“

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