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„Zermürbender Rechtsstreit“ in Frankfurt: Schikanen vom Vermieter – Nur noch zwei Mieter harren aus

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Von: Oliver Teutsch

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Am Haus Neuhofstraße 19 stand jahrelang ein Baugerüst. Nun ist es weg, unddas haus fast leer.
Am Haus Neuhofstraße 19 stand jahrelang ein Baugerüst. Nun ist es weg, unddas haus fast leer. © Monika Müller

Die Geschichte der Entmietung eines Wohnhauses im Frankfurter Nordend. Tausende Mietwohnungen wurden in Eigentum umgewandelt, doch die Gesetzeslage hat sich verbessert.

Frankfurt – Nun hat auch Herbert Schütze (Name von der Redaktion geändert) der Kampfgeist verlassen. Nach jahrelangen zermürbenden Querelen mit seinem Vermieter ist er jetzt aus der Neuhofstraße 19 ausgezogen. Von den vormals zehn Mietparteien harren nur noch zwei aus und wollen sich von den Schikanen nicht aus ihren angestammten Wohnungen im Nordend vertreiben lassen. Noch vor wenigen Monaten hatte sich Schütze kämpferischer gegeben. „Widerstand wird hier zur Bürgerpflicht!“, hatte er am Ende einer Mitteilung geschrieben, in der er die Geschehnisse in seinem geliebten, weil vormals ruhigen Wohnhaus zusammenfasst.

Als Erste hat es im Februar 2018 die Kindertagesstätte im Erdgeschoss erwischt. Das Unternehmen nbii, das das Eckhaus zur Lenaustraße 2017 bei einer Zwangsversteigerung erstanden hat, kündigt der Kita Sieben Zwerge. Ein Bewohner im vierten Stock gibt 2019 auf, als ihn ein Wasserschaden ereilt. Weitere Parteien folgen Anfang 2022, weil sie die Dauerbaustelle und die Einrüstung nicht mehr ertragen. Schütze berichtet auch von beschädigten Briefkästen, verdreckten Hausfluren und unnötigen Sichtschutzplanen an der Außenfassade. Eine Bewohnerin zieht ins Altersheim.

Frankfurt: „Zermürbender Rechtsstreit“ wegen Wasserschaden in Mietwohnung

Schütze selbst ereilt im Sommer 2021 ein Wasserschaden wegen eines unsachgemäßen Dachrückbaus des Vermieters, wie er sagt. In seine Wohnung regnet es schlicht rein. Es folgt laut Schütze „ein zermürbender Rechtsstreit“, der ihn rund 10 000 Euro für Rechtsanwalt und drei Gutachten kostet. Schließlich obsiegt er, zumindest finanziell. Aber kämpfen möchte er nicht mehr. „Der Seelenfrieden meiner Frau ist das höhere Gut“, sagt er und räumt ein, schon ein bisschen enttäuscht zu sein.

Schließlich hatte er ein halbes Jahr zuvor noch stolz verkündet, die Entmietungsquote in der Neuhofstraße liege bei nur 40 Prozent. Mit dem Unternehmer Niko Bardowicks, der hinter nbii und vergleichbaren Unternehmen steckt, hat er eine Abfindung ausgehandelt. Nun liegt die Entmietungsquote bei 80 Prozent und somit etwa wie bei anderen Bardowicks-Objekten in der Lersnerstraße, Linnéstraße, Holzhausenstraße und der Bruchstraße. Bardowicks ist in der Branche hinlänglich für seine Entmietungsstrategie bekannt, wie Rolf Janßen vom Mieterschutzverein Frankfurt zu berichten weiß: „Es ist die gesamte Bandbreite an Verdrängungsmustern erkennbar.“

„Hauptinvestitionsstandort ist der Speckgürtel von Frankfurt“

Aus seiner gewinnorientierten Strategie macht Bardowicks keinen Hehl. Auf der nbii-Website heißt es: „Hauptinvestitionsstandort ist der Speckgürtel von Frankfurt.“ Und weiter: „Niko Bardowicks hat schon als kleiner Junge davon geträumt, mit Immobilien sein Geld zu verdienen.“ In Stellenausschreibungen auf der Website verspricht das Unternehmen: „(…) nebenbei lernst Du viel über Immobilien und hast die Möglichkeit, selbst Investor zu werden. Wir sind sehr erfolgreich in dem, was wir tun.“

In dem Sachbuch „Das System Immobilie“ erklärt Bardowicks als Co-Autor sein System des „fix and flipp“. Mehrfamilienhäuser kaufen, die Objekte von Miet- in Eigentumswohnungen umwandeln und dann die Wohnungen einzeln verkaufen. Damit ist sehr viel Geld zu verdienen, da die Quadratmeterpreise für Eigentumswohnungen etwa doppelt so hoch sind wie für Mietwohnungen. Bardowicks bezeichnet sich selbst in Frankfurt auf FR-Anfrage als „kleinen Fisch“ und in der Tat gibt es Unternehmen, die in noch größerem Stil und rigoroser ihre Umwandlungsstrategie verfolgen.

Frankfurt: Gesetz zugunsten von Mietern angepasst

Der Gesetzgeber hat darauf mittlerweile reagiert. Seit Juni 2020 gibt es eine Umwandlungsgenehmigungsverordnung, die in Milieuschutzgebieten die Genehmigung der Bauaufsicht vorsieht, wenn Mietshäuser in Eigentumswohnungen umgewandelt werden sollen. Seit Mai 2022 gilt dieses Genehmigungsgebot sogar für das gesamte Stadtgebiet, sofern das umzuwandelnde Haus über mindestens sieben Wohneinheiten verfügt.

Die Verordnung hat messbare Auswirkungen. Waren im Jahr 2019 laut Bauaufsicht noch 1554 Bestandswohnungen in Frankfurt umgewandelt worden und 2020 gar 2494, waren es 2021 nur noch 1081. Für die Mietparteien in der Neuhofstraße 19 und andernorts kam diese Verordnung aber zu spät. (Oliver Teutsch)

Weil der Vermieter das Gas abdrehte, konnte man in einem Haus in Frankfurt nicht warm duschen.

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