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Der Wasserwerfer ist in Stellung gebracht, doch die Gruppe der Querdenker löst sich rechtzeitig auf.
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Der Wasserwerfer ist in Stellung gebracht, doch die Gruppe der Querdenker löst sich rechtzeitig auf.

Innenstadt

Scharmützel bei Frankfurter „Querdenken“-Demo

  • Oliver Teutsch
    vonOliver Teutsch
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„Querdenker“, Gegendemonstranten und Polizei treffen in der Innenstadt von Frankfurt am Samstag und in Zeiten der Pandemie aufeinander. Am harten Vorgehen der Polizei gibt es Kritik.

Die Frankfurter Hauptwache gleicht am Samstagnachmittag einem Wimmelbild. Menschen mit Spruchbändern, Menschen mit Einkaufstüten, Menschen in Polizeiuniformen, Schaulustige, überall Menschen. Dazwischen ein Wasserwerfer, der in Stellung gebracht wird. „Dies ist die dritte Durchsage an die Personen, die sich an der Hauptwache aufhalten: Verlassen Sie diesen Bereich unverzüglich in alle Richtungen“, tönt es aus dem Lautsprecher eines Einsatzwagens der Polizei.

Dabei hatte der Tag, an dem sich Tausende Querdenker:innen und Gegendemonstrant:innen in Frankfurt treffen wollten, so beschaulich angefangen. Als Erste sind an diesem Morgen die Gesetzeshüter:innen auf den Beinen. Auf zahlreichen noch fast menschenleeren Plätzen in der Innenstadt stehen Einsatzfahrzeuge. Die hessische Polizei hat Unterstützung aus benachbarten Bundesländern erhalten und erweist sich als guter Gastgeber. Auf dem Opernplatz und dem Goetheplatz harren Polizist:innen aus Nordrhein-Westfalen aus, auf dem Willy-Brandt-Platz haben sich die Kolleg:innen aus Baden-Württemberg eingerichtet, die Polizei aus Hessen schaut im nicht ganz so schmucken Bahnhofsviertel nach dem Rechten.

„Querdenker:innen“ sind noch keine zu sehen, die Zahl der Gegendemonstrant:innen ist noch überschaubar. Am Wiesenhüttenplatz hängt ein Banner: „Kein Fußbreit dem Faschismus“ steht drauf. Ein Mann mit „Ordner“-Binde gibt Auskunft: „Hier ist der Treffpunkt Grüner Finger, wir erwarten auch noch einen Solibus aus dem Dannenröder Forst.“ Auch am Karlsplatz haben schon etwa zwei Dutzend Gegendemonstrant:innen Position bezogen und Musik mitgebracht. Gloria Gaynor singt, dass sie überleben werde. Wie passend dieser Tage. Auch hier hängt ein Banner: „Mit Nazis geht man nicht spazieren.“

Am Jürgen-Ponto-Platz geht es nicht ganz so beschaulich zu. Ein Polizeibeamter filmt eine Gruppe von etwa 100 Gegendemonstrant:innen. „Mach die Kamera aus“, tönt es aus der Menge. Ein Polizist erklärt über Lautsprecher, die Aufnahmen dienten dazu, Verstöße gegen die Hygieneschutzmaßnahmen zu demonstrieren, die Personen sollten bitte die Abstände einhalten.

Die Stadt Frankfurt hatte eine Demonstration und Kundgebungen der Gruppe „Querdenken 69“ verboten, da sie Sorge hatte, dass die Hygieneschutzmaßnahmen nicht eingehalten würden. 17 Gegendemonstrationen wurden hingegen genehmigt. Also sollen sich die Teilnehmer:innen auch an die geforderten Schutzmaßnahmen halten. Die Menge murrt ein wenig, auf einem Banner steht: „Verschwörungstheorien können tödlich sein: Hanau, Halle, Celle“.

Polizisten aus Hessen, Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und die Bundespolizei waren im Einsatz.

Am Westendplatz hat die Initiative „Aufklärung statt Verschwörungsideologien“ Stellung bezogen. Ein Sprecher mit Megafon fordert solidarische Perspektiven in dieser Corona-Krise. Sprecher Timo Brym sagt: „Wir wollen auch unsere eigenen Inhalte gegen Rassismus und Sexismus auf die Straße bringen.“ Ansonsten geht es darum, den „Querdenker:innen“, die ihr Kommen trotz Verbot angekündigt haben, möglichst schnell entgegenzutreten. Daher wurden so viele Kundgebungen an unterschiedlichen Plätzen angekündigt, die aber vornehmlich als strategische Ausgangspunkte dienen.

Am meisten los ist am frühen Nachmittag an der Bockenheimer Warte. Von dort setzt sich ein Demonstrationszug in Richtung Rothschildpark zu einer Abschlusskundgebung in Bewegung. Die Polizei spricht von 450 Teilnehmer:innen, die Gegendemonstrant:innen von rund 1000. Doch als Landtagsvizepräsident Ulrich Wilken (Linke) spricht, hören kaum 100 Menschen im Rothschildpark zu.

Wilken betont im Hinblick auf die „Querdenker:innen“, es gebe durchaus Gründe, mit der aktuellen Corona-Politik der Regierung nicht einverstanden zu sein. Nicht zum ersten Mal am Tag wird die Lufthansa erwähnt, die erst mit neun Milliarden Euro Steuergeld gerettet werde, um dann 30.000 Arbeitsplätze abbauen zu wollen.

Auch die problematische Situation von Minijobbern und Geringverdiener:innen sowie die zunehmende Gewalt gegen Frauen im häuslichen Umfeld erwähnt Wilken, um dann zu resümieren: „All das kritisieren die sogenannten Corona-Kritiker überhaupt nicht, und es ist auch kein Grund, mit Nazis zu demonstrieren und in Verschwörungstheorien zu verfallen.“ Über die kleine Zuhörerschaft ist Wilken nicht enttäuscht. Viele hätten sich gleich nach der Ankunft im Rothschildpark an andere Orte begeben, um sich „Querdenker:innen“ in den Weg zu stellen. „Da habe ich Verständnis für“, sagt Wilken nach seiner Rede.

Denn mittlerweile wurden die ersten „Querdenker:innen“ in der Stadt gesichtet. Laut Polizei soll es bereits am Vormittag am Friedberger Platz, am Merianplatz und am Hessischen Rundfunk zu kleinen Versammlungen gekommen sein, die aufgelöst wurden.

Am Nachmittag gibt es am Schweizer Platz einen ersten Zusammenstoß zwischen „Querdenker:innen“ und Gegendemonstrant:innen. Die Polizei sperrt die Untermainbrücke und setzt nach eigenen Angaben „einfache körperliche Gewalt, Pfefferspray sowie den Schlagstock“ ein, „um die Konfliktparteien zu trennen“. Ähnliches wiederholt sich am Opernplatz. Das Bündnis „Solidarisch durch die Krise“ bemängelte am Sonntag, die Polizei sei teilweise „rabiat“ gegen Gegendemonstrant:innen vorgegangen. An der Hauptwache wird die Situation am späten Nachmittag unübersichtlich. Als die Polizei die Personen auffordert, sich von dem Ort zu entfernen, weil Kundgebungen der „Querdenker:innen“ verboten seien, schauen sich einige irritiert um. Auf den ersten Blick sind in der Menschenmenge keine „Querdenker:innen“ auszumachen. Deren Frankfurter Sprecher Joel Roux hatte im Vorfeld vollmundig angekündigt, bis zu 10 000 „Querdenker:innen“ in Frankfurt zu erwarten. Davon konnte keine Rede sein. Die Polizei schätzt die Zahl auf einige Hundert.

Eine Frau will wissen, was der Aufmarsch auf der Einkaufsmeile Zeil bedeutet. Viele Passanten waren irritiert.

Mitten in dem Tohuwabohu hat am Aufgang zur U-Bahn in der Biebergasse ein Mann Stellung bezogen. Er trägt einen Helm ohne Visier, kurze Hosen, Strumpfhosen und hat sich ein kleines Plastikgewehr umgehängt. Mit einem Megafon versucht er, die Umstehenden auf eine Youtube-Seite aufmerksam zu machen. „Wer von euch kann lesen? Hand hoch!“ Er fordert die Menschen auf, mal „selber zu recherchieren, nicht immer nur ‚Tagesschau‘“.

Als immer mehr Gegendemonstrant:innen auf den Agitator aufmerksam werden, kommt es zu Handgreiflichkeiten und Rangeleien. Ein Mann liegt am Boden, Polizisten kommen und nehmen ihn mit. Der Helmträger hat sich vorher schon verdrückt.

Ein paar Meter weiter laufen Polizisten aus Nordrhein-Westfalen über die Freßgass. In der Neuen Mainzer Straße hat die Polizei eine Gruppe von Gegendemonstrant:innen eingekesselt. Ein Pressefotograf bezeichnet die Polizisten als „Schlägertrupp“. Die Abstandsregeln scheinen gerade nicht zu gelten. „Wir wollen einen Meter fünfzig“, skandiert die eingekesselte Menge.

Die Scharmützel ziehen sich bis zum Abend hin, als die Polizei am Römer 30 „Querdenker:innen“ ausmacht und den Platz schließlich räumt, weil die Menge sich nicht auflösen wollte.

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