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Arief Imanuwarta betrieb seit 1982 das Rotlint-Café im Nordend.
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Arief Imanuwarta betrieb seit 1982 das Rotlint-Café im Nordend.

Frankfurt-Nordend

Ende einer Ära in Frankfurt – Seele des Rotlint-Cafés hört auf

  • Kathrin Rosendorff
    vonKathrin Rosendorff
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Arief Imanuwarta, Wirt des Rotlint-Cafés geht nach 39 Jahren in Rente. Schon Joschka Fischer kam in das linke Szenelokal in der Rotlintstraße im Frankfurter Nordend.

Frankfurt – „Was machst du?“, fragt ein junger Stammkunde, als er zufällig erfährt, dass Arief Imanuwarta nach 39 Jahren das Rotlint-Café im Nordend aufgibt. Gerade eben noch sprachen sie über die Ladentheke an der Tür über die neue Vespa des Kunden – und ob er schon einen Helm habe. Imanuwarta ist nicht einfach ein Betreiber, er ist das Gesicht, die Seele des Rotlint, das eine Institution in Frankfurt ist. Er ist sehr herzlich, sehr persönlich mit seinen Gästen, bekochte sie gerne mit leckeren indonesischen Speisen seines Heimatlands.

Nun aber inmitten der dritten Corona-Welle sind die Holzstühle übereinander gestapelt. Obwohl Imanuwarta 69 Jahre alt ist, hat er keine sichtbaren Falten. „Ich gehe in Rente“, sagt er dem jungen Mann. Ohne die Corona-Pandemie hätte er weitergemacht, sagt er später beim Interview. „Aber momentan gibt es zu wenig Perspektive, kein Licht am Ende des Tunnels.“ Am Freitag war sein letzter Arbeitstag. In dieser Woche wolle er nur noch aufräumen. „Momentan laufen noch die Verhandlungen zwischen dem Vermieter und potenziellen Nachfolgern, die das Café übernehmen wollen“, sagt Imanuwarta, der an diesem Tag, aber auch sonst sehr gerne Batikhemden trägt.

Ob Jung oder Alt, Arbeitsloser oder Akademiker – alle kamen ins Frankfurter Rotlint-Café

Seine Gäste seien von Jung bis Alt, von „Arbeitslosen bis Akademiker“. Lange war es das Stammlokal der Grünen: „Die Grünen hatten früher ihr Büro nebenan und so kamen sie hierher“, sagt er. „Anfang der 80er war auch Joschka Fischer oft hier, das war viele Jahre bevor er Außenminister wurde. Er arbeitete da noch in der Karl-Marx-Buchhandlung. Er holte immer seine Tochter im Kinderladen nebenan ab und trank hier seine Kaffee.“ Imanuwarta zeigt Fotos von sich mit Daniel Cohn-Bendit, Tarek Al-Wazir oder Oberbürgermeister Peter Feldmann. Auch Persönlichkeiten wie „Tigerpalast“-Direktor Johnny Klinke gingen hier ein und aus. Aber wichtig war ihm nie, ob seine Gäste bekannt waren. „Ich behandle alle gleich“, sagt er und man glaubt ihm das sofort. Artikel aus der Vergangenheit über ihn als Person findet man nicht, nicht im Archiv, nicht bei Google. Wie kann das nach fast 40 Jahren sein? „Ich wollte immer gerne im Hintergrund bleiben, aber ich bin sehr glücklich, dass Sie jetzt über uns schreiben.“ An seinen letzten Arbeitstagen ist er plötzlich ein sehr gefragter Interviewpartner.

Imanuwarta ist in Jakarta geboren und aufgewachsen. „Als junger Mann arbeitete ich dort auch kurz als Journalist für eine Zeitung.“ Hinten im Café hängen Bilder von ihm mit Kampfsportkameraden. „Seit meinem zehnten Lebensjahr mache ich die japanische Selbstverteidigungskampfkunst Shorinji Kempo.“ Mit 18 wird er Indonesien-Meister und später Trainer. 1972 entscheidet er sich nach Deutschland zu gehen, um Elektrotechnik in Kaiserslautern zu studieren.

Frankfurt: Rotlint-Café-Übernahme war ein Zufall

Er hatte gar nicht geplant, seine Heimatstadt Jakarta für immer zu verlassen. Bis er sich verliebte. „Ich habe an den Wochenenden in Alt-Sachsenhausen in der Diskothek „Biba Club“ als „Aufpasser“, also Türsteher, gearbeitet. Dort lernte ich meine spätere Frau kennen, die auch dort arbeitete. Ein paar Jahre später bekamen wir zwei Töchter und so blieb ich in Deutschland.“ Er schließt sein Studium ab, arbeitet fünf Jahre bei IBM und ist parallel Geschäftsführer vom Club. Dass er das Rotlint-Café übernahm, war reiner Zufall. „Irgendwann kam ein Kaffeevertreter in den Club und fragte mich: ‚Willst du nicht das Café auf der Rotlintstraße wieder aufmachen?‘“ Zu dem Zeitpunkt war es seit drei Jahren geschlossen.

Das Rotlint Café in den 1950er Jahren. (Archivfoto)

Das Rotlint war 1933 von der Konditorfamilie Hübner eröffnet worden. Das Ursprungscafé war das nebenan in der Hausnummer 60. „Es war in den 1930er-Jahren ein bekanntes rotes Café, ein Ort, wo sich Menschen trafen, die gegen das Hitlerregime waren.“ Aus Altersgründen gab die Familie Hübner 1979 die Konditorei auf. Bis Arief Imanuwarta es eben 1982 übernahm. 1985 hatte er es vergrößert, aber verkleinerte es dann im Jahr 2000 allein auf die Hausnummer 58.

1982: Rotlint-Café war das erste Frankfurter Café mit Frühstück

„Als ich 1982 eröffnete, standen die Leute Schlange“, erzählt er. „Wir waren das erste Café in Frankfurt, das Frühstück anbot. Das war zu der Zeit wirklich etwas Besonderes. Schon bevor wir überhaupt aufmachten, warteten 20 Leute vor der Tür.“ Bis heute sind auch seine indonesischen Gerichte, die ab mittags auf der Karte stehen, sehr beliebt. „Das Kochen habe ich mir damals selbst im Ginnheimer Studentenwohnheim beigebracht, denn das Essen in der Mensa konnte man vergessen. Bald wollten auch die anderen Studenten, dass ich für sie indonesisch koche“, sagt er und lacht. „Eigentlich wollte ich das Café nur zehn Jahre betreiben, aber die Arbeit im Café gefiel mir einfach zu gut: Ich bin Pädagoge, Eheberater, Arzt, alles in allem, es machte so viel Spaß.“ Seine eigene Ehe scheiterte. „Ich hatte wie viele Gastronomen zu wenig Zeit für die Familie.“ Er wollte deshalb nie, dass seine Töchter in die Gastronomie gehen. Die Töchter sind mittlerweile 36 und 29. Die Ältere unterrichtet an einer Berufsschule für Erzieher in Hofheim, die Jüngere ist wissenschaftliche Mitarbeiterin für Ethnologie und Politikwissenschaft an der Uni in Hamburg.

Er selbst ist Vorsitzender der Indonesischen Demokratischen Partei des Kampfs in Deutschland. „Das ist die aktuelle Regierungspartei. Ich habe Videokonferenzen mit Politikern in Indonesien, auch manchmal mit unserem Präsidenten.“ Hier kümmere er sich um Indonesier, die in Deutschland lebten.

Frankfurt: Eine neue Ära beginnt im Rotlint-Café

Einen Zettel am Café, dass er nun eben nicht mehr hier sei, habe er nicht angebracht. „Meine Nachbarn wissen es schon. Sie haben fast geweint.“ Und wie fühlt er sich? „Ich bin traurig. Ich hätte gerne meinen 70. Geburtstag und meine 40 Jahre als Betreiber des Cafés nächstes Jahr hier gefeiert. Gleichzeitig bin ich aber auch glücklich, weil ich dann mehr Zeit für meine drei Enkel haben werde“, sagt er.

Imanuwarta hofft, dass sein Nachfolger den alten Charme des Cafés lässt, kein Hipster-Cafe daraus macht. Aber egal wie, ohne ihn, wird es nicht mehr das Gleiche sein. „Jetzt bricht eine neue Ära im Rotlint-Café an, aber das ist okay“, sagt Imanuwarta und schenkt zum Abschied wie jedem Gast eine von ihm selbst genähte Stoffmaske. (Kathrin Rosendorff)

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