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Daniel C. (vorne links) im Gespräch mit seiner Sozialarbeiterin Hannah Jeckel.

Behinderung

Frankfurt: Im Rollstuhl auf der Straße

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Daniel C. ist schwer krank und hat keine eigene Wohnung. Seine Sozialarbeiterin findet, dass die Stadt Frankfurt ihn besser unterbringen müsste.

Daniel C. will eigentlich nicht mehr viel. Wenn man ihn fragt, was sein größter Wunsch ist, bekommt man bescheidene Träume zu hören. „Dass das Leben, das ich noch vor mir habe, ein bisschen ruhiger ist“, sagt C. auf Rumänisch. Er wünsche sich, dass seine Situation nicht härter werde, als sie durch seine Krankheiten ohnehin sei. Irgendeine bescheidene Unterkunft, medizinische Versorgung, vielleicht etwas Geld, damit er nicht mehr auf der Straße schlafen und betteln müsse. Ein normales Leben, mit Arbeit und eigener Wohnung, sei für ihn sowieso nicht mehr zu erreichen, sagt C. „Ich hätte gerne gearbeitet, aber es ging nicht.“

Wenn man Daniel C. trifft, kann man kaum glauben, dass er trotz seiner Lebenssituation immer noch lacht und Witze reißt. Denn der 39-Jährige, der wesentlich älter wirkt, hat mit einem ganzen Bündel schwerer Probleme zu kämpfen. Er leidet an einer erblichen Nervenkrankheit, die mit fortschreitendem Muskelschwund einhergeht, und ist daher auf einen Rollstuhl angewiesen. C.s Hände und Füße verkrüppeln zusehends, aktuell kann er sich nur rückwärts fortbewegen, indem er seinen Rollstuhl Stück für Stück mit einem Fuß nach hinten schiebt. An seinen dünnen Beinen hat er entzündete offene Wunden, die nicht abheilen und ihm permanent Schmerzen verursachen. Außerdem kämpft er mit Herzproblemen. Und vor allem: Er hat keine Wohnung.

Als Daniel C. 2016 aus Rumänien nach Frankfurt kam, war er noch voller Hoffnung auf ein besseres Leben. So erzählt es Hannah Jeckel, die C. regelmäßig in der Sozialberatung des Fördervereins Roma im Bahnhofsviertel betreut und ihn und seine Geschichte gut kennt. Damals habe C. noch mit Krücken laufen können und in Frankfurt eine Arbeit gesucht, sagt die Sozialarbeiterin. Doch einen Job habe er nicht gefunden, stattdessen habe sein Gesundheitszustand sich immer weiter verschlechtert. Den Großteil seiner Zeit in Frankfurt habe C. auf der Straße verbracht, mehrmals war er im Krankenhaus.

Nach Rumänien könne C. nicht zurück, sagt Jeckel. Seine Mutter sei alt und kümmere sich schon um seine Schwester, die ebenfalls im Rollstuhl sitze. Es sei klar, dass C. in seiner momentanen Lage nicht auf der Straße schlafen könne, zumal er als Angehöriger der Roma-Minderheit auch von anderen Obdachlosen angefeindet werde, sagt die Sozialarbeiterin. „Er ist sehr angreifbar und sehr schutzlos.“

Seit einiger Zeit muss Daniel C. tatsächlich nicht mehr auf der Straße schlafen. Anfang des Jahres bekam er vom Sozialamt sogenannte Überbrückungsleistungen bewilligt, weil Ärzte ihm im Oktober bescheinigt haben, dass er nicht reisefähig ist. Dadurch kann C. mindestens bis Ende März in der Notunterkunft im Ostpark bleiben. Eigentlich sind die städtischen Unterkünfte ihm grundsätzlich versperrt, weil er als arbeitssuchender EU-Bürger keinen Rechtsanspruch auf Sozialleistungen hat. Die Stadt Frankfurt vertritt die Rechtsauffassung, dass C. damit nicht in den Obdachlosenunterkünften bleiben und ihm nur die Rückreise in seine Heimat finanziert werden kann.

Mit diesem Problem ist er bei weitem nicht alleine: Die Diskussion um wohnungslos gewordene EU-Bürger, die kaum Hilfe erhalten und zweimal Lager aus notdürftig selbst gezimmerten Bretterbuden im Gutleutviertel errichtet hatten, treibt die Sozialpolitik in Frankfurt und anderen deutschen Städten seit Jahren um.

Wenn man Daniel C. und seiner Betreuerin zuhört, versteht man ihre Überzeugung, dass auch der Ostpark kaum als Unterkunft für den 39-Jährigen geeignet ist. „Es ist schwer, wo ich jetzt lebe“, sagt C. „Die Toiletten sind nicht gut zu erreichen, ich muss immer jemanden bitten, mich hineinzuschieben.“ Er komme mit seinem Rollstuhl auch nicht in die Gemeinschaftsküche, um sich etwas zu essen zuzubereiten, schildert C. Und da er mit seinem Rollstuhl sehr langsam sei, brauche er teilweise eine Stunde, um vom Ostbahnhof bis zu seiner Unterkunft zu kommen. Um einen Behördentermin am Vormittag pünktlich wahrnehmen zu können, habe er sogar schon einmal in der Notübernachtung am Eschenheimer Tor übernachtet.

Hannah Jeckel kann nicht verstehen, dass die Stadt den schwer kranken C. nicht besser unterbringt. Die Situation kranker und behinderter Wohnungslosen sei „eine absolute Lücke im System“, sagt die Sozialarbeiterin. Es sei grundsätzlich denkbar, dass seine Wunden im Ostpark demnächst abheilten. „Aber seine Behinderung wird nicht besser werden. Man könnte ihn einfach dauerhaft in einer adäquaten Unterkunft unterbringen.“ Wenn Daniel C. in seinem momentanen Gesundheitszustand wieder auf der Straße lande – wie das leider auch nach mehreren seiner Klinikaufenthalte der Fall gewesen sei –, bringe ihn das in Lebensgefahr. Sein Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit sei dann nicht mehr gewährleistet, meint Jeckel. „Grundlegende Rechte werden hier verletzt, um Druck auf so jemanden auszuüben, damit er zurück nach Rumänien geht.“

Bei der Stadt schätzt man den Fall ganz anders ein. Seit bei C. die Reiseunfähigkeit bescheinigt worden sei, habe man nach einem barrierefreien Hotelzimmer gesucht, um ihn gut unterzubringen, sagte Robert Standhaft, Büroleiter von Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld (CDU), der Frankfurter Rundschau auf Nachfrage. Es sei aber leider kein Hotel für ihn gefunden worden, so dass man C. aus Mangel an Alternativen im Ostpark untergebracht habe. Die Dauer des Überbrückungsgeldes habe das Sozialamt bis Ende April und damit relativ lang angesetzt, sagte Standhaft. Aus seiner Sicht ist die Sachbearbeitung des Falls „wirklich im Rahmen und auch in Ordnung“. Sollte sich der Gesundheitszustand von C. weiter verschlechtern und dauerhafte Pflege nötig werden, müsse man seinen Fall neu durchdenken. Dass er ansonsten nach Rumänien zurückkehren müsse, entspreche der geltenden Gesetzeslage.

Das Hin und Her zwischen Sozialberatung, Anträgen und Behörden hat Daniel C. zuletzt mürbe gemacht. Als Sozialpädagogin sei es schwer für sie mitzuerleben, „wie jemand hier in den Mühlen der deutschen Ämter zermahlen wird“, sagt Hannah Jeckel. Sie wünsche ihm ein aushaltbares Leben, „ohne Schmerzen, ohne Angst“.

Daniel C. muss wieder los, mühsam schiebt er seinen Rollstuhl mit dem Fuß nach hinten. Er hätte gerne ein normales Leben geführt, sagt er zum Abschied.

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