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Wenn er am Synthesizer sitzt, kann Roland Kaehlbrandt die Zeit völlig vergessen.

Göpferts Runde

Frankfurt: Roland Kaehlbrandt setzt auf eine Bewegung gegen rechts

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Der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Polytechnische Gesellschaft sieht sich in der demokratischen Tradition der Paulskirche.

Schon in der ersten Minute am Keyboard scheint er die Zeit zu vergessen. Ruft mit hingetupften Akkorden Lieblingstitel auf. Plötzlich wird sein Spiel schärfer, akzentuierter: „Sunny“, der große Soulsong von Bobby Hebb, 1963 geschrieben in Erinnerung an seinen Bruder, der bei einer Messerstecherei ums Leben gekommen war. Aber auch das tödliche Attentat auf US-Präsident John F. Kennedy, nur einen Tag später, am 22. November 1963, schwingt in Text und Melodie mit. „Sunny“ ist einer der Lieblingssongs von Roland Kaehlbrandt. Und der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Polytechnische Gesellschaft hat eigens in den Proberaum der Stiftungsband gebeten, als es um seinen Lieblingsort ging.

Hier also übt der 65-Jährige gemeinsam mit den anderen Bandmitgliedern einmal pro Woche: im Keller des Polytechnikerhauses nahe dem nördlichen Mainufer in Frankfurt, das Sitz einer der vermögendsten deutschen Stiftungen ist.

Funk und Soul, Jazz und klassische Musik: Sie begleiten ihn lange. „Ich spiel’ schon immer“, sagt der gebürtige Westfale schlicht. Im Alter von sechs Jahren beginnt der klassische Klavierunterricht für ihn, im Haus seiner Großeltern in Köln, wo er aufwächst. „Es war ein sehr musikalisches Haus, zwei meiner Onkel waren Musiker, der eine Dirigent, der andere Erster Geiger in einem Sinfonieorchester.“ Einer der Onkel ist aber auch „ein großer Jazzfan“ – und so öffnet sich dem Heranwachsenden früh auch diese musikalische Welt.

Trotz der Hitze erscheint der Manager im taubenblauen Anzug, darunter ein weißes Hemd mit Krawatte. Das ist sein Stil, und er würde sich nie erlauben, davon abzuweichen. Erst später, bei einer Tasse Tee, wird er seine Jacke ablegen. Der Honorarprofessor für Sprache und Gesellschaft verteidigt zäh ein Ideal, das in der Bundesrepublik gerade vom Untergang bedroht ist: das des Bildungsbürgers, der für eine aufgeklärte, demokratische Gesellschaft eintritt. Im Zeitalter des Internets und der sozialen Medien nimmt die Sprachkompetenz immer weiter ab, die Fähigkeit, sich in Schriftform und mündlich angemessen auszudrücken. Dieser Befund ist eines von Kaehlbrandts großen Themen: „Die Rechtschreibung ist in einem dramatischen Zustand“, urteilt er, „die Kenntnisse sind hier ganz, ganz schlecht.“

Mit vielen Programmen versucht die Stiftung Polytechnische Gesellschaft gegenzusteuern. Kaehlbrandt hat Sprachkompetenz zweifach früh erlangt, sein Vater, ein Deutschbalte aus Riga, besaß Verwandte in der französischen Schweiz. „Ich habe schon als kleiner Junge meine Tanten und Cousinen in Paris besucht, und ich habe von Anfang an Französisch und Deutsch gesprochen, ich habe das sehr genossen.“ 1979/80 studierte er an der Sorbonne in Paris, bei einem gaullistischen Geschichtsprofessor, dessen Rhetorik er noch heute als brillant lobt.

Schon in den Jahren zuvor, im Alter von 19 Jahren, weitete er seinen persönlichen Horizont ganz entscheidend. Mit einem VW Käfer brach er über Land nach Indien und Afghanistan auf, durch die Türkei, Syrien und Jordanien. Aus dem Autoradio ertönte die Musik, die er damals so liebte – und die für ihn bis heute von Bedeutung ist: Deep Purple, Led Zeppelin. Aber auch der Bassist Stanley Clarke mit seiner Fusionmusik hatte es ihm angetan.

Bei diesen Reisen, die ihn auch nach Nordafrika führten, lernte Kaehlbrandt das aufgeklärte Verständnis der Einwanderungsgesellschaft, das er heute in Deutschland verteidigt: „Jeder soll einwandern können, wenn er die Werte der Nation teilt.“ Zu denen zählt er unverrückbar die „Trennung von Staat und Kirche“.

Mit ihren Programmen versucht die gemeinnnützige Stiftung Polytechnische Gesellschaft heute auf vielfältige Weise, Geflüchteten und Migranten die Integration in die deutsche Gesellschaft zu ermöglichen. 18 Leitprojekte gibt es. Gerade läuft wieder der „Deutschsommer“: Frankfurter Drittklässler erhalten drei Wochen lang eine intensive Sprachförderung. Das Diesterweg-Stipendium, ein anderes Format, unterstützt Viertklässler aus Frankfurter Grundschulen beim Übergang in die fünfte Klasse, fördert aber auch ihre Eltern.

Kaehlbrandt macht sich nichts vor. Er weiß, dass sich mit den Einwanderern auch die deutsche Sprache verändert: „Das Mündliche wandert in die Schriftsprache ein und überformt das Schriftliche.“ Er kämpft aber um das, was er „die Textfähigkeit“ nennt: die Kompetenz, längere Texte zu lesen und aufzunehmen. Die müsse unbedingt erhalten bleiben.

Der frühere Sprecher des Deutsch-Französischen Jugendwerks und ehemalige Kommunikationschef der Bertelsmann-Stiftung gehört nicht zu den Kritikern, die mit den sozialen Medien und dem Internet einen völligen Verlust klassischer Bildung, gleichsam ein neues Mittelalter, heraufziehen sehen. „Ich bin kein Pessimist“, sagt er lachend. Nein, Kaehlbrandt glaubt, dass sich im Einwanderungsland Deutschland „das Kulturbürgertum transformiert“, dass es aber nicht ausstirbt. Er hält die „Integrationskraft“ der Bundesrepublik für „sehr beeindruckend“. Viele Menschen böten sich an, Verantwortung auch für Geflüchtete und Migranten zu übernehmen.

Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, die Anzugjacke abzulegen. Kaehlbrandt wirft einen wehmütigen Blick auf das Keyboard, es wirkt so, als wolle er gleich wieder spielen. Doch dann sprechen wir über den Rechtspopulismus und die Gefahr rechter Gewalt – und da verschwindet bei dem Mann, der seit elf Jahren an der Spitze der Stiftung Polytechnische Gesellschaft steht, jedes Augenzwinkern.

Der Sprachwissenschaftler hofft auf eine gesellschaftliche Gegenmobilisierung. „Wir sollten uns auf die Suche nach dem machen, was unser Land ausmacht“, sagt er. Und das sind für ihn „die Zeit der Aufklärung und die Reformation“, etwa der Philosoph Immanuel Kant, aber auch die Humanisten Friedrich Schiller und Johann Wolfgang von Goethe. Auch das erste frei gewählte deutsche Parlament 1848 in der Frankfurter Paulskirche zählt er zu den demokratischen Traditionen, auf die man jetzt bauen müsse.

Kaehlbrandt kramt in einem Stapel von Papieren vor ihm auf dem Tisch. Zieht ein Großformat hervor: Es ist der Sitzplan der Nationalversammlung von 1848. Ziemlich in der Mitte des Plenums in der Paulskirche steht der Name Ysaac Brons, Reeder und Getreidegroßhändler aus Emden. „Das war mein Urururgroßvater“, sagt der Manager. Was Wunder, dass er sich diesem Erbe verpflichtet fühlt und auch hinter den Plänen steht, die Paulskirche zu einem nationalen Demokratiezentrum auszubauen.

Nein, Kaehlbrandt ist kein Pessimist. In Wahrheit habe sich eine junge Generation in Deutschland längst aufgemacht, „den Staffelstab“ der Demokratiebewegung aufzunehmen. Der Vater von zwei erwachsenen Kindern zählt dazu die Aktivistinnen und Aktivisten von „Fridays for Future“ und andere. Sie bekommen von ihm höchstes Lob: „Sie sind auch rhetorisch gut.“

Frankfurt sei durchaus der richtige Ort für ein solches Zentrum der Demokratie. „Das Bürgertum hier ist sehr offen und interessiert, man prüft die Dinge mit nüchternem Sinn.“ Gerade versucht Kaehlbrandt mit den 30 Fachleuten seiner Stiftung, einen Dialog mit den Kollegen in Frankreich stärker als bisher in Gang zu bringen.

In seinem Alltag mit vielen Terminen auch noch genug Zeit für die Familie zu finden, ist gar nicht so einfach. Seine Ehefrau ist als Innenarchitektin vielbeschäftigt. Seine 26-jährige Tochter als Juristin und sein 24-jähriger Sohn, Informatiker, gehen längst eigene Wege. „Jetzt habe ich noch gar nichts über unsere Stiftung erzählt“, sagt Kaehlbrandt plötzlich. Aber das ist eine andere, eigene Geschichte.

Es zieht den 65-Jährigen zurück ans Keyboard. Als er gerade mal Anfang 20 war, hat er sich in London seinen ersten eigenen Moog-Synthesizer gekauft, „für 2500 Mark“, das war viel Geld. Aber er konnte einfach nicht widerstehen, weil das Instrument sein Traum war.

Er schlägt die ersten Akkorde von „Stairway to Heaven“ an.

„There’s a lady who’s sure

all that glitters is gold

and she’s buying

a stairway to heaven …“

Bei einer Party, erinnert sich Roland Kaehlbrandt, hat er das einmal zusammen mit Wolfgang Niedecken von BAP gespielt. Unvergesslich.

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