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Frankfurt: Rock me, Borstenwurm

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Von: Thomas Stillbauer

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Gestatten: Websteroprion armstrongi, ein Vielborster-Ringelwurm, zu Ehren von Alex Webster, Bassist der Band Cannibal Corpse.
Gestatten: Websteroprion armstrongi, ein Vielborster-Ringelwurm, zu Ehren von Alex Webster, Bassist der Band Cannibal Corpse. © Monika Müller

Das Senckenberg-Museum zeigt versteinerte Vorfahren, die Namen von Metal- und Punkrockstars tragen: „Rock Fossils“.

Es kommt viel zusammen an diesem regnerischen Freitag. Es ist der Vormittag nach dem Europapokalspiel der Eintracht gegen den FC Barcelona im Waldstadion. Dort, in der Fußballarena, pflegt man vor dem Anpfiff das Lied „Schwarz-weiß wie Schnee“ zu spielen, den Song der Frankfurter Thrash-Metal-Band Tankard zum Text eines traditionellen Stadiongesangs. Aber Tankard-Leadsänger Andreas Geremia, auf der ganzen Welt besser bekannt als Gerre, ist aus einem ganz anderen Grund im Saal der Wale und Elefanten des Senckenberg-Naturmuseums.

An diesem Freitag schaffen die Frankfurter Metal-Helden etwas, das vor ihnen Rockstars wie Metallica, David Bowie, Mick Jagger oder Frank Zappa zuteil wurde: Sie sind jetzt Namensgeber für eine ganze Tierart: Ophiura tankardi. Eine – leider ausgestorbene – Art von Schlangensternen, eng verwandt mit Seesternen. Damit befinden sich die Stadionrocker seit diesem Samstag im illustren Kreis der Ausstellung „Rock Fossils on Tour“ im Senckenberg-Museum: lauter Fossilien, denen Rockstars den wissenschaftlichen Namen leihen.

„Wir waren erst etwas ungläubig, als wir das gehört haben“, sagt Gerre, „so ähnlich wie 2006, als es hieß, wir sollten in Berlin beim Pokalfinale der Eintracht spielen.“ Aber so wie damals erwies es sich auch diesmal als wahr. „Es ist eine sehr große Ehre für uns“, sagt er. Mit Metallica in einem Atemzug genannt zu werden: „Wahnsinn.“

Für die Band, die in diesem Jahr ihr 40-jähriges Bestehen feiert, schließt sich bei Senckenberg ein Kreis. Am Goethe-Gymnasium, ganz in der Nähe, wurde 1982 die Gründung vereinbart. Und jetzt Namensgeber für ein 30 Millionen Jahre altes Fossil, ausgegraben bei einer geothermischen Spülbohrung in Nierstein. „Ihr seid die nächsten 30 Millionen Jahre zu allen unseren Konzerten eingeladen“, ruft Gerre den versammelten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zu, als sie ihm die Ehrung überreichen: symbolisch perfekt passend in Form eines Bierkrugs.

Die Ausstellung, in der Tankard nun Frankfurt repräsentiert, ist ein wundervolles Schmuckstück für Auge und Ohr: grandios arrangierte Fossilien zum Sehen, die entsprechende Musik dazu per Kopfhörer. Heteropoda davidbowie ist selbstverständlich dabei, die Spinne, die Senckenberg-Forscher Peter Jäger 2016 nach David Bowie benannte. Und wie sie in Szene gesetzt ist: auf einer Schallplatte, die auf einem Plattenspieler liegt. Es ist, natürlich, „The Rise And Fall Of Ziggy Stardust And The Spiders From Mars“.

ROCK-FOSSILIEN

Die Ausstellung „Rock Fossils on Tour“ zeigt wissenschaftliche Funde, die nach Rock- und Punkstars benannt wurden, bis September im Senckenberg-Naturmuseum in Frankfurt.

Zu sehen sind 14 beeindruckende Modelle der Fossilien sowie die zugehörigen Fotos der Musikerinnen und Musiker, die ihnen ihre Namen liehen.

Mit Kopfhörern ist die Musik der Namenspatinnen und -paten zu hören.

Die Schau wurde in Dänemark konzipiert und tourt seit 2013 durch die Welt. Corona stoppte sie für einige Zeit.

Informationen: museumfrankfurt.senckenberg.de/de/ausstellung/sonderausstellungen

Macrostylis metallicola ist dabei, ein Tiefseekrebs, der nicht einfach nur den Namen der Band Metallica transportiert. Torben Riehl, Tiefseeforscher und Taxonom, hat ihn mit dem Kollegen Bart de Smet entdeckt und beschrieben. „Artnamen sind ewig gültig und einmalig“, sagt er. Oft würden Funde nach dem Herkunftsort oder nach ihrem Erscheinungsbild benannt. „Oder wir nutzen die Namen, um den Fund jemandem zu widmen, den wir sehr mögen“, sagt Riehl. Bei Metallica kam noch etwas hinzu: Der Name ehrt nicht nur „die Band, die mich 30 Jahre begleitet und mir ein Lebensgefühl gegeben hat“ – er passt auch zum Lebensraum dieses Krebses, ein Gebiet mit vielen Metallfunden. So heißt die Art also nun auch lateinisch „die Metallbewohnerin“ und weist nicht zuletzt darauf hin, dass dort bald Bergbau beginnen soll. „Der Schaden und die Umweltzerstörung sind kaum abzuschätzen“, sagt Riehl. Was sagt die Band dazu? „Metallica hat coolerweise mitgemacht und das Ganze über die sozialen Medien verbreitet.“ Torben Riehl nennt die „Rock Fossils“-Wanderausstellung „ein Meisterwerk der Wissenschaftskommunikation“.

Zu sehen sind unglaubliche Kunstwerke: eine riesige Wanze etwa, Arcticalymene viciousi, benannt nach dem Bassisten der Sex Pistols, Sid Vicious. Ausstellungsmacher Achim Reisdorf bezeichnet die plastische Umsetzung mit der für den Punk gebührenden Respektlosigkeit als „Ledersofa“. Rolling Stones-Sänger Mick Jagger ist ein fossiles Flusspferd namens Jaggermeryx naida gewidmet, und zwar unter der Überschrift „Ein lebendes Fossil“, worunter sich nun alle die Persönlichkeit ihrer Wahl vorstellen können, Flusspferd oder Rampensau. Kleiner Tipp: Die Flusspferdart ist ausgestorben.

Auch beim „Sündenfall“ 1971 habe Jagger Pate gestanden, sagt Reisdorf. Damals wurden zwei Schnecken aus dem Perm nach ihm und nach Frank Zappa benannt, etwas völlig Neues. Inzwischen haben beide je vier Arten auf dem Konto, auch wenn Zappa bereits selbst ausgestorben ist.

Danach seien die rockenden Fossilien lange Zeit nicht besonders auf Touren gekommen. Als die „Rock Fossils“-Schau jedoch 2013 vom dänischen Präparatorenteam 10 Tons erstmals gezeigt wurde, als die Ausstellungsgäste großteils Lederjacken trugen und mit Motorrädern vorfuhren, ging ein Ruck durch die Wissenschaft. Viele Forscherinnen und Forscher erwiesen sich bald als Metalheads oder Rocker – was gar nicht so ungewöhnlich ist, wie man denkt.

Der Sänger der US-Punkband Bad Religion, Greg Graffin, Pardon: Doktor Greg Graffin, ist Evolutionsbiologe und war begeistert, als ihm Quiliania graffini gewidmet wurde, ein reißzähniger Vogel aus der Kreidezeit, auf Basis dreier spärlicher 120 Millionen Jahre alter Knochen zu einer fantastischen Kampfszene zweier Exemplare gestaltet. Lemmy Kilmister, verstorbener Motörhead-Frontmann, ersteht als Borstenwurm aus dem Paläozoikum wieder auf. „Sogar seine Warzen haben die Präparatoren darauf verewigt“, lobt Reisdorf.

„Diese Ausstellung ist so wunderbar, dass wir sie unbedingt bei uns zeigen wollten“, sagt Senckenberg-Museumsdirektorin Brigitte Franzen. Die Schau sei zugleich der Auftakt ins Nach-Jubiläumsjahr (200 Jahre Museum) mit vielen Möglichkeiten, sich zu beteiligen. Andreas Mulch, Direktor des Senckenberg-Forschungsinstituts, selbst im Rock-T-Shirt erschienen, hält fest: „Wir brauchen den Blick in die Vergangenheit mehr denn je.“ Er weise den Weg in die Zukunft. „Im Moment führen wir ein Experiment durch“, sagt er mit Blick auf die Klima- und Artenschutzkrise: „Was kann der Planet aushalten?“ Die Menschheit müsse diese „Zwillingskrise“ überwinden – und was könne schöner sein auf diesem Weg, als „ein Fossil wie ein Rock-Idol zu ehren?“

Den Tankard-Schlangenstern entdeckte und beschrieb übrigens ein Team des Naturhistorischen Museums Luxemburg zusammen mit einem Fossiliensammler aus Alzey. Sie hätten die Art nach der Frankfurter Metal-Band benannt, weil sie „große Fans ihrer Musik sind und die loyale und beständige Verbindung der Band zu ihrer Fangemeinde schätzen“. Wahre Worte, wie die Fans abends zuvor im Stadion lauthals bestätigten.

Tankard-Sänger Gerre mit den „Rock Fossils“-Mitgründern Esben Horn und Rune Fjord (von links nach rechts).
Tankard-Sänger Gerre mit den „Rock Fossils“-Mitgründern Esben Horn und Rune Fjord (von links nach rechts). © Monika Müller
Die Spinne Heteropoda davidbowie – auf einer Bowie-Platte.
Die Spinne Heteropoda davidbowie – auf einer Bowie-Platte. © Monika Müller

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