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Mord im idyllischen Frankfurter Niddapark. Das blaue Zelt markiert den Ort, an dem ein Spaziergänger die Leiche am 9. Mai 2018 gefunden hatte.

Niddapark-Mord

Frankfurt: Lebenslange Haft nach Niddapark-Mord

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Das Urteil im Niddapark-Mord ist gefallen: Der Angeklagte muss lebenslang hinter Gitter. Ein Überblick über sechs Monate der Beweisaufnahme.

  • Im Niddapark in Frankfurt finden Spaziergänger am 9. Mai 2018 eine Leiche.
  • Ein 52-Jähriger ist zulebenslanger Haft verurteilt worden.
  • Das Gericht ging von heimtückischen Mord aus. 

Mord im Niddapark: Richter verkünden Urteil in Frankfurt

Angeklagter

Er sei alt geworden, sagen Menschen, die den 52-Jährigen vom Sehen her schon kannten, bevor er Angeklagter in einem Mordprozess wurde. Hat der Mann, der mit seinem schütteren grauen Haar fast gebrechlich wirkt, einen Menschen auf so rabiate und brutale Weise ums Leben gebracht?

Nein, ließ der Angeklagte selbst über seine Verteidiger ausrichten und präsentierte eine nur sehr schwer zu glaubende Geschichte, warum er mitten in der Nacht im riesigen, dunklen Niddapark das Opfer nicht nur suchte, sondern auch leblos am Boden liegend fand und danach nicht die Polizei verständigte.

Die Verhandlung verfolgte M. äußerlich seelenruhig, meist adrett im Anzug gekleidet. Die Zeugen beobachtete er genau, vermied jedoch den direkten Blickkontakt. Schauten sie in seine Richtung, schaute er zu Boden oder Richtung Richterbank. Wenn er seine Verteidiger etwas wissen lassen wollte, bat er meist um Stift und Papier und schrieb es auf. Dezenter kann ein Angeklagter nicht sein. Es wirkt fast so, als habe der Gastronom sehr erlesene Gäste zu Besuch, die er keinesfalls belästigen will.

Doch als Gastronom ist Jan M. gescheitert. Einzig seine Beteiligung am Gibson-Club auf der Zeil hat sich langfristig als lukrativ erwiesen. Bei den sonstigen Projekten, dem „First In“ in der Freßgass, der 360-Grad-Bar am Flughafen und vor allem dem Restaurant Garibaldi hat M. draufgelegt. Trotzdem lebte er weiterhin auf großem Fuß. In einer SMS an seine Bürokraft Ursula D. gestand M. im März 2018: „Ich habe jetzt auch privat kein Geld mehr.“ Nach außen wollte er dieses Scheitern nicht eingestehen. Für die Staatsanwaltschaft wurde der einst solvente Wertpapierhändler somit erst zum „Blender“, dann zum „Betrüger“, dann zum „Mörder“.

Niddapark in Frankfurt: Indizien im Mordprozess

Indizien

Den Angeklagten belasten vor allem die vielen Blutspuren am Tatort. Das Blut stammt von einer Verletzung an seiner rechten Hand. Weder für die Verletzung noch für die Blutspuren hat Jan M. eine plausible Erklärung liefern können. Stattdessen lehnte er eine medizinische Begutachtung der Wunde ab.

Ein Alibi für die Tatzeit hat der Angeklagte ebenfalls nicht, nur eines seiner Lebensgefährtin, das sich als falsch herausstellte, wie M. selbst einräumen musste. Dazu gibt es die Aussage der Zeugin Stanislava T., wonach M. am Tatabend mit Irina A. verabredet gewesen sei. Auch das leugnet M.

Frankfurt: Urteil nach Mord im Niddapark

Motiv

Die große Unbekannte in dem Prozess. Die Staatsanwaltschaft hat als Mordmotiv Habgier angeklagt und auch in ihrem Plädoyer als erfüllt angesehen. Doch niemand glaubt wirklich, dass der zweifache Familienvater eine Gläubigerin wegen 175 000 Euro Schulden ermordete. M. hatte zwar finanziell große Probleme, die ließen sich aber auch mit diesem Mord nicht lösen. Darauf wies die Verteidigung im Plädoyer auch nachdrücklich hin. Die Staatsanwaltschaft sieht die Habgier in einer „Vermögenserhaltungsabsicht“ als erfüllt an. M. sah demnach offenbar die Bedrohung, Irina könnte seine finanziellen Probleme in der Szene publik machen und damit auch seine Reputation als Geschäftsmann erschüttern.

Ein Polizeibeamter sagte im Zeugenstand aus, die unglaubliche Brutalität der Tat spreche für ein persönliches Motiv. Ein intimes Verhältnis zwischen Angeklagtem und Opfer gab es zeitweise, aber die Beweisaufnahme konnte nicht klären, wie beide vor der Tat zueinander standen. Die Verteidigung führte aus, es habe bis zuletzt ein „ganz überwiegend vertrauensvolles Verhältnis gegeben“ und präsentierte dafür ein Potpourri von Whatsapp-Nachrichten der Jahre 2016 bis 2018, die allerdings oberflächlich bleiben. Fest steht: Die impulsive Irina A. dürfte M. mit ihrer immer drängenderen Geldforderung ganz schön zugesetzt haben. Wobei immer noch strittig ist, ob Irina das Geld noch zu bekommen hatte oder nicht. M. hat jedenfalls keinen Beleg oder Kontoauszug präsentieren können, wonach er die 175 000 Euro zurückgezahlt hat.

Unklar blieb auch, wie sehr der erfundene Sex-Mob das Verhältnis beider zueinander belastete. Die Beweisaufnahme konnte nicht zweifelsfrei klären, ob Irina in den Schwindel eingeweiht war oder von Jan M. ohne ihr Wissen für die inszenierte Geschichte als Zeugin eingespannt wurde.

Niddapark in Frankfurt: Jan M. soll Irina A. ermordet haben

Nebenklage

Die Eltern der ermordeten Irina A. sind in dem Prozess Nebenkläger. Sie waren aber nur für ihre eigenen Zeugenaussagen selbst anwesend, ansonsten meiden sie den Ort, an dem so oft an ihre Tochter erinnert wird. Vater Oleg blieb dennoch ein Satz vorbehalten, der nachwirkt. „Hätte ich gewusst, dass er sie umbringt, hätte ich doch das Geld nicht zurückverlangt“, schluchzte der Vater, dem im Prozess immer wieder Beziehungen zur osteuropäischen Mafia nachgesagt wurden.

Mord im Niddapark: Urteil in Frankfurt erwartet

Opfer

Irina A. wurde 29 Jahre alt. Das Bild, das die Zeugen von der zweifachen Mutter zeichneten, ist facettenreich. Hilfsbereit, faul, feierwütig, impulsiv, gewalttätig, beliebt. Ihre Hilfsbereitschaft hätte A. vor Gericht gebracht. Denn als Jan M. auf die fragwürdige Idee kam, seine nur mittelprächtig laufende Bar „First In“ mittels eines ausgedachten Sex-Mobs in die Schlagzeilen zu hieven und er dafür eine Zeugin brauchte, war sie zur Stelle, obwohl sie zur fraglichen Zeit in Belgrad weilte. A. unterstützte so – unwissend oder nicht – die Vortäuschung einer Straftat.

Zu der Verhandlung kam es nicht mehr, weil A. zuvor in den Niddapark fuhr. Eine Tatsache, die in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis für Verstörung sorgt. Was wollte sie im Niddapark? „Sie ist nicht mal mit den Kindern auf den Spielplatz gegangen“, sagte eine Bekannte. „Sie ist noch mit dem Auto bis vor die Bar auf der Freßgass gefahren“, sagte eine andere. Auch die Mutter war irritiert, was ihre Tochter im Niddapark gewollt haben könnte: „Wir haben doch alles in der Stadt.“

Verteidigerin Gabriele Bender-Paukens, der Angeklagte Jan M. und Verteidiger Hans Euler.

Irina war kein Kind von Traurigkeit und ging keinem Konflikt aus dem Weg. In ihrem Instagram-Account hieß es: „Achtung an alle Individuen niedriger Intelligenz: Ich suche keinen Ehemann, Sexualpartner, sonstige Pflegefälle.“ Ein Polizeibeamter bezeichnete Irina als „wildes Pferdchen“, ein Bekannter sagte im Zeugenstand: „Wenn sie getrunken hat, war sie außer Kontrolle.“ Am Tatabend war sie nicht betrunken, hatte aber Kokain konsumiert.

Publikum

Wohl kein Mordprozess der vergangenen Jahre stieß auf ein so großes öffentliches Interesse, zumindest nicht in der Frankfurter Partyszene. Gerade in den ersten Wochen war die Dichte aufgetakelter Frauen mit fragwürdigem Schönheitsideal besonders hoch. Erstaunter Ausruf einer Zuschauerin in einer Verhandlungspause: „Bei mir in der Reihe haben alle die gleiche Nase.“

Niddapark in Frankfurt: Urteil nach Mord

Verteidigung

Jan M. hat seine Verteidiger mehrfach gewechselt. Gleich zwei renommierte Strafverteidiger winkten schon in der Vorbereitung des Prozesses dankend ab, als sie erfuhren, dass der 52-Jährige die Tat gänzlich abstreitet. Zu erdrückend erscheinen die Blutspuren am Tatort. Mit Hans Euler hat M. einen erfahrenen Strafverteidiger verpflichtet, mit Gabriele Bender-Paukens jene Anwältin, die ihn auch in seinem Scheidungsverfahren vertrat. Beide studierten die Akten sehr umfassend und betrieben auch eigene Recherchen, die das Gericht etwas irritierten, da diese nahe an einer Zeugenbeeinflussung waren. Als die Verteidiger eine Zeugin auftrieben, diese in ihre Kanzlei bestellten und ihre Aussage protokollierten, fragte die Staatsanwaltschaft, welchen Wert so eine Aussage noch haben solle, wenn die Hauptverhandlung schon mal nachgespielt werde.

Die Verteidigung hat sich rechtschaffen bemüht, andere Tatverdächtige zu präsentieren und Zweifel an der Täterschaft ihres Mandanten zu säen. Letztlich scheint das nicht gelungen, zumindest nicht bei der Staatsanwaltschaft.

Mordprozess in Frankfurt: Illustre Zeugen, viele Verteidiger

Zeugen

Mehr als 50 Zeugen und zahlreiche Sachverständige haben in dem Prozess seit vergangenem August ausgesagt. Selten war eine Zeugenschar illustrer. Im Zeugenstand waren Apfelweinkönig, Bordsteinschwalbe, Clubbesitzer. Drogendealer, Escortdame, Finanzhai … Eine Zeugin tauchte vorübergehend unter, eine andere verschwand im Zeugenschutz. Vor allem die Zeuginnen aus dem Umfeld des Opfers zeigten ein erstaunliches Sendungsbewusstsein. Viele Zeugen erschienen gleich mit eigenem Rechtsbeistand, um sich nicht in eigener Sache um Kopf und Kragen zu reden. Lakonischer Kommentar eines Zuschauers, nachdem wieder mal ein schräger Vogel ausgesagt hatte: „Es fällt schwer zu glauben, dass ausgerechnet der Vernünftigste von allen den Mord begangen haben soll.“

Von Oliver Teutsch

Der Angeklagte im Niddapark-Mordprozess zeigt sich in der Sexmob-Affäre reuig, sammelt aber weiter Minuspunkte.

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