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Frankfurt: Rettung für Mauersegler

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Von: Thomas Stillbauer

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Klinikchefin Christiane Haupt mit Alpenseglerfedern, die dem verletzten Fenrir wieder auf die Flügel helfen sollen.
Klinikchefin Christiane Haupt mit Alpenseglerfedern, die dem verletzten Fenrir wieder auf die Flügel helfen sollen. © Peter Jülich

Die Spezialklinik im Frankfurter Stadtteil Griesheim hilft verletzten Vögeln wieder auf die Flügel. Die Not ist groß –  auch weil Wohnraum fehlt, nicht nur für Menschen.

Vorige Woche ist Yair wieder aufgebrochen. Sein Start war spektakulär. Nicht nur, weil er ein Alpensegler ist – also ein ganzes Stück größer als die Mauersegler. Yair hatte auch eine Schar von Bewunderern. „Die sind sofort hin mit Riesengeschrei“, sagt Christiane Haupt und lacht. Mauersegler eben. Die sehen ja auch nicht alle Tage einen riesigen Verwandten. Das war schon eine Sensation, auch für die Vogelwelt.

Die neue Saison hat begonnen. Am Himmel, wo Mauersegler und auch Schwalben – nicht verwechseln – ihre Runden drehen. Und auf Erden, wo sich Christiane Haupt und ihr Team in der Mauerseglerklinik um Verletzte und Abgestürzte kümmern.

„Yair war der erste in dieser Saison“, sagt sie, „wirklich besonders“. Der große Vogel wurde aus Emmendingen nach Frankfurt gebracht, denn die Klinik sucht in Deutschland und auch europaweit ihresgleichen. „Das war offenbar ein Nistplatzkampf“, erzählt die Klinikchefin. „50 Prozent der Steuerfedern waren ausgerissen, und er hatte drei geknickte Schwungfedern.“ Ohne Hilfe das Todesurteil. Aber Christiane Haupt kann etwas, das nur wenige können: Vogelfedern ersetzen unter Narkose. Schiften heißt das Fachwort dafür. Es hat Hunderten und Aberhunderten Mauerseglern das Leben gerettet.

In einer der vielen Boxen in der Klinik schnäbelt Curtius mit Sonea, die längst wieder gesund und am Himmel war. Doch kaum hatte das Team sie als geheilt entlassen, war sie zurück – schwer gezeichnet vom Kampf um ihr Zuhause, das inzwischen andere besetzt hatten. „Wir haben offenbar einen wahnsinnigen Rückgang an Nistplätzen“, sagt Büroleiterin Eva Brendel, „anders lässt es sich nicht erklären“. So viele verletzte Mauersegler mit Kampfspuren gab es nie.

65 Mauer- und ein Alpensegler warten zurzeit in der Klinik in Frankfurt-Griesheim darauf, an den Himmel zurückzukehren, wo sie ihr ganzes Leben verbringen, außer in der kurzen Phase der Brut. Allein 27 von ihnen wurden seit dem 5. Mai eingeliefert. Da ist etwa Horos, aus Taunusstein hergebracht (die Klinik gibt den Vögeln gern die Namen mythologischer Gottheiten), Diagnose: Weichteiltraumata durch Kampf. Da ist Seth aus Wiesbaden, die in eine noch nicht näher identifizierte ölige Substanz geraten ist. Ein anderer Mauersegler aus Beckum in Westfalen muss wohl im Rollladenkasten hängengeblieben sein, darauf deuten seine Verletzungen an den Federn hin.

KLINIK FÜR KLEINE

Von überallher, manchmal gar von anderen Kontinenten werden verletzte Mauersegler nach Frankfurt-Griesheim in die Klinik der Deutschen Gesellschaft für Mauersegler gebracht.

Die Klinikchefin und Vereinsvorsitzende Christiane Haupt beherrscht dort die Technik, sogar kaputte Federn zu ersetzen – durch Federn verstorbener Artgenossen. Menschen geht das Herz auf, wenn solch ein Vogel nach Wochen und Monaten in der Klinik samt Flugtraining wieder in den Himmel startet und laut ruft: „Sriiii!“

Wer Nistmöglichkeiten schaffen will oder Fragen hat oder spenden will, findet Kontaktmöglichkeiten unter www.mauersegler.com

Ein Hüpfer nach Ibiza

Fenrir, ein Alpensegler aus Lausanne, wurde von Greifvögeln angegriffen. Vorhin ist er aus seiner Krankenhausbox ein Zimmer weiter gehüpft, unter die Wärmelampe. Die Belegschaft nennt das: Ibiza. Vier kleine Mauersegler kuscheln mit Fenrir. Nebenan wird im Akkord gefüttert, von 8 Uhr morgens bis 24 Uhr, Grillenlarven ohne Ende. Und im Flugzimmer üben gerade Tara und Creanza mit ihren neuen Federn das Fliegen zwischen Wänden, die mit Gardinen weich ausgekleidet sind.

Wie schön, dass sich jemand um die verletzten Weltreisenden kümmert, die unfassbare Distanzen zurücklegen und uns Menschen im Sommer mit ihren Flugkünsten begeistern. Wie verstörend, dass das nötig ist. Bei Haussanierungen gehen Nistplätze verloren, obwohl es das Tierschutzgesetz verbietet. Hinzu kommt, dass Spatzen die Mauerseglerkästen beziehen und voller Nistmaterial zurücklassen; unbrauchbar für Nachmieter. Die Kästen und Nischen müssten gewartet werden. Kaum jemand macht es.

Und dann, immer noch: Menschen, die einen verletzten Vogel finden und in die Luft werfen, weil sie denken, dann fliegt er wieder. „Ich hab einen gefunden und Flugübungen gemacht“, zitiert Christiane Haupt aus Telefonanrufen. Mauersegler mit gebrochenen Beinen – in die Luft geworfen. So nicht. Was auch überhand nimmt: „Leute, die auf Facebook posten, was sie für den kleinen Vogel getan haben, um Likes zu kassieren“, sagt Eva Brendel. Der Leidtragende ist der Mauersegler, weil er mit Katzenfutter, Brot oder Milch gefüttert wurde. Katastrophal. Diese Vögel fressen ausschließlich Insekten. Alles andere macht sie krank.

Was tun? Nistplätze schaffen. Die besten kommen aus dem Knast, sagt Christiane Haupt: gebaut in der JVA Heimsheim nach Rücksprache mit der Deutschen Gesellschaft für Mauersegler (Vorsitzende: Christiane Haupt). Der pfiffige Produktname: „Ei-Zelle“.

Was tun für die Mauerseglerklinik? Auch sie ist gebeutelt durch all die Krisen, durch gestiegene Benzinpreise zum Beispiel. Jemand, der die Kurierfahrten sponsern könnte, damit die Fahrerin über die Runden kommt, eine alleinerziehende Mutter und Hartz-IV-Empfängerin: Das würde schon ein Stück weiterhelfen. Den Menschen - und den Seglern.

Flugtrainerin Monika Wolf und ein Rekonvaleszent.
Flugtrainerin Monika Wolf und ein Rekonvaleszent. © Peter Jülich
Alpensegler Fenrir ist der Größte, jedenfalls unter Mauerseglern.
Alpensegler Fenrir ist der Größte, jedenfalls unter Mauerseglern. © Peter Jülich
Grillenlarven für hungrige Schnäbel.
Grillenlarven für hungrige Schnäbel. © Peter Jülich

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