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Prozess gegen Marvin E.: Bomben für den „Rassenkrieg“ - Wollte er „Atomwaffendivision Hessen“ gründen? 

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Von: Hanning Voigts

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Marvin E., hier im Gerichtssaal, soll Bombenanschläge gegen Juden und Muslime geplant haben. Foto: dpa
Marvin E., hier im Gerichtssaal, soll Bombenanschläge gegen Juden und Muslime geplant haben. © dpa

In Frankfurt hat der Prozess gegen Marvin E. begonnen. Er soll versucht haben, eine rechte Terrorzelle zu gründen – und hatte bereits Splitterbomben gebastelt.

Frankfurt - Mit der Verlesung der Anklageschrift hat am Dienstag vor dem Oberlandesgericht in Frankfurt der Prozess gegen den 20 Jahre alten Schreinerlehrling und mutmaßlichen Rechtsterroristen Marvin E. begonnen. Die Bundesanwaltschaft wirft dem jungen Mann aus dem nordhessischen Spangenberg die versuchte Bildung einer terroristischen Vereinigung, die Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat sowie Verstöße gegen das Waffen- und Sprengstoffgesetz vor. Der 20-Jährige soll entschlossen gewesen sein, einen hessischen Ableger der US-amerikanischen Neonazi-Terrorgruppe „Atomwaffendivision“ (AWD) zu gründen und zur Herbeiführung eines „Rassenkriegs“ Sprengstoffanschläge zu begehen.

Nachdem der Vorsitzende Richter Christoph Koller das Verfahren eröffnet und verkündet hatte, der Prozess werde „aufgrund der Bedeutung der Sache“ komplett öffentlich verhandelt, obwohl für E. auch eine Verurteilung nach Jugendstrafrecht infrage kommt, verlas Oberstaatsanwalt Michael Neuhaus von der Bundesanwaltschaft die Anklageschrift. Marvin E. sei Anhänger der nationalsozialistischen Ideologie der AWD, die einen „Rassen- und Bürgerkrieg“ entfachen wolle, um zu verhindern, dass die „weiße Rasse“ nach und nach „ausgetauscht“ werde. Der Angeklagte habe versucht, die „Atomwaffendivision Hessen“ zu gründen und als Anführer bis zu zehn Mitstreiter mit Waffenerfahrung zu rekrutieren.

Frankfurt: Ein Manifest gegen Juden, Muslime und „Kanaken“

In einem Mitte Juli vorigen Jahres verfassten Text mit der Überschrift „Operation Ranzkacke“ habe E. sein Ziel dargelegt, mit Anschlägen auf Juden, Muslime, „Kanaken“ und staatliche Vertreter:innen der Bundesrepublik innerhalb von drei Jahren in Deutschland einen „Rassenkrieg“ zu verursachen.

Etwa zur gleichen Zeit hat E. laut Anklageschrift einem Mitschüler aus der Berufsschule Bilddateien der AWD in einem Whatsapp-Chat geschickt, später auch Propagandavideos. Dazu habe er den Mitschüler gefragt, ob dieser der „AWD Hessen“ beitreten und ihr „treu“ sein wolle, sagte Neuhaus. Im August vergangenen Jahres soll er sich dann in einem Chat der AWD im Messengerdienst „Telegram“ beschwert habe, wie schwer es sei, Anhänger zu gewinnen, und nach Möglichkeiten gefragt haben, Schusswaffen nach Deutschland zu schmuggeln. Zudem habe er geplant, mit einer nächtlichen Plakataktion in Kassel Mitglieder für die „AWD Hessen“ zu werben, dazu habe er Plakate ausgedruckt, Industriekleber bestellt und seinen Mitschüler gebeten, ihm bei der Aktion zu helfen.

„Atomwaffen Division Hessen“: Mit Stahlkugeln ummantelte Sprengsätze

Parallel dazu habe E. von Frühjahr 2021 an Bauteile für selbstgebastelte Sprengsätze beim Internetversandhaus Amazon bestellt, führte der Oberstaatsanwalt aus, darunter Zündschnüre, Schwefel- und Magnesiumpulver, einen Koffer und Stahlkugeln. Mit diesem Material habe er mindestens 15 größere Sprengkörper hergestellt, von denen 13 bei einer Hausdurchsuchung gefunden worden seien.

Im Juli vorigen Jahres habe er einen der Sprengsätze im Beisein seines Mitschülers getestet. Um sie gefährlicher zu machen, habe Marvin E. die Sprengsätze mit Stahlkugeln ummantelt, allein bei der größten selbstgebauten Bombe habe er mehr als zwei Kilo Splitterladung eingebaut.

Das Gemisch war fast so explosiv wie militärischer Strengstoff

Das vom Angeklagten hergestellte Sprengstoffgemisch sei beinahe so explosiv wie militärischer Sprengstoff gewesen und hätte „immense Schäden“ anrichten können, sagte Neuhaus. Kurz vor seiner Festnahme im September habe der 20-Jährige nach Schulen in Kassel und Essen und nach einem Grundriss des Bundestags im Internet recherchiert.

Der Angeklagte, ein kleiner, schmächtiger und wesentlich jünger wirkender Mann, der in Handschellen in den Saal gebracht worden war, verfolgte die Verlesung der Anklage ohne erkennbare Regung. Anschließend nickte er, als der Vorsitzende Richter Koller vortrug, dass E. sich laut seinen zwei Verteidiger:innen am nächsten Verhandlungstag ausführlich zu seiner Person und auch zur Anklage einlassen wolle.

Der Prozess wird am Freitag, 12. August, fortgesetzt. (Hanning Voigts)

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