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Eltern und ihre Kinder beim „Kiddical Mass“-Corso.

Mobilität

„Kiddical Mass“: Frankfurt Radler klingeln lautstark für sichere Wege

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Die Radentscheid-Initiative macht einen Corso durch die Frankfurter Innenstadt, um auf  die Gefährdung von Kindern aufmerksam zu machen.

Seit zwei Wochen fährt Stella mit dem Fahrrad zur Schule. Von ihrem Wohnort in Bornheim bis zu ihrer Gesamtschule am Zoo im Ostend muss die Zehnjährige einige gefährliche Passagen, wie etwa an der Höhenstraße, überwinden. Deshalb fahren Mutter Steffanie oder Vater Michael Wiebelt im Wechsel jedes Mal mit. Zu gefährlich finden es die Eltern, ihre Tochter allein los zu schicken.

Am Sonntag ist die vierköpfige Familie zur „Kiddical Mass“ an die Alte Oper gekommen. Stellas vierjährige Schwester Carla strampelt, am Rad ihrer Mutter angekoppelt, mit. Insgesamt rund 300 Radler sind laut Polizeiangaben zusammen gekommen, um gemeinsam durch die Innenstadt zum Holzhausenpark zu radeln, und für eine bessere Radfahr-Infrastruktur zu demonstrieren. Einige sehr junge Teilnehmer rollen auf ihren Laufrädern mit. Andere sitzen bei ihren Eltern in Kindersitzen auf den Gepäckträgern oder auf der Ladefläche von Lastenrädern. Musik tönt aus Boxen, die auf einem Rad installiert wurden. Ein Junge hat eine Seifenblasen-Maschine auf den Gepäckträger seines Velos geschnürt, die fast nonstop Blasen produziert.

Zum vierten Mal seit April veranstalten die Aktivisten der Frankfurter Radentscheid-Gruppe den Corso durch die Innenstadt. Das Konzept haben sie von der „Critical Mass“ entliehen, bei dem seit Jahren Menschen weltweit lautstark klingelnd auf ihr Recht des Radfahrens aufmerksam machen. In Frankfurt treffen sie sich zweimal monatlich an der Alten Oper. Geklingelt wird bei der Kiddical Mass ebenso.

Bei der Demo, speziell für den Radfahr-Nachwuchs, lautet das Motto zwei Wochen nach Ende der Sommerferien: „Zur Schule: Das kann ich selbst“. Katharina Knacker, von der Radentscheid-Gruppe, die „mehr, bessere und sicherere Radwege“ fordert, sagt: „Sicher bedeutet für uns, dass sich ein achtjähriges Kind alleine und ungefährdet durch die Stadt bewegen kann“.

Die Stadt habe zuletzt angekündigt, neue Radwege auf einer Länge von 75 Kilometern zu bauen. Außerdem sollten 6000 weitere Rad-Parkplätze hinzukommen. „Kinder die mit eigener Muskelkraft, zu Fuß, mit dem Roller oder Fahrrad zur Schule kommen, haben sich am Morgen schon bewegt und können sich im Unterricht besser konzentrieren“, sagt Knacker. Derzeit würden durch die so genannten „Eltern-Taxis“ immer weniger Kinder alleine zur Schule fahren. Die Autos vor den Schulen verstopften die Zufahrten, und es komme zu Unfällen.

Morgens, wenn alle zur Arbeit fahren, sei viel los auf den Straßen, im Gegensatz zur Rückfahrt am Nachmittag, berichtet Stella von ihrem täglichen Schulweg, bei dem sie ihre Eltern begleiten. Da sei sie „zurückhaltend“ im Straßenverkehr, fügt das Mädchen hinzu. Mutter Steffanie nennt es „ängstlich“. Es gehe wild zu auf Frankfurts Straßen. Ihrer Tochter wollten die Eltern ihre Angst nehmen und „sensibel machen“ für gefährliche Stellen, so Wiebelt.

Vater Michael, der mit seiner Familie erstmals bei dem Fahrradcorso dabei ist, habe Gänsehaut gespürt, als sie mit den mehreren hundert Teilnehmern über die mehrspurigen Innenstadt-Adern geradelt seien. Eine Polizei-Eskorte hatte die Autos von den Demo-Teilnehmern fern gehalten. „Mit so vielen Erwachsenen und Kindern auf großen Straßen zu fahren, in einer Stadt, die nur für Autos gebaut wurde, macht mir Mut, dass es doch eine Verkehrswende geben kann“, sagt der 45-Jährige. Die Radentscheid-Gruppe will sich weiter dafür stark machen. Am 29. September wird es den letzten „Kiddical Mass“- Fahrradcorso dieses Jahres geben. Dann soll die Sicherheit der radelnden Großeltern und ihrer Enkel im Fokus stehen.

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