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Frankfurt auf 70 Quadratmetern

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Von: Thomas Stillbauer

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Hermann Helle im weiten Dachgeschoss des neuen Historischen Museums mit einigen der 84 Fenster.
Hermann Helle im weiten Dachgeschoss des neuen Historischen Museums mit einigen der 84 Fenster. © Andreas Arnold

Herman Helle baut ein Modell der Stadt für das neue Historische Museum. Dabei wusste er zunächst von der Stadt überhaupt nichts. Eine große Tour im vergangenen Sommer half ihm, Frankfurt kennenzulernen.

Eine „strange city“ sei Frankfurt, sagt Herman Helle, eine seltsame Stadt, ein bisschen verrückt auch. Aber man darf es wohl so verstehen: gut verrückt. „Ich mag das Mainufer und die Wallanlagen.“ Es wäre auch ganz praktisch, wenn Frankfurt dem Niederländer ein wenig gefiele – denn Hermann Helle wird ein Modell der Stadt bauen. Nicht irgendein Modell, sondern ein begehbares „Modell der gefühlten Stadt“, 70 Quadratmeter groß, das im Dachgeschoss des neuen Historischen Museums stehen soll. Ein in mancher Hinsicht überragender Ort.

„Hier wird das Modell stehen“, sagt Museumsdirektor Jan Gerchow, breitet die Arme aus, zeigt nach da, nach dort, „hier fließt der Main, hier ist Sachsenhausen“. Noch ist da nichts als Estrich zu sehen. Das neue Historische Museum ist im Bau, 2017 soll es fertig sein. Samt Frankfurt-Modell im üppigen Dachgeschoss mit seinen 84 Fenstern und seinem gläsernen Erker, der einen großartigen Panoramablick gewährt auf den Eisernen Steg zur Linken, den Römer zur Rechten, dazwischen die Skyline.

„Oje“, dachte Herman Helle, als er den Auftrag fürs Modell erhielt, „ich weiß ja gar nichts über diese Stadt. Wie kann ich herausfinden, was wichtig ist?“ Die Antwort folgte mit der „Sommertour 2015“: Da war ein Team des Museums vier Monate lang in 42 Frankfurter Stadtteilen unterwegs, fuhr 500 Kilometer mit dem Rad und befragte die Frankfurter zu ihrer Stadt. Ließ 1333 Fragebögen ausfüllen, erstellte sogenannte Mental Maps, also gefühlte Landkarten der beliebten und unbeliebten Orte – alles in allem also eine ziemlich runde Sache, von der sich die Museumsbesucher am Wochenende in einer kleinen Ausstellung überzeugen konnten. „Diese Sommertour“, sagt Helle, „gab mir wirklich einen Einblick, wie die Leute über ihre Stadt denken.“

Eine Schaufel Erde als Basis

Herman Helle hat schon für mehrere Städte seine besonderen Modelle gebaut. Er ist gelernter Bühnenbildner, aber auch Musiker, Fotograf, Sammler, Dramaturg – „ein Multigenie“, wie Gerchow schwärmt. „Ja, ja“, bestätigt der Hochgelobte ironisch. Um die versammelte Presse im nächsten Moment zu schockieren: Eine Schaufel voll Dreck ist die Basis seines Minimodells, mit dem er am Montag vorführt, was er plant. Ein Erdhaufen, und obendrauf der soziale Organismus Frankfurt. Aber keine Sorge, es geht bei dieser Metapher nicht um den Dreck, sondern darum, dass der Modellbauer die Stadt gleichsam wie mit dem Spaten ausgestochen ins Museum herüberhebt. Mit vielen verschiedenen Materialien, in wechselnden Stilrichtungen will der Künstler dann herausarbeiten, was die Leute an ihrer Stadt lieben und was nicht.

Im Bahnhofsviertel mögen sie beispielsweise den Bahnhof nicht besonders. Aber das Wohnviertel, das lieben sie. In Höchst hingegen liebt man bestimmte Orte – „weil ich da wohne, da ist mein Bettchen“, erklärte ein Mental-Map-Mitgestalter –, aber die Fußgängerzone kommt schlecht weg. Einer beklagt die leerstehenden Läden, ein anderer schreibt: „Man hört kein Deutsch.“

Die Mainbrücken werden im fertigen Modell über den Köpfen der Besucher schweben, die durch die Stadt wandern. Drumherum stehen dann vier Maschinen: eine „Hördusche“ mit Audiobeiträgen, ein kleines Kino, ein Tisch, auf dem man sich Frankfurt-Fotos wie in einem großen Album ansehen kann, und eine Aufnahmestation, an der die Besucher selbst Fotos, Audio- oder Schriftbeiträge anfertigen können.

„Die Stadt ist ein lebendes Etwas, das dann im Museum stattfindet“, sagt Kuratorin und Sommertour-Planerin Susanne Gesser. Und der Dreck, die Erde darunter wird nur angedeutet, als Rand ums Modell. Aber vorhanden sei diese Erde natürlich, sagt Helle: „Mit all den Würmern und den toten Frankfurtern.“ Eine strange city und ein Künstler, der dazu passt. Gut verrückt eben.

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