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Frankfurt pur rechts und links der Bahngleise

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Von: Jana Ballweber

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Mete kommt mit seinen Eltern so oft wie möglich auf den Spielplatz im Park Louisa.
Mete kommt mit seinen Eltern so oft wie möglich auf den Spielplatz im Park Louisa. © Monika Müller

Zwischen Villenviertel und Sozialwohnungen gönnt der Park Louisa den Menschen in West-Sachsenhausen eine Verschnaufpause.

Der einfachste Weg, mit Menschen aus West-Sachsenhausen ins Gespräch zu kommen, scheint über ihre Hunde zu führen. „Er is heut e bissl liebestoll“, entschuldigt sich die Besitzerin, als die Reporterin gerade noch so ihren Schuh unter dem gehobenen Bein in Sicherheit bringen kann. Ein anderer Vierbeiner gefällt sich sichtlich dabei, auf dem Bürgersteig vor Cem Ünlüs Blumengeschäft im Weg herumzustehen und beachtet zu werden. Frauchen schimpft, der Hund trottelt schuldbewusst weiter und gibt die Eingangstür zum „Blumenparadies“ frei.

Der Blumenverkäufer Cem Ünlü hat den Laden 2020 von seinem Vater übernommen.
Der Blumenverkäufer Cem Ünlü hat den Laden 2020 von seinem Vater übernommen. © Monika Müller

In den Achtziger-Jahren hatte Ünlüs Vater den Blumenladen in der Mörfelder Landstraße eröffnet. Seit März 2020 ist der Sohn am Ruder. „Mein Start fiel mit dem Anfang der Pandemie zusammen. Das war natürlich ziemlich katastrophal. Da dachte ich, ich kann gleich wieder zumachen“, berichtet Ünlü. Aber die vielen Stammkunden aus der Umgebung retteten das Geschäft: „Ich habe ziemlich schnell gemerkt, dass Menschen, die im Home-Office arbeiten, es auch zu Hause schön haben wollen und deshalb mehr Blumen kaufen.“ Die Kundschaft habe sich über die Jahrzehnte hinweg verändert, sagt er: „Früher waren Blumen günstiger. Da war das Publikum gemischter, die Leute kamen von beiden Seiten der Bahngleise.“

Die Schienen kreuzen die Mörfelder Landstraße direkt am Park Louisa. Der Park liegt auf der Westseite, dahinter verstecken sich einige Häuser hinter hohen Hecken und Zäunen, denen das Wort „Villa“ schon fast nicht mehr gerecht wird. Lange, von Büschen und Bäumen gesäumte Auffahrten schlängeln sich zu den Eingangstüren, auf die Passant:innen nur dann einen kurzen Blick werfen können, wenn die Tore einmal aufschwingen und einen nicht minder exklusiven Wagen auf die Mörfelder Landstraße entlassen. Von den Schlossherren und -damen fehlt jede Spur. Hier tobt wahrhaftig nicht das wahre Leben.

Beeindruckend aus der Ferne, aus der Nähe wenig einladend: das Villenviertel in West-Sachsenhausen.
Beeindruckend aus der Ferne, aus der Nähe wenig einladend: das Villenviertel in West-Sachsenhausen. © Monika Müller

Denn das läuft nebenan über den Spielplatz im Park, wo der Frühling sich mittlerweile ganz deutlich Bahn bricht. Mete hüpft mit Schwung auf eine Wippe, sodass die unter ihm ins Wanken gerät. Kurz sieht es so aus, als würde er das Gleichgewicht verlieren und in den Sand plumpsen. Doch mit rudernden Armen kann er sich gerade noch fangen. Im Kindergarten sind gerade Osterferien, deshalb sind seine Eltern Burcu und Tolga mit ihm zum Spielen hergekommen. „Wir wohnen in Sachsenhausen, auf der anderen Seite der Gleise. Wenn wir die Zeit finden, kommen wir oft hier her“, erzählt Burcu. Ihr Mann ergänzt: „Das mögen wir so an dieser Wohngegend: Wir sind nicht weit weg von der Stadt, aber trotzdem schnell mitten im Grünen.“

Und es stimmt: Auf einer Parkbank sitzend, die Nase in die Sonne gereckt, die Jacke ob der frühlingshaften Temperaturen schon lange abgelegt, lässt es sich im Park Louisa fast vergessen, dass man sich mitten in einer Großstadt befindet. Zumindest bis der nächste Zug durch die städtische Naherholung rauscht.

Zufälliges Ziel

Ganz unvorbereitet gehen FR-Reporter:innen für diese Serie auf Tour. Ihr Ziel ist jeweils ein Ort, der zufällig bestimmt wird, durch einen ungezielten Pfeilwurf auf den Frankfurter Stadtplan.

Wo der Pfeil steckenbleibt, sind Fotograf:in und Schreiber:in am selben Tag unterwegs, sehen sich genau um und fragen die Leute, die sie treffen: Was machen Sie denn da?

Die Zufallstreffer, die daraus entstehen, sind Geschichten, die sonst vielleicht nie erzählt worden wären.

Doch beschweren will sich in Zeiten von Verkehrswende und Träumen von der autofreien Stadt keiner über den Bahnlärm. „Die Stadt will, dass die Leute ihr Auto öfter stehen lassen. Das finde ich auch ganz richtig so“, meint Jürgen Winter, der in der Mörfelder Landstraße einen Kiosk betreibt. „Dann kann es aber nicht sein, dass hier noch die alten Straßenbahnen rumfahren, in die kein alter Mensch mit Gehhilfe reinklettern kann. Wenn es regnet, sammelt sich an der Kreuzung Mörfelder und Stresemannallee das Wasser in den abgesenkten Rinnsteinen, da haben wir dann knöcheltiefe Pfützen.“ Das lädt nicht wirklich ein zu klimafreundlicher Mobilität. Seit Jahren sei da nichts gemacht worden, beklagt Winter. „Manchmal habe ich das Gefühl, die Stadt Frankfurt hat vergessen, dass es West-Sachsenhausen überhaupt noch gibt.“

Hier hat der Dartpfeil die Karte getroffen.
Hier hat der Dartpfeil die Karte getroffen. © FR

Winter kennt die Gegend gut: „Ich bin in der Heimatsiedlung aufgewachsen und lebe bis heute in Sachsenhausen.“ Der Zustand des Viertels ärgert Winter jeden einzelnen Tag. Früher sei der Westen von Sachsenhausen eine Gegend gewesen, in der viele Leute gerne gewohnt hätten, erinnert er sich. Heute sei das soziale Gefälle extrem. Einen Grund hierfür sieht Winter in den vielen Sozialwohnungen. „Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, die Leute können ja nichts dafür. Ich habe auch überhaupt nichts dagegen, mit ihnen zusammen hier zu wohnen. Aber die Stadt baut sich einen Slum auf, wenn sie einfach alle armen Menschen zusammenpfercht.“ Eine gesunde Mischung wäre besser für die Gegend, meint Winter.

In seinem Kiosk, den er seit gut fünf Jahren betreibt, trifft er viele Menschen, mit denen er gemeinsam aufgewachsen ist. Gerade unter den älteren Mitmenschen gebe es noch einige Alteingesessene. Immer wieder unterbricht Winter das Gespräch und wendet sich seiner Kundschaft zu. Die Wenigsten gehen ohne einen kurzen Plausch wieder hinaus. Ein Mann hat von einem beunruhigenden Gerücht gehört: „Stimmt das, du gehst in Rente?“ Jawohl, mit 63 Jahren sei es langsam mal genug, meint Winter. Für den Laden sucht er gerade einen Nachfolger.

Wie viele Kioskbesitzer kennt Jürgen Winter sich bestens im Viertel aus.
Wie viele Kioskbesitzer kennt Jürgen Winter sich bestens im Viertel aus. © Monika Müller

Dass der Fortbestand des Kiosks ihm ein großes Anliegen ist, ist ihm deutlich anzumerken: „Hier gibt es jetzt schon nicht mehr so viel wie früher. Die alten Leutchen müssen mit der Bahn zum Schweizer Platz fahren, nur um mal auf die Sparkasse zu gehen. Das ist wirklich eine Katastrophe.“

Hier die Sozialwohnungen, dort der Luxus der Reichen, dazwischen eine kleine, grüne Oase der Ruhe, wenn auch nicht der Stille: Im Westen von Sachsenhausen findet sich vieles, das Frankfurt ausmacht. Arm und Reich, Alt und Jung, Neuzugänge und Alteingesessene, leben hier gemeinsam oder doch zumindest nah beieinander.

Bei allen Unterschieden vereint aber eines alle Gesprächspartner:innen an diesem Mittwochmorgen: Weg will hier eigentlich niemand.

Jana Ballweber ist sichtlich stolz, dass sie die Karte getroffen hat.
Jana Ballweber ist sichtlich stolz, dass sie die Karte getroffen hat. © Redaktion

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