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Frankfurt: Public Viewing bei der Frauen-EM mal ganz anders

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Von: Stefan Behr

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Manchen Schreck müssen die Fans beim Public Viewing im Frankfurter Waldstadion überstehen. Am Ende jubelt England.
Manchen Schreck müssen die Fans beim Public Viewing im Frankfurter Waldstadion überstehen. Am Ende jubelt England. Renate Hoyer © Renate Hoyer

Abgesehen vom Ergebnis zeigt das Waldstadion Fußball von seiner schön entspannten Seite. Bis auf das Getränkeproblem.

Frankfurt - Hat das noch etwas mit Fußball zu tun? Eine halbe Stunde vor Anpfiff ist das Waldstadion als solches kaum wiederzuerkennen. Niemand fackelt einem mit Bengalo die Augenbrauen ab, keiner rülpst einem seinen Bier-Brodem ins Gesicht. Niemand brüllt. Und wo bitte sind die ganzen Besoffenen? Die wenigen Menschen, die man trifft, vermitteln vielmehr den Eindruck, als seien sie zum Spaß hier und Fußball die schönste Nebensache der Welt.

„Wenn heute die Eintracht Frankfurt spielen würde, wäre der Weg voll“, erklärt ein kleiner Junge seinen Eltern, „und aus dem Stadion käme viel mehr Krach.“ „So ist doch auch mal ganz schön“, meint die Mutter. Und tatsächlich wird der Weg zum Stadion so zum Naturlehrpfad, auf dem man erfahren kann, wie das Waldstadion zu seinem Namen kam, ehe es zur Deutschen Parkbank wurde. Es ist nämlich von einem solchen umgeben. Doch normalerweise sieht man den Wald vor lauter Menschen nicht.

Frankfurt: Public Viewing im Waldstation - Ein Spiel dauert 90 Minuten

Über den Wipfeln ist Ruh‘. Doch im Stadionrund machen die Zuschauer doch ein bisschen Lärm, um die Frauen-Nationalmannschaft zu unterstützen. Es ist nicht so, dass hauptsächlich Weibsvolk anwesend ist. Etwa die Hälfte der mehr als 1000 Gäste sind Männer – zumindest liest sie der Laie als solche. Als vor Beginn der Partie die deutsche Nationalhymne gespielt wird, steht das Publikum fast geschlossen auf, viele singen mit, Deutschlandfahnen werden geschwenkt. Hat wohl doch was mit Fußball zu tun.

Und wer den Fußball liebt, der weiß: Ein Spiel dauert 90 Minuten. Das entspricht auch ziemlich genau der Zeit, die man in der Warteschlange vor den zwei geöffneten Getränkeständen verbringt, wenn einen der Durst zwickt. Aber echte Fans wissen natürlich auch, dass die 90-Minuten-Regel bei Spielen von Deutschland gegen England nicht gilt. Da dauert’s meistens bis zum Elfmeterschießen. Eine Wurst bekommt man hingegen binnen einer Nachspielzeit, und so schmeckt sie leider auch.

Nach einer eher mauen ersten Halbzeit versucht eine Einpeitscherin auf der FFH-Bühne, ein wenig Stimmung zu generieren, indem sie die Anwesenden auffordert, „die La Ola“ zu üben. Die hat zwar immer noch einen Artikel zu viel, ist aber nicht ganz so schlimm wie die im Herrenfußball mittlerweile etablierte „La-ola-Welle“. Immerhin macht das Publikum La Ola. Dann gibt’s noch einen guten Rat: „Seht zu, dass ihr ordentlich trinkt. Ich habe mir sagen lassen, dass es etwas länger dauert, bis man seine Getränke kriegt.“

Public Viewing in Frankfurt: Minuten ist es mucksmäuschenstill im Waldstadion

Das ist stark untertrieben. Die Schlangen vor den zwei Getränkeständen haben mittlerweile Champions-League-Format erreicht. Ein so verärgerter wie durstiger Mann liefert eine perfekte Halbzeit-Analyse: „Das ist wie am letzten Spieltag gegen Werder. Da waren auch nur zwei Getränkestände auf. Das ist zu wenig!“ Ein zusätzlicher Getränkestand würde dem Spiel jetzt guttun.

Stattdessen fällt ein Tor, das keiner braucht. Eins für England. Und ein paar Minuten ist es mucksmäuschenstill im Waldstadion. Bis das Tor fällt, dass jeder braucht und bei dem das Stadion akustisch ganz kurz fast das Eintracht-Level erreicht.

In der Nachspielzeit sehen ein paar Wagemutige die Chance, dem Tod durch Verdursten von der Schippe zu springen. Die Schlangen sind jetzt so moderat, dass es bis zum Elfmeterschießen klappen könnte. Aber es kommt nicht zum Elfmeterschießen. Gegen England! Hat das noch etwas mit Fußball zu tun?

Aber ja doch. Es ist halt nur eine etwas andere Art. Die feine englische, könnte man sagen, wenn das an diesem Abend nicht etwas unpassend wäre. Trotz der unglücklichen Niederlage tritt oder schlägt keiner irgendwas oder irgendwen kaputt. Enttäuscht, aber friedlich, verschwinden die Fans dahin, wo es etwas zu trinken gibt. Und morgen stehen die Damen auf dem Römerbalkon. Das ist Fußball! (Stefan Behr)

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