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Frankfurt: Psychiatrien wollen mehr Personal

  • Steven Micksch
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Eine neue Richtlinie zur veralteten Psychiatrie-Personalverordnung sollte Entlastung bringen. Stattdessen drohen Schließungen von kleineren Psychiatrien. Eine Petition soll den Ernstfall noch abwenden.

Die Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums hat am Donnerstag an einer bundesweiten Protestaktion teilgenommen. Die psychiatrischen Kliniken in Deutschland fordern eine zeitgemäße Personalausstattung und fühlen sich von einer neu erarbeiteten Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) verschaukelt.

Die Intention des Gesetzgebers, die 30 Jahre alte Psychiatrie-Personalverordnung neu und zeitgemäß gestalten zu lassen, war eigentlich eine gute. Andreas Reif, Direktor der Frankfurter Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, erzählt: „Es hat sich viel verändert. Bürokratie und Dokumentation nehmen Zeit in Anspruch, dazu kommen deutlich personalintensivere Behandlungen. Außerdem gibt es mehr Arbeit, weil es mehr Patienten gibt.“

Frankfurt: „Fakt ist, dass man nicht mehr Personal in den Kliniken sehen wird“

Drei Jahre lang hat der GBA die neue Richtlinie erarbeitet. „Sie spiegelt aber nicht das wider, was gebraucht wird“, sagt Reif. Bei der Neugestaltung seien keine Experten angehört oder Studien zurate gezogen worden.

So stehe unterm Strich, dass es insgesamt vier Prozent mehr Personal geben soll. „Das soll die vergangenen 30 Jahre ausgleichen“, erläutert Reif. Doch diese vier Prozent mehr Arbeitskraft würden allein durch massiv erhöhten Dokumentationsaufwand gebunden.

Zudem solle es immer eine 85-prozentige Mindestbesetzung in den Häusern geben. Ab 2022 steigt diese auf 90 Prozent und ab 2024 auf 100 Prozent. Klinikchef Reif fragt sich bei diesen Zahlen, wie das Ganze überhaupt gehen soll. „Schon durch Urlaub fehlen im Schnitt 13 Prozent. Das bedeutet, dass man mindestens eine Personalquote von 110 Prozent bräuchte.“ Um diese zu bekommen, müsse man aber mit den Krankenkassen verhandeln, denn die stellen das Budget. Reif fürchtet, dass sich die Krankenkassen aber eher an den mindestens geforderten 85 Prozent orientieren – damit könne sogar Personal wegfallen. „Fakt ist, dass man nicht mehr Personal in den Kliniken sehen wird.“

Frankfurt: „Was wir brauchen, ist mehr Zeit am Patienten“

Obendrein enthält die neue Richtlinie die Möglichkeit der Sanktionierung, wenn es Tage mit weniger als 85 Prozent Personal gibt. „Dann gibt es einen Vergütungsausschluss, das heißt, die Krankenkassen zahlen für diesen Tag nicht.“ Manifestiere sich dieses Problem, könnten Kliniken vor allem in ländlichen Gebieten in die roten Zahlen rutschen und würden schlussendlich dichtgemacht, sagt Reif. Die Krankenkassen hätten eine Waffe an die Hand bekommen, um ebensolche kleinen Psychiatrien zu schließen. „Was wir brauchen, ist mehr Zeit am Patienten. Dafür braucht es mehr Personal und nicht Misstrauen gegenüber Krankenhäusern.“

Um gegen die neue Richtlinie vorzugehen, unterstützen die psychiatrischen Kliniken eine Petition des Bundesverbands der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen. Die Eingabe soll den Bundestag dazu zwingen, sich mit der Thematik zu befassen. 50 000 Unterschriften werden benötigt. Auch online kann unterschrieben werden, mindestens 10 000 Menschen haben das bereits getan. Die Petition steht unter www.mehr-personal.org. Noch bis zum 24. Dezember kann man unterschreiben.

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