Ein Meer aus Blumen, Kuscheltieren und Beileidsbekundungen am Gleis 7 des Frankfurter Hauptbahnhofs. Ein achtjähriger Junge wurde hier am 29. Juli 2019 von einem Mann vor einen einfahrenden ICE gestoßen und getötet.
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Ein Meer aus Blumen, Kuscheltieren und Beileidsbekundungen am Gleis 7 des Frankfurter Hauptbahnhofs. Ein achtjähriger Junge wurde hier am 29. Juli 2019 von einem Mann vor einen einfahrenden ICE gestoßen und getötet.

Prozessbeginn

Tod eines Achtjährigen: Die Schreckenstat vom Frankfurter Hauptbahnhof

  • Stefan Behr
    vonStefan Behr
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Am Landgericht Frankfurt beginnt der Prozess gegen den Mann, der am Hauptbahnhof einen Achtjährigen vor einen ICE gestoßen haben soll.

  • Im Juli 2019 wird ein achtjähriger Junge im Frankfurter Hauptbahnhof vor einen Zug gestoßen und stirbt
  • Eine Tat, die nicht nur die Stadt, sondern das ganze Land erschüttert
  • Beim Landgericht Frankfurt beginnt jetzt der Prozess gegen den Beschuldigten

Ob man es nun ein Verbrechen oder eine Tragödie nennt – es war eine Tat, die nicht nur die Stadt, sondern das ganze Land bis ins Mark erschüttert hat. Am Morgen des 29. Juli 2019 stößt Habte A. am Hauptbahnhof eine Mutter und ihren acht Jahre alten Sohn auf Gleise, auf denen gerade ein ICE einfährt. Die Mutter kann sich in letzter Sekunde zur Seite rollen und überlebt. Ihr Sohn wird von dem Zug überrollt und stirbt im selben Augenblick.

Junge ins Gleis gestoßen: Eine Tat ohne Anlass, ohne Erklärung

Es gibt keinen Anlass für die Tat. Die einzige Erklärung ist, dass A. laut einem vorläufigen psychiatrischen Gutachten unter paranoider Schizophrenie und einem außergewöhnlich manifesten Verfolgungswahn leidet. Die Staatsanwaltschaft geht von A.s Schuldunfähigkeit aus und verliest darum keine Anklageschrift, sondern eine Antragsschrift im Sicherungsverfahren – der 41-Jährige ist kein Angeklagter, sondern ein Beschuldigter, und die Beschuldigungen lauten Totschlag, versuchter Totschlag und Körperverletzung. Auch Mord kommt in Betracht, sollte sich herausstellen, dass A. bewusst die Arg- und Wehrlosigkeit von Mutter und Sohn für das Attentat ausgenutzt habe. Es geht um die dauerhafte Unterbringung des Beschuldigten in einer geschlossenen Psychiatrie.

Am Mittwochmorgen wird der Beschuldigte in Handschellen in Saal I des Landgerichts vorgeführt, für den an diesem Tag außergewöhnlich strenge Sicherheitsvorschriften gelten. Das Interesse an dem Fall ist groß, die Anzahl der Zuschauerplätze coronabedingt gering. A. trägt wenig passend ein Hawaiihemd. Im Gesicht trägt er eine Schutzmaske, so dass lediglich seine Augen zu sehen sind. Ihr Blick ist stechend.

Der Angeklagte will sich nicht erinnern können

Zu der Tat und zu seiner Person will A. sich nicht äußern. Sein Verteidiger Stefan Bonn verliest stattdessen in seinem Namen eine etwas dünne Erklärung. „Falls ich das getan haben sollte“, lässt A. ausrichten, denn er will an die Tat keinerlei Erinnerung haben, dann „tut es mir unendlich leid, vor allem für die Familie“. Der Rest ist Schweigen.

Der Sachverständige, der mit A. in der Psychiatrie geredet hat, erzählt von einem Patienten, der erst „misstrauisch und gereizt“ gewesen, dann nach Vermittlung Bonns aber doch noch ins Reden gekommen sei. Die Lebensgeschichte A.s, die er der Kammer erzählt, ist eine durchaus außergewöhnliche. A. ist ein Kriegsflüchtling aus Eritrea, der erreicht hatte, wovon andere nur träumen: ein sicheres Leben in der Schweiz, eine bestens bezahlte Arbeit, drei Kinder mit einer Frau, die er seit Kindheitstagen kennt. Und dann bricht der Wahnsinn in sein Leben, der alles zerstört, er hört Stimmen, die ihn treiben – aus seinem Job, aus der Schweiz, weg von der Familie, hin nach Frankfurt und zu einer Tat, die er sich, wie er dem Gutachter sagte, bis heute nicht erklären könne. A. habe ihm gesagt, so der Gutachter, er sei „orthodoxer Christ“, er richte sich nach den Zehn Geboten, und wenn das stimme, was ihm vorgeworfen werde, dann habe er die mit Füßen getreten. Aber er erinnere sich nicht.

Nach der Tat im Frankfurter Hauptbahnhof: Zeugen berichten von schrecklichen Bildern

Dafür erinnert sich Gerlinde S. im Zeugenstand. Die 79 Jahre alte Rentnerin war an jenem Tag ebenfalls von A. in Richtung Zug gestoßen worden, fiel aber nur auf den Bahnsteig und überlebte – verletzt an Leib und Seele. Noch heute trägt sie eine Platte im Ellenbogen. Aber das ist nichts im Vergleich zu den Bildern, die sich ihr eingebrannt haben. Im Zeugenstand erzählt S., die wie die Eltern des getöteten Jungen als Nebenklägerin auftritt, was sie bis heute sieht. Sie erzählt es im Präsens, in einem Gerichtssaal, in dem atemloses Schweigen herrscht.

„Ich sehe die Frau und das Kind durch die Luft fliegen. Die Frau macht einen Schritt in der Luft.“ Sie sieht den Zug einfahren. Sie wird gestoßen, stürzt zu Boden. „Ich sehe, wie der Täter flieht, ganz locker, als würde er joggen.“ Dann sieht sie wieder die Frau, begreift aber noch nicht, was sie sieht, sie wundert sich nur, dass die Frau überlebt hat. „Die Frau schreit ganz fürchterlich. Von dem Kind keine Spur.“ Dann erst begreift sie. Der Prozess wird fortgesetzt. (Stefan Behr)

Der Prozess gegen Habte A., der eine Frau und ihren Sohn vor einen ICE am Hauptbahnhof Frankfurt gestoßen haben soll, führt alle Beteiligten an die Belastungsgrenze. Augenzeugen der Tat berichten von ihren Traumata.

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