Prozessbeginn

Prozess wegen Totschlags vor Supermarkt

  • Stefan Behr
    vonStefan Behr
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Ein Mann soll seine Ex-Freundin mit einem Messer erstochen haben, das sie ihm unmittelbar vor der Tat in Bornheim gekauft hatte. Trotz der Grausamkeit ist er nicht wegen Mordes angeklagt.

Vor dem Landgericht hat am Mittwochmorgen der Prozess gegen den 43 Jahre alten Sam M. begonnen. Er muss sich wegen Totschlags an seiner Ex-Freundin, der 24-jährigen Günay Ü., verantworten – auch wenn die Umstände der Tat zumindest das Mordmerkmal der besonderen Grausamkeit nicht ganz abwegig erscheinen lassen.

Laut Anklage hatte sich das spätere Paar in der Akutpsychiatrie eines Frankfurter Krankenhauses kennengelernt – sie arbeitete dort als Krankenschwester, er hatte die Klinik wohl aus eigenem Antrieb aufgesucht, um seine Drogensucht zu kurieren.

Bis zur endgültigen Trennung verlief die mehrmals unterbrochene Liebesbeziehung wohl ziemlich disharmonisch, jedenfalls musste die Polizei immer wieder zu der Bornheimer Wohnung der Krankenschwester ausrücken, wenn die von ihrem Freund mal wieder verprügelt worden war. Am 7. Oktober 2019 hatte die Frau dann wohl endgültig genug und schmiss den Schläger raus.

Der wollte die Trennung nicht akzeptieren. An den beiden Folgetagen kreuzte er laut Anklage dreimal vor der Wohnung auf, „klingelte Sturm und randalierte“, forderte seine Klamotten und sein Handy – das allerdings die Frau bezahlt hatte – sowie ein klärendes Gespräch, was ihm alles verweigert wurde. Ü.s Mutter kündigte M. daraufhin an, er werde ihre Tochter „abschlachten“.

Am 10. Oktober passte M. seine von der Arbeit kommende Ex-Freundin dann an der U-Bahn-Haltestelle Seckbacher Landstraße ab und forderte abermals erfolglos Handy und Gespräch ein. Ü. soll „genervt“ gewesen sein und ihn weitgehend ignoriert haben. Als der Verschmähte daraufhin ankündigte, sich umbringen zu wollen, soll die Frau geantwortet haben, dass man dann wohl ein Messer kaufen müsse.

Bitterer Ernst

Was vermutlich als Scherz gedacht war, wurde bitterer Ernst. Kurz vor 23 Uhr gingen beide in einen Supermarkt in der Heidestraße – er suchte ein Küchenmesser mit einer Klingenlänge von 21 Zentimetern aus, sie bezahlte es.

Vor dem Supermarkt ging er dann mit dem Messer auf sie los, sie versuchte über den Vorplatz zu flüchten, wurde aber nach wenigen Metern von ihrem Verfolger eingeholt, der wie besessen auf die um Hilfe rufende Frau einstach.

Günay Ü. erlag noch in der Tatnacht in einem Krankenhaus ihren schweren Verletzungen. Ihr Körper wies 35 Stichverletzungen auf. Dennoch geht die Staatsanwaltschaft nicht von besonderer Grausamkeit aus, die eine Mordanklage begründen könnte. Viele der Stichverletzungen seien auf Abwehrversuche der Frau zurückzuführen. Zudem ist es so, dass das Mordmerkmal der Grausamkeit fast ausschließlich in Fällen von völlig absurder Brutalität zur Geltung kommt. Auch das Mordmerkmal Heimtücke ist hier nicht gegeben, da das Opfer sich des Angriffs auf sein Leben in diesem Moment durchaus bewusst gewesen sei.

Wegen einer vermutlichen „dissozialen Persönlichkeitsstörung“ und der Drogensucht M.s sitzt auch ein psychiatrischer Gutachter in dem Prozess, in dem ebenfalls Verwandte des Opfers als Nebenkläger auftreten. Am ersten Verhandlungstag wurde lediglich die Anklage verlesen – für heute haben die Verteidiger M.s angekündigt, dass ihr Mandant sich wahrscheinlich zu den Vorwürfen äußern wolle.

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