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Prozess um Überfall auf Kiosk: Schießerei als Auftakt eines Kleinkriegs?

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Von: Stefan Behr

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Nach einer Schießerei im Januar 2021 beginnt in Frankfurt nun der Prozess gegen die Angeklagten. (Symbolbild)
Nach einer Schießerei im Januar 2021 beginnt in Frankfurt nun der Prozess gegen die Angeklagten. (Symbolbild) © Martin Juen/Imago

In Frankfurt startet der Prozess unter enormen Sicherheitsvorkehrungen.

Frankfurt – Das war dann doch selbst für die Allerheiligenstraße allerhand. In der Nacht auf den 29. Januar 2021 fährt eine Autokolonne von acht Wagen vor, etwa drei Dutzend sinistre Gestalten steigen aus, einige davon eröffnen grußlos das Feuer auf einen Kiosk, vor dem acht Menschen stehen, die sich hinter den Tresen flüchten. Die Fetzen fliegen, die Polizei wird später Kugeln aus Fensterrahmen und Kioskwand klauben, aber verletzt wird niemand.

Zumindest noch nicht. Anfang März wird ein 38 Jahre alter Mann im Gallus von fünf Angreifern mit Baseball- und Totschlägern halb totgeschlagen. Die Polizei vermutet „eine Racheaktion für die Schießerei im Allerheiligenviertel“. Bei den Rächern soll es sich um Mitglieder einer Großfamilie handeln. Die Polizei will aber nicht von „Clan-“, sondern lieber von „Milieukriminalität“ sprechen. Casus belli ist wohl ein Revierstreit im Drogengeschäft. Weitere kleine Rache- und Gegenrachescharmützel sollen folgen.

Frankfurt: Prozess um Schießerei in Allerheiligenstraße unter enormen Sicherheitsvorkehrungen

Vor dem Landgericht stehen seit Dienstag sechs mutmaßliche Veteranen der Eröffnungsschlacht in der Allerheiligenstraße. Die vier 22 bis 39 Jahre alten Männer sind wegen versuchten Totschlags, schweren Landfriedensbruchs und allerlei Verstößen gegen das Waffengesetz angeklagt. Als Haupttäter gelten ein 23 und ein 30 Jahre alter Mann, die mindestens elf Mal geschossen haben sollen.

Der Prozess wird unter enormen Sicherheitsvorkehrungen geführt. Eine bedauerliche Notwendigkeit, sagt der Vorsitzende Richter, der ganze Hickhack der rivalisierenden Gruppen habe ja noch ein paar Nebenwirkungen ins Umland getragen, die in Wiesbaden und Gießen verhandelt würden, und dort sei es dabei an den Gerichten zu unschönem „Schaulaufen“ der rivalisierenden Gruppen sowie Bedrohungen gekommen.

Dazu kommt es in Frankfurt, vielleicht auch wegen der beeindruckenden Polizeipräsenz, nicht. Lediglich zwei Brüder eines Angeklagten sitzen im Publikum, sind aber friedlich und bedrohen nichts und niemanden.

Frankfurt: Angeklagter weist Ähnlichkeiten zu verurteiltem „Hells Angel“ auf

Bei den Angeklagten ist ziemlich klar, dass es sich nicht um einen „Clan“ klassischer Provenienz handelt. Die Namen der Männer sind so verschieden wie ihre Herkunft. Sie alle eint, dass sie laut Eigenaussage alle ehrbaren Berufen nachgehen: Monteur, Gastronom, Geschäftsführer, Security, Sport- und Fitnesskaufmann. Lediglich einer gibt an, früher als Bankkaufmann gearbeitet zu haben, bis er als Club- und Wettbürobetreiber dieses Milieu verließ.

Der „Sport- und Fitnesskaufmann“ teilt sich Namen, Alter und Gesichtszüge mit einem Mann, den das Landgericht – wie auch hier die 21. Große Strafkammer – wegen Totschlags zu einer Freiheitsstrafe von neuneinhalb Jahren verurteilt hatte. Das Hells-Angels-Mitglied hatte im Dezember 2006 aus Verärgerung über eine Einlassverweigerung einen Türsteher der Discothek „Cooky’s“ erstochen. Ob es sich tatsächlich um diesen Mann handelt, war am ersten Verhandlungstag weder Thema vor Gericht noch der Verteidigerin des Fitnesskaufmanns zu entlocken.

Frankfurt: Angeklagte zeigen sich juristisch stilsicher

Am ersten Verhandlungstag passierte ohnehin nicht viel mehr als die Verlesung der Anklage – aus Rücksicht auf wegen anderer Termine verhinderter Verteidiger. Immerhin beweist die Auswahl der anwesenden Verteidiger, dass die Angeklagten juristisch stilsicher und zahlungsfähig sind.

Ebenfalls außerhalb der üblichen Clan-, aber auch Hells-Angels-Etikette haben zumindest zwei Angeklagte angekündigt, sich zu den Vorwürfen äußern zu wollen. Was aber die allgemeine Aussagefreude angeht, gibt sich die Kammer keinen Illusionen hin. Es wird mit einer langwierigen Wahrheitsfindung gerechnet. Bislang sind 13 Verhandlungstage bis Ende August angesetzt.

Ein wenig pressiert es, denn die Angeklagten, die im März und Juni vergangenen Jahres festgenommen worden waren, sitzen seitdem in Untersuchungshaft – jeder in einem anderen Gefängnis. Das wiederum ist nicht unüblich bei Clans. (Stefan Behr)

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