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Justitia ist wachsam. Der Herr auch.

Prozess

Vergebung vor Gericht

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Ein bekehrter Sünder wird nach 20 Jahren wegen räuberischer Erpressung angeklagt - und am Ende liegen sich alle in den Armen.

Sein Damaskuserlebnis hatte Paulusz S. nicht am 15. Februar im Jahre 1999. An jenem Tag überfiel er, damals noch ganz Saulusz S., das Wasserhäuschen „Zum windigen Eck“ in Heddernheim. Er bedrohte dessen Betreiber, Petros D., mit einer Pistole und verlangte nach Barem. Aber Petros D., ein robuster Grieche und gelernter Kürschner, verspürte recht wenig Lust, die knapp 6000 Euro aus der Kasse zu spenden. Stattdessen schnappte er sich mit der einen Hand S.s Haare und mit der anderen einen Holzknüppel. S. riss sich mit knapper Not los und flüchtete ohne Beute. Er verlor bei dem Überfall einen Schal, eine Mütze, ein leeres Portemonnaie und ein Büschel Haare.

Sein Damaskuserlebnis hatte Paulusz S. 2007 auf dem Friedhof von Eschborn. Ihn erwischte es nicht hoch zu Kamel, sondern beim Gassigehen mit dem Hund seiner Freundin. Bis dahin war S. ein rechter Taugenichts vor dem Herrn gewesen: drogensüchtig, dauerkriminell, unzählige Male nach Polen abgeschoben, ebenso oft zurückgekehrt, mit einem Vorstrafenregister so ausladend wie Abrahams Stammbaum. Auf dem Eschborner Friedhof aber sei ihm der Herr erschienen und habe ihn gefragt, wie lange er den Unsinn noch weiterzutreiben gedenke. Und er, S., habe sein Leben in all seiner Verpfuschtheit gesehen und den Herrn um Vergebung angefleht, denn „es war so, dass ich nicht wusste, was ich tue“. Und der Herr, frohlockt S. am Dienstag vor dem Landgericht, habe ihm vergeben.

Paulusz S. hat den Herrn gefunden - und dreht nie wieder ein krummes Ding

Was jetzt kommt, klingt kitschig, ist aber durch die Aktenlage gedeckt. S. sagt den Drogen Adieu. Er dreht nie wieder ein krummes Ding. Er reist erstmals freiwillig nach Polen und hilft im Kohlenladen seines Bruders aus. Dann geht er nach England, findet eine Stelle in einer Großbäckerei, arbeitet sich zum Schichtführer hoch, lernt eine Frau kennen, zeugt eine Tochter, kauft ein Haus.

Doch wie das Bildnis des Dorian Gray dessen Unschuld konservierte, konservieren S.s Haare seine Schuld. Die eigenen werden immer lichter, aber die von Petros D. ausgerissenen überleben in der Asservatenkammer. 2007 werden sie bei einem Routinevorgang S. zugeordnet, seitdem wird er per internationalem Haftbefehl gesucht, der die Verjährungsfrist obsolet macht. Als S. Anfang 2019 wieder mal nach Deutschland reisen will, landet er in U-Haft. Er ist sofort geständig und nennt dem Haftrichter seine damaligen Mittäter: „Der Teufel und die Drogen!“ Beide werden gesondert verfolgt.

In England wollen alle Paulusz S. wiederhaben. Alle haben dem Landgericht Briefe geschrieben. Der Pfarrer der englischen Gemeinde schreibt, S. sei wie der verlorene Sohn eine Freude vor dem Herrn. S.s Arbeitgeber preist ihn als Zierde der Bäckerzunft: pünktlich, eifrig, ehrlich, zuverlässig. Seine Lebensgefährtin bittet um sofortige Rücksendung: Die Tochter weine sich die Augen aus und der Kredit für das Haus sei noch nicht abgezahlt.

Geschädigter: „Du bist mit mir jetzt Freund!“

Der Auftritt von Petros D. im Zeugenstand besorgt den Rest. Als der ausgesagt hat, dass alles nicht so wild gewesen sei damals, steht S. auf, und unter Tränen kratzt er seine Deutschkenntnisse zusammen: „Verzeihen Sie mich, bitte!“ Und Petros D. steht auch auf, geht auf den Angeklagten zu und umarmt ihn. „Alles erledigt“, tröstet D. den reuigen Sünder, „du bist mit mir jetzt Freund!“ Dann lässt sich Paulusz S. ein Küsschen auf die rechte Wange drücken und hält auch noch die linke hin, beide Männer liegen sich in den Armen, und S.s Zähren fließen wie der Jordan zu seinen besten Zeiten.

Der Herr hat’s vergeben, Petros D. erst recht, da will die Große Strafkammer nicht hintanstehen und verurteilt S. wegen versuchter räuberischer Erpressung in einem minderschweren Fall zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren – milder geht’s nicht.

Der Haftbefehl wird aufgehoben. Paulusz S. freut sich auf England. Obwohl das auch nicht das Paradies sei: Unlängst, klagt der 42-Jährige, hätten ihn dort zwei junge Polen überfallen und seiner Barschaft beraubt. Bei all seiner Gnade scheint der Herr sich mitunter auch ein Späßchen zu gönnen.

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