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Mit einer Kladde vor dem Gesicht schützt sich der als „Emir“ bekannte Angeklagte vor den Fotografen.

Frankfurt

Prozess gegen mutmaßlichen IS-Terroristen „Emir“ beginnt

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In Frankfurt beginnt der Prozess gegen den mutmaßlichen IS-Terroristen „Emir“. Die Hauptzeugin verweigert überraschend die Aussage.

  • Prozess gegen mutmaßlichen IS-Terroristen „Emir“
  • Hauptzeugin verweigert Aussage
  • Prozess wird fortgesetzt

Frankfurt - Die Aussage der Ehefrau des „Emirs“ war mit Spannung erwartet worden. Denn es war die 25 Jahre alte Marha al F. gewesen, die mit ihren Angaben gegenüber der Polizei erst dafür gesorgt hat, dass sich der 33 Jahre alte Mohamed al G. wegen Mitgliedschaft in der Terrororganisation IS vor dem Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts responsabel muss. Der ehemalige Hilfsbauarbeiter soll mindestens 20 IS-Kämpfer befehligt, in Schlachten mitgekämpft und als leitender Sittenwächter der „Religionspolizei“ in der vom IS besetzten Stadt Raqqa mehrere vermeintliche Frevler seinen Vorgesetzten und damit dem so gut wie sicheren Tod überantwortet haben.

Prozess in Frankfurt gegen mutmaßlichen IS-Terroristen: Angst im Gesicht der Hauptzeugin

Es war Marha al F. gewesen, die angab, ihr Mann und etliche seiner zahlreichen Brüder hätten mit Begeisterung für den IS gekämpft – und seien keineswegs, wie sie bei ihrer Einreise nach Deutschland angegeben hatten, vor dem IS geflohen, weil dieser ihr Engagement für Kranke und Verletzte jeden Glaubens sehr kritisch betrachtet habe.

Es gab den Verdacht, dass Marha al F. in Deutschland zeitweise in einer Wohnung eines Bruders von Mohamed al G. gefangengehalten worden sei, auch von einer Vergewaltigung war die Rede, aber nichts davon konnte bewiesen werden. Ein Befreiungskommando der Polizei konnte aber immerhin den Terrorverdächtigen festnehmen. Die Aussagen der Frau und die Bedrohung durch den Clan ihres Ehegatten, der in Deutschland mittlerweile Kompaniestärke erreicht haben dürfte, wurden zumindest als glaubhaft genug eingeschätzt, um die Frau in das Zeugenschutzprogramm aufzunehmen.

Gegen 10 Uhr betritt also die Hauptzeugin der Anklage den Hochsicherheitssaal des Gerichts, flankiert von bewaffneten Polizisten und Zeugenbetreuern. Sie trägt einen glitzernden Turban auf dem Kopf und nackte Angst im Gesicht. Ihr Ehemann fixiert sie von der Anklagebank aus – und wenn Blicke töten könnten, dann hätte der „Emir“ in Syrien gewiss keine Kalaschnikow gebraucht, die er laut Anklage besessen und genutzt haben soll.

Prozess in Frankfurt gegen mutmaßlichen IS-Terroristen: Hauptzeugin verweigert Aussage

Der Vorsitzende Richter Thomas Sagebiel klärt sie zur Begrüßung wie es Sitte ist darüber auf, dass sie als Ehefrau des Angeklagten zwar aussagen könne, aber nicht müsse. Auf die Frage, was sie machen wolle, antwortet sie: „Nichts.“ Nicht nur Sagebiel ist etwas irritiert und fragt noch einmal nach. „Ich habe nichts zu sagen“, antwortet die Frau. Damit ist die Zeugenaussage beendet – und, wie man befürchten kann, womöglich demnächst der ganze Prozess, denn die Anklage stützt sich zu großen Teilen auf die früheren Aussagen der Ehefrau.

Deren Angst ist mehr als verständlich. Laut Aussage eines ermittelnden Polizisten habe der Clan der al G.s mittlerweile eine beängstigende Präsenz in Deutschland erreicht. Sieben seiner Brüder und vier seiner Schwestern seien hier, dazu eine weit größere Anzahl an „Cousins“ und sonstigen Anverwandten. Bereits am ersten Verhandlungstag saßen drei Brüder und ein Neffe im Zuschauerraum – und wurden von Sagebiel des Saales verwiesen, da sie als Zeugen in Betracht kämen. Das Angebot der Sippschaft, zwei von ihnen würden gehen, wenn die beiden anderen bleiben könnten, hörte sich wie ein Angebot an, das man eigentlich nicht ablehnen kann – was der in dieser Hinsicht etwas kulturunsensible Vorsitzende Richter aber dennoch tat. Am zweiten Tag waren keine Verwandten mehr im Zuschauersaal – das wurde vielleicht auch als nicht mehr notwendig erachtet.

Prozess gegen mutmaßlichen IS-Terroristen in Frankfurt wird fortgesetzt

Indem sie sich gegen den Clan ihres Ehemannes auflehnte, den sie laut Aktenlage im Alter von 15 Jahren geheiratet hatte, hat Marha al F. mit Sicherheit Mut bewiesen. Das ist gut und schön, hilft aber auch nicht weiter, wenn man die Verantwortung für drei Kinder trägt, die sie gemeinsam mit al G. hat, die aber mittlerweile bei ihr leben. Wie angesichts des massiven Aufkommens von Verwandten ihres Ehemanns ein dauerhafter Schutz in Deutschland möglich sein soll, war wohl auch der Zeugin der Anklage im Vorfeld ihrer Aussage nicht zu vermitteln gewesen.

Der Prozess wird fortgesetzt, für den kommenden Verhandlungstag ist die Aussage eines weiteren Zeugen vorgesehen. Ob diese dann auch stattfindet, bleibt abzuwarten.

Mohamed al G. ist nicht zurückgekehrt. Er ist gekommen. Laut Anklage soll der gebürtige Syrer sich im Jahr 2013 dem IS angeschlossen haben. Dort soll der ehemalige Bauarbeiter schnell Karriere gemacht haben.

Ein Prozess gegen einen 18 Jahre alten Schüler aus Gießen und mutmaßlich verhinderten IS-Kämpfer vor dem Frankfurter Landgericht wurde unter Ausschluss der Öffentlichkeit geführt. 

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