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Das Land- und Amtsgericht Frankfurt am Main.

Prozess

Grabmal finanziert: Ukrainischer  Totenkult führt zu Banküberfall

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Ein Landgerichtsprozess gegen einen Bankräuber entpuppt sich als Spätfolge der Tschernobyl-Katastrophe.

Sein Vater Leonid, sagt Vadym O. auf der Anklagebank des Landgerichts, sei immer sein Held gewesen. Als Kind sei er mit ihm durch die Wälder der West-Ukraine gestreift; der Vater habe ihm gezeigt, wo die leckersten Pilze wüchsen, wie man die fettesten Fische fange und wie man reite. Und er sei immer noch sein Held gewesen, als er 2006 im Alter von 43 Jahren gestorben sei, an Lungenkrebs, Tuberkulose und Alkoholsucht, allesamt Spätfolgen seines Einsatzes in Tschernobyl, wo der Polizist Leonid O. im April 1986 als Polizist im Einsatz war – und verstrahlt wurde. Da war Vadym O. gerade mal anderthalb Jahre alt.

Vom Tod seines Vaters erfährt Vadym O. in Frankfurt. Er wohnt dort bei seiner Mutter, die sich 1994 von seinem Vater scheiden ließ und dann in Deutschland Arbeit gefunden hatte. Er studiert Wirtschaftswissenschaften an der Goethe-Uni und jobbt nebenbei, um das Studium zu finanzieren. Für große Sprünge reicht das Geld nicht. Erst recht nicht für einen großen Grabstein.

Vadym O. trägt weder Maske noch Handschuhe

In der Ukraine, sagt O.s Verteidiger, herrsche ein „gewisser anderer Totenkult“, der sich in „sehr schönen Grabsteinen“ manifestiere. Vadym O. will seinem Vater zumindest einen setzen, für den sich niemand schämen muss. Die 1000 Euro Anzahlung bringt er zusammen. Die Restzahlung von 3000 Euro nicht. Seine Mutter will er nicht um Hilfe bitten, sie unterstützt ihn finanziell bereits, so gut sie kann. Seine Großeltern in der Ukraine kommen, wenn sie ihre beiden Monatsrenten zusammenzählen, nicht einmal auf einen dreistelligen Euro-Betrag.

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Am 15. Februar 2007 überfällt Vadym O., bewaffnet mit einer laut Staatsanwaltschaft „täuschend echten Spielzeugpistole“ die Sparkassenfiliale in der Offenbacher Landstraße. Es ist kein sehr professioneller Überfall: O. trägt weder Maske noch Handschuhe. Es ist kein sehr lauter Überfall: Die Bankkundin, die direkt vor O. steht, bekommt von dem Überfall erst gar nichts mit. Als ihr der Bankräuber seine Hand auf die Schulter legt und sagt: „Keine Angst, dir passiert nichts“ hält sie die Sache zuerst für einen Faschingsscherz. 

Es ist allerdings ein erfolgreicher Überfall: O. verlässt die Bank mit einer Beute von 10.000 Euro. Dann verlässt er das Land, denn er wird jetzt per Haftbefehl gesucht. Er bezahlt den Grabstein, den Rest der Beute steckt er in sein neues Leben: In der Ukraine macht er einen kleinen Lebensmittelladen auf. Heute ist er verheiratet und hat zwei fünf und sieben Jahre alte Töchter. Bei dem Prozess sitzt seine Frau im Zuschauersaal.

Vadym O. beschließt, tabula rasa zu machen

Im Herbst 2018 beschließt O., der immer noch per europäischem Haftbefehl gesucht wird und daher seine Mutter in Deutschland nicht besuchen kann, tabula rasa zu machen. Mit Hilfe seiner Großmutter sucht er sich einen deutschen Rechtsanwalt, dann verlässt er die Ukraine und wird bei seiner Einreise nach Polen im November festgenommen und via Görlitz nach Frankfurt ausgeliefert. Seitdem sitzt er im Gefängnis von Preungesheim, wo er seine ohnehin immer noch sehr guten Deutschkenntnisse in einem Sprachkurs aufpoliert und seine Rückenschmerzen mit Yoga bekämpft. Die U-Haft in Deutschland sei deutlich erträglicher als die in Polen, sagt er.

Er wird noch eine Zeit lang sitzen. Das Landgericht verurteilt ihn zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und zwei Monaten – sehr viel weniger ist bei einem bewaffneten Banküberfall nicht drin. Für O. spricht, dass er außer dem Banküberfall bislang nie etwas ausgefressen hat. Als das Urteil gesprochen ist, verkündet er sofort den Verzicht auf Rechtsmittel. Fast scheint es, als empfinde er die Strafe als Erlösung. Von der Anklagebank aus lächelt er seine Ehefrau an und wirkt wie einer, dem es endlich doch noch gelungen ist, das Grabmal seines Vaters zu bezahlen. Den Preis dafür scheint er als angemessen zu erachten.

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